Colistin: Warnungen und Risiken

Landwirtschaft

Antibiotika auch 2016 ein Thema

Das Thema Antibiotika in der Tiermedizin ist noch lange nicht vom Tisch. Besonders heikel ist der Einsatz von Reserveantibiotika, die von der Humanmedizin als „letzte Möglichkeit“ gegen Krankheiten eingesetzt werden. Die prophylaktische Verwendung in der Tiermedizin kann zu Resistenzen führen, die am Ende auch bei den Menschen landen und die „letzte Möglichkeit“ ins Leere laufen lassen.

Eines dieser Reserveantibiotika ist Colistin. Das schon seit 1959 auf dem Markt befindliche Colistin, in Deutschland erst seit 2007, gehört zur Gruppe der Polymyxime und wirkt selbst dann noch, wenn Krankheitskeime gegen mehrere Standardantibiotika resistent geworden sind. Da es aber nephrotoxisch, das heißt nierenschädigend wirken kann, wurde es lange Zeit nicht in der Humanmedizin eingesetzt. Erst seit 2012 wieder, schreibt das Ärzteblatt. In der Veterinärmedizin wurde es schon länger für Therapien von schweren Infektionen eingesetzt und das Ärzteblatt warnte schon 2013: Es „besteht die Befürchtung, dass die dabei induzierten Resistenzen auf menschliche Bakterien transferiert werden können.“

Damals lagen dazu allerdings nur eingeschränkte Informationen vor. Das hat sich geändert. Das Team um Yi-Yun Liu von der Veterinärmedizin der Südchinesischen Agraruniversität in Guangzhou, hatte im Herbst 2015 im Fachmagazin „The Lancet“ den Beweis erbracht, das Darmbakterien eine Resistenz gegen Colistin vermitteln [1]. E.coli-Bakterien aus dem Schwein waren Colistin-resistent und konnten diese erworbene Eigenschaft über das Gen MCR-1 an neue Darmbakterien weitergeben.

Rund einen Monat später hat das europäische Referenzlabor in Kopenhagen die Befunde bei E.coli und Salmonellen bis ins Jahr 2012 zurück belegen können. Nach weiteren Beweisen aus England und den Niederlanden vermutet das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) die Anwesenheit der Colistin-Resistenz in Europa schon seit Jahren. Am Freitag hat das Berliner Institut mitgeteilt, es werde weitere Stämme aus der Zeit vor 2012 untersuchen. Ein Fazit hat BfR-Präsident Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel bereits gezogen: „Die aktuellen Ergebnisse bestätigen erneut, dass die Strategie eines verantwortlichen Einsatzes von Antibiotika weiter konsequent verfolgt werden muss.“

Das hat auch die Pressekonferenz des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums in Berlin am gleichen Tag unterstrichen. Neben den üblichen lauten Warnungen vor einer „Post-Antibiotika-Zeit“, in der es keine wirksamen Mittel mehr gäbe, sprachen sich Christiane Cuny und Wolfgang Witte vom Robert-Koch-Institut für einen „verantwortungsbewussten Umgang mit Antibotioka“ aus. Die Vertreter des RKI unterstrichen, dass Tiere und Menschen in einer „gemeinsamen gesunden Welt“ werden leben müssen (One Health Strategy). Der Vorsitzende des Verbandes der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft, Friedrich-Otto Ripke sprach sich für „mehr Holland“ aus. Die Niederlande haben den Einsatz von Antibiotika um über die Hälfte reduzieren können. Dem Nachbar wird mit seiner aktuellen Ratspräsidentschaft zugetraut, die EU und Deutschland auf die niederländische Minimierungsstrategie einzunorden.

Lesestoff:

[1] Yi-Yun Liu et al.: Emergence of plasmid-mediated colistin resistance mechanism MCR-1 in animals and human beings in China: a microbiological and molecular biological study; The Lancet 18 November 2015 www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099%2815%2900424-7/abstract

Roland Krieg

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