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DBV-Feldtag „Lebendige Landschaften“

Landwirtschaft

„Umwelt und Naturschutz nur gemeinsam mit den Landwirten“

Volksbegehren für Bienen und andere Insekten sind en vogue. Mit dem F.R.A.N.Z.-Projekt wird bereits seit drei von insgesamt zehn Projektjahren über Naturschutzmöglichkeiten innerhalb der produktiven Landwirtschaft ökologisch und ökonomisch geforscht [1]. Seit drei Jahren experimentieren Praktiker und Wissenschaftler im Verbundprojekt „Lebendige Landschaften“ landwirtschaftliche Betriebe in drei Modellregionen ebenfalls an neuen Wegen, mehr Naturschutz in die produktive Landwirtschaft zu bringen.

Gabione für Wildbienen
Gabione (Drahtgitterkorb) mit Holzwohnungen für Wildbienen

F.R.A.N.Z. wird gemeinsam von der Umweltstiftung Michael Otto und vom Deutschen Bauernverband (DBV) durchgeführt und wissenschaftlich beispielsweise vom NABU begleitet. Das Dialog- und Demonstrationsprojekt will die Zielkonflikte zwischen Naturschutz und Landbewirtschaftung, zwischen Nahrungsmittelproduktion und beispielsweise Feldvogelschutz auflösen. Das vor drei Jahren gestartete Verbundprojekt „Lebendige Landwirtschaft“ macht im Wesentlichen das gleiche, hat sich allerdings drei Modellregionen für regionalspezifischen Naturschutz ausgesucht.

Beide Projekte sollen am Ende über Beratung in die allgemeine landwirtschaftliche Praxis überführt werden. Den aktuellen Stand in der Magdeburger Börde hat der DBV diesen Dienstag auf einem Feldtag Praktikern und der Fachpresse vorgestellt. Die nur wenige Kilometer entfernten Betriebe sind die Agro Bördegrün GmbH & Co. KG und die Landwirtschaftliche Betriebsgemeinschaft GbR Groß Germersleben.

Die Bördegrün GmbH bewirtschaftet 2.700 Hektar und hat auf  15 Hektar im Projekt „Lebendige Agrarlandschaften“ mit Blühstreifen angelegt, Bejagungsschneisen eingerichtet hält Extensiväcker für die Vernetzung von Biotopen vor. In den Ackerfruchtfolgen werden Sommer- und Winterzwischenfrüchte gesät und an Gewässern zusätzliche Schonstreifen eingehalten.

Groß Germersleben ist ein 1.700 Hektar großer F.R.A.N.Z.-Demonstrationsbetrieb. Mittlerweile hat Betriebsleiter Sven Borchert die Zahl der Feldlerchenfenster von 143 auf 300 erhöht. Ebenfalls für Lerchen und andere Bodenbrüter hat er in diesem Jahr Erbsenfenster mit jeweils 1.600 Quadratmeter angelegt, die mit ihrem späten und niedrigem Bewuchs ebenfalls durch Lerchen besiedelt werden. Bei angelegten Feuchtstellen für Kiebitzinseln hat Borchert bislang noch keine Erfahrungen gesammelt. Kartoffelvorgewende wurden mit Kleegrasgemengen eingesät.

Lerchenglück
Halbe Aussaatmenge Sommergetreide teilt Maisschlag und macht Lerchen glücklich

Ein breiter Getreidestreifen, der entweder mit doppeltem Reihenabstand oder mit halber Saatstärke einen großen Maisschlag teilt, wird von Feldvögeln intensiv angenommen. Nach Jens Birger von der Stiftung Kulturlandschaft Sachsen-Anhalt wurden statt der üblichen zwei lerchenbrutpaare auf zehn Hektar acht Lerchenpaare auf zehn Hektar gezählt.

Eines wurde auf beiden Betrieben deutlich: Die Trockenheit minimiert auch die Chance auf Biodiversität. Ohne ausreichend Wasser in der Trockenregion Magdeburg drängen sich unerwünschte Pflanzen wie die Melde in Blühstreifen. Selbst in mit 30 Arten komplex ausgerichteten Premiummischungen sind die Kräuter, die sich im Gegensatz zu Gräsern nicht bestocken so lückig, dass Melde und Ungräser gute Chancen für den Durchwuchs haben. Die Mischung ist beispielsweise auf fünf Jahre angelegt und sollte jährlich einen wechselnden Bestand aufweisen. Jens Birger räumt ein, das Landwirte eine mögliche Neueinsaat nach drei Jahren in Betracht ziehen müssen. Flächen auf dem Betrieb Groß Germersheim weisen von den naheliegenden Knicks eingewanderten Eschenahorn als erste Gehölze im Blühstreifen auf.  

Mais mit Stangenbohnen
Trockenheit 2019: Mehr Mais als Stangenbohnen

Die Agro Bördegrün hatte bei wegen der Trockenheit auch bei dem Mais-Stangenbohnengemisch in diesem Jahr Probleme. Zwei Wochen nach der Maiseinsaat werden die Stangenbohnen zwischen die Maisreihen ausgebracht und im Spätsommer gemeinsam für die energetische Verwertung in der Biogasanlage geerntet. Die Bohnen brauchen erheblich mehr Wasser als Mais. Normalerweise nutzen sie den Mais als Rankhilfe und können ihn sogar überwachsen. Der Blick ins Maisfeld zeigt im erneuten Trockenjahr 2019 allerdings nur vereinzelte Bohnenranken.

Die Witterungsbedingungen sind auch für die vielfältigen Naturschutzmaßnahmen von Bedeutung. Auch, wenn 2019 erneut nicht das günstigste Jahr für die Stangenbohnen m Mais sind und Blühmischungen etwas ausgedünnter als geplant sind, wollen beide Betriebe mit ihren Projekten weiter machen.

Maßnahmen aus dem Projekt „Lebendige Agrarlandschaften“ sind so dicht an Straßen und Wegen angelegt, dass Konsumenten an den Informationstafeln stehen bleiben. Sven Borchert nutzt solche Gelegenheiten und kommt mit den Menschen gleich ins Gespräch.

Claudia Dalbert

In beiden Projekten geht es nicht nur um die Erfahrungen für die spätere Beratung. „Das Artensterben ist in aller Munde. Das Insektensterben beschäftigt  alle Bürger“, sagte Sachsen-Anhalts Landwirtschaftsministerin Claudia Dalbert. Die Menschen haben im vergangenen Jahr „die Klimakrise mit Händen fassen“ können. Daher ist eine größere biologische Vielfalt, die auch eine genetische Vielfalt darstellt von steigender Bedeutung. Die Landwirtschaft müsse die Chancen der Projekte nutzen. „Umwelt und Naturschutz kann nur gemeinsam mit der Landwirtschaft umgesetzt werden.“ Dalbert will sich politisch für eine starke grüne Architektur in der neuen Förderperiode der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) einsetzen. Dabei gehe es nicht nur um den Schutz der Umwelt, „sondern dass auch ausreichend Mittel für die Kompensation zur Verfügung stehen.“

Der stellvertretende Generalsekretär des DBV, Udo Hemmerling, betont ebenfalls die vernünftige Ausrichtung der grünen Architektur in der neuen Förderperiode, wenn auch die Basisprämie der ersten Säule weiterhin eine wichtige Rolle für das Betriebseinkommen spiele. Nach Hemmerling sind Kooperationen zwischen Landwirten für eine gemeinsame Naturschutzausrichtung ihrer Region ein gutes Modell. Dazu braucht es aber eine starke Beratung nach intensiven Erfahrungen mit verschiedenen Beispielen. Für den DBV ist das Sichtbarmachen der Aktivitäten wichtig. Im Herbst will der DBV dazu eine Strategie vorlegen.

Lesestoff:

[1] Feldtag F.R.A.N.Z. in Brandenburg: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/f-r-a-n-z-kanns.html

http://lebendige-agrarlandschaften.de

Roland Krieg (Text und Fotos)

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