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CRISPR/CAS9: Rechtliche Absicherung reicht nicht aus

Landwirtschaft

Wie sollen neue Züchtungstechniken kommuniziert werden?

Mit Anlauf auf den 02. November hatten sich die Kritiker der grünen Gentechnik schon gegen den Kabinettsentwurf lautstark in Stellung gebracht. Sie vermuten im Gesetzentwurf der nationalen Umsetzung des Opt-out, Schlupflöcher und Hintertüren, die ein bundesweites Anbauverbot unmöglich machen.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hingegen verteidigte den Kompromiss. Bund und Länder treffen gemeinsam die Entscheidung für oder gegen gentechnisch veränderte Pflanzen. Damit würde der Vorbehalt der Bevölkerung Rechnung getragen.

Die alten Reflexe zum Thema haben funktioniert – und werden wohl auch bei den neuen Gentechnikverfahren funktionieren, die derzeit rechtlich noch gar nicht klassifiziert sind. Die Deutsche Agrarforschungsallianz (dafa) debattierte am gleichen Tag in Berlin über die „Akzeptanz neuer Züchtungstechniken“. Zuletzt hatte der Forschungsausschuss des Bundestages über die rechtlichen und praktischen Möglichkeiten debattiert [1].

Problem: Entwicklungsgeschwindigkeit

Das Thema ist nach Margret Engelhard vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) schon deshalb so schwierig, weil die Einschätzungen schon unterschiedlich getroffen wurden. Schweden und Norwegen haben die neuen Züchtungstechniken um das Genom Editing wie CRISPR/CAS9 schon freigesprochen und Frankreich hat eine Klage zur Klärung beim Europäischen Gerichtshof eingereicht. In Deutschland werden die neuen Techniken schon vorab abgelehnt. So präzise die Technik auf der DNS-Ebene wirken kann, so unpräzise sind nach Engelhard die Effekte der Technik auf die Lebewesen und Umwelt. Das Hauptproblem sei die rasante Entwicklungsgeschwindigkeit, der die rechtlichen Antworten hinterherlaufen.

In der Tat sind unerwünschte „off-target-Effekte“ möglich, räumt Pflanzenbauzüchter Christian Jung von der Christian-Albrechts-Universität Kiel ein. Dann wirkt ein Effekt nicht an der gewünschten, sondern an ähnlichen DNS-Sequenzen. Diese Effekte können aber auch verringert werden. Zudem treten in der konventionellen Züchtung viele unerwünschte Mutationen auf. Die müssen dann aufwendig wieder herausgezüchtet werden, sagt Gunhild Leckband vom Züchtungsunternehmen NPZ Innovation GmbH in Schleswig-Holstein.

Genom Editing bei Nutztieren

Im Bereich der Landwirtschaft wird die neue Technik meist mit der Pflanzenzucht in Verbindung gebracht. Die punktgenaue Mutation bietet jedoch grundsätzlich auch bei Nutztieren Vorteile und hat natürliche Vorbilder bei den Weißblauen Belgiern und dem Piemonteser Rind. Dort ist Myostatin-Gen nicht mehr funktionsfähig und führt bei diesen Rinderrassen zu sehr starkem Muskelwachstum .

Möglich wäre ein Ansatz, Hausschweine gegen das Virus Afrikanische Schweinepest resistent zu machen. Gegen die ASP gibt es keinen Impfstoff und hat zu millionenfachem Keulen in Russland geführt.

Tierzüchter Henner Simianer von der Universität Göttingen schränkt die Aussichten der Deutschen Gesellschaft für Züchtungskunde [2] jedoch ein. Viele Merkmale sind komplex und entstehen aus dem Zusammenspiel einiger bis vieler Gene. So sind 400 bis 1.000 Gene für die Merkmalen Milchqualität und -ertrag verantwortlich. Zudem verursachen manche Gene, die zwar verantwortlich sind, nur kleine Effekte. Trotz neuer Techniken, bleibe die Schwierigkeit, die Kausalität zwischen einem Gen und einer Wirkung zu finden: „Wir neigen dazu, eine zu mechanistische Vorstellung der Genetik zu haben!“.

Hier schließt sich der Kreis zum Gentechnikgesetz der Bundesregierung. „Die größte Arbeit der Züchter“, so Simianer, „ist, die gesellschaftliche Akzeptanz zu finden. Die rechtliche Akzeptanz reicht nicht aus.“

Kommunikation trotz Ratlosigkeit

Der interdisziplinäre Ansatz der dafa steht vor einer großen Aufgabe. Arnold Sauter vom Büro für Technikfolgenabschätzung des Bundestages (TAB) [3] kritisiert die Wissenschaftler. Sie „beschwören“, ähnlich wie zu Beginn der grünen Gentechnik, das Potenzial der neuen Technik „Das ist wahnsinnig schlimm!“ Die Überzeichnung des Nutzens führe zu Übertreibungen, die von der Presse aufgenommen werden. Dort treffen sie auf Leser, die mit sozialen Medien in einer „postfaktischen Welt“ ihre Meinungsbildung vollziehen, ergänzt Andreas Sentker, Wissenschaftsjournalist „Die Zeit“.

Unbeantwortet bleibt die Frage, wie die Kommunikation über die neuen Züchtungstechniken im Zeitalter des Anthropozäns, in dem der Mensch die Erde schon tiefgreifend verändert hat, zu führen sei, ohne Ängste zu schüren.

Lesestoff:

GVO-Anbauverbot beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: http://www.bmel.de/DE/Landwirtschaft/Pflanzenbau/Gentechnik/_Texte/NatRegelungAnbauverbote.html

[1] Neue Rapssorte aus der Garage? https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/neue-rapssorte-aus-der-garage.html

[2] Deutsche Gesellschaft für Züchtungskunde (DGfZ) Stellungname Mai 2016 zu „Chancen und Risiken des Gen-Editing bei Nutztieren“ www.dgfz-bonn.de

[3] TAB-Bericht: Synthetische Biologie: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/die-naechste-stufe-der-gentechnologie.html

Roland Krieg

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