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Dem Sanddorn auf der Spur

Landwirtschaft

Vortragsveranstaltung des Sanddornvereins

>Sanddornsaft, Sanddorn Secco, Gummibärchen, Seife oder Sirup: Die „Zitrone des Nordens“ lässt sich in den Hallen Mecklenburg-Vorpommerns (5.2) und Brandenburgs (21a) im Rahmen der Grünen Woche verkosten und genießen. Sanddorn ist wie andere Wildfrüchte pure Natur und enthält bereits die gesunden Inhaltsstoffe, mit denen andere Produkte gerne angereichert werden. „Sanddornsaft ist ein natürliches ACE-Produkt“ stellt Herr Lienig von der Lienig Wildfruchtverarbeitung in Dabendorf bei Berlin fest. Gerade für Vegetarier enthalte Sanddorn die wichtigen B-Vitamine. Er verarbeitet auch Hagebutte, Preiselbeeren, Brombeeren, Holunder und auch das Gemüse Topinambur, dass wegen seines Inulingehaltes mit in diese Reihe gehört.. „Reinstzucker und Reinstvitamine“, die von der Industrie den heute bereits degenerierten Nahrungsmitteln zugesetzt werden, kenne der menschliche Organismus in dieser Form gar nicht. Lienig konnte auf der Vortragsveranstaltung des Fördervereins „Sanddorn e.V.“ im Rahmen der Grünen Woche die Natürlichkeit und das Comeback der Wildfrüchte aufzeigen, bei denen Wirkungen gegen oxidativen Stress und Entzündungshemmungen immer wieder aufgelistet werden.
Norbert Groth vom Privatinstitut Galenus GmbH nahm sich in seinem Vortrag die Antioxidantien vor, die als natürliche Gegenspieler so genannter „Freien Radikale“ auftreten. Letztere sind Molekülbruchstücke, die zwar mit meist weniger als einer Sekunde sehr kurzlebig sind, jedoch hochreaktiv. Sie „klauen“ anderen Molekülen Elektronen und oxidieren sie dadurch. So werden beispielsweise Zellmembranen zerstört, die allerdings in regelmäßigen Abständen Vitamin E-Moleküle eingebettet haben, die als Stopp-Stein die angelaufene Kettenreaktion unterbinden. Freie Radikale entstehen normal durch den täglichen Stoffwechsel, werden jedoch auch durch Umweltgifte und Rauchen gefördert. In einer Zelle entstehen bis zu 10.000 Bruchstücke pro Tag.
Die bekanntesten Antioxidantien sind die Vitamine C und E, sowie Polyphenole. Sie können die freien Radikale früh wieder einfangen und unschädlich machen, wozu es mittlerweile einen Maßstab gibt – den RPF. Das ist der „Radical Protection Factor“ und spiegelt die Anzahl der freien Radikale wieder, die von einer Wirkmenge Antioxidans unschädlich gemacht wird. RPF 3600 bedeutet, dass 1 mg Wirkstoff 3600 hoch 14 Radikale einfangen kann.
Allerdings setzt die Industrie nicht nur natürliche Wirkstoffe ein, weswegen natürliche Wildfrüchte unschlagbar bleiben. Natürliches Vitamin E hat einen RPF von 18.000. Hingegen hat das oft in Lebensmitteln zugesetzte Vitamin E-Acetat nur einen RPF von 30. Zudem komme dieses in der Natur gar nicht vor. Sanddornsaft kommt auf einen RPF-Wert von 100, so Norbert Groth.

Palmitoleinsäure und Polyphenole
Eine seltene und auch sehr begehrte langkettige Fettsäure, die nur in exotischen Nüssen vorkommt, findet sich auch im Sanddorn: Palmitoleinsäure. Die aus 16 Kohlenstoffatomen bestehende Fettsäure macht auch zu 20 Prozent das Hautfett des Menschen aus, weswegen Sanddorn als Quelle für die Kosmetikindustrie sehr begehrt ist. Das Fett hat ein gutes Streichvermögen und dient deshalb der Faltenglättung und der Feuchtigkeitsregulierung. Daher hat es sich Prof. Dr. Meurer von der Fachhochschule Neubrandenburg zum Ziel gesetzt, die Palmitoleinsäure aus Trester zu gewinnen. Das ist billiger als aus dem Öl und als Resteverwertung zu sehen, da der Trester normalerweise wieder zurück auf die Plantage verbracht wird. Ab 10 Tonnen Trester pro Jahr lohne sich seine Methode, so der Professor. Zuerst wird der Trester 16 Stunden lang bei 60 °C getrocknet, dann mit einer Raspel verkleinert und durch ein Umluftgebläse werden die Schalen, die noch rund 50 Prozent der Masse ausmachen, herausgeblasen. Ein Lösungsmittel holt die Fettsäure heraus und wird danach verdampft, so dass die Palmitoleinsäure übrig bleibt. Das Fett liegt dann in einer Konzentration von 82 Prozent vor. Unter Laborbedingungen waren 0,7 Kilogramm Palmitoleinsäure aus 100 kg Trester ein gutes Ergebnis. Eine Verdoppelung der Ausbeute im industriellen Maßstab hält Prof. Meurer für möglich.
Frau Prof. Dr. Richter von der Fachhochschule Anhalt referierte über die Polyphenole. Darin eingeschlossen sind rund 4000 bis 5000 Substanzen, die zu den Flavonoiden gehören. Darunter gibt es die Flavonole, die sich in Obst und Gemüse am häufigsten finden. Sie haben alle die gleiche Grundstruktur mit 3 jeweils gegenständigen OH-Gruppen, die quasi wie die Hörner eines Stiers die Radikale fangen können. Dabei geben sie ein Wasserstoffatom ab. In der Natur sind oft Zucker an manchen OH-Gruppen gebunden, so dass diese Glycoside den „Fangertrag“ etwas reduzieren. Die bekanntesten sind Querzetin, Kaempferöl und isorhamnetin.
Der Vorsitzende des Vereins, Dr. Mörsel, ergänzte, dass im Sanddorn auch Tannine und andere Gerbstoffe auf vergleichbaren Grundstrukturen aufgebaut sind, so dass bei der Verarbeitung des Sanddorn zusätzliche reaktive Radikalfänger entstehen können. Generell gibt es gerade in der Sanddornforschung noch ausreichenden Forschungsbedarf, um Diplom- und Doktorarbeiten schreiben zu können, die zu diesen Ergebnissen erheblich beigetragen haben.
Der Verein „Sanddorn e.V.“ befindet sich in Altlandsberg: Infotelefon: 033438-14724.

roRo

[Sie können sich alle bisherigen Artikel zur Grünen Woche im Archiv mit dem Stichwort „IGW 2005“ anzeigen lassen.]

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