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Den Podsol in die Mitte gerückt

Landwirtschaft

Niedersachsen hat den Boden des Jahres 2007

Niedersachsens Staatsekretär Wolfgang Gibowski bedauerte gestern in seiner Landesvertretung in Berlin, dass Böden nicht so populär darzustellen sind, wie Vögel. So hätte es der seit 2004 auserkorene Boden des Jahres schwer, in der Öffentlichkeit Beachtung zu finden, obwohl es die Lüneburger Heide mit Glockenheide und Heidekraut ohne den für 2007 Auserwählten möglicherweise nicht gäbe: Den Podsol.

Ohne Boden ist alles nichts
Er fängt uns nicht nur, wenn wir fallen, er ist nicht nur Fundament der Häuser oder Grundlage für den Straßenbau und Schienenverkehr, der Boden gibt den Pflanzenwurzeln Halt, damit sie Nährstoffe aufnehmen und Wasser finden, dass als Regen an ihnen vorbeiströmt. Damit ist der Boden die Grundlage aller pflanzlicher Lebensmittel auf die auch die tierischen zurückgreifen müssen. Aber dieser Boden ist in Gefahr.

„Für manche Staub, für manche Sand, doch Böden, ein Lebenspfand“ 1)

Zwei Milliarden Hektar, eine Fläche so groß wie die USA und Kanada zusammen, ist bereits durch Wüstenbildung oder Versalzung irreversibel zerstört. Jedes Jahr verschwinden weitere 20 Millionen Hektar Land aus der agrarischen Produktion führte Prof. Dr. Monika Frielinghaus, Sprecherin des Kuratoriums Boden des Jahres aus. Dort wo der Boden zerstört ist verarmen die Menschen und Prof. Dr. Franz Makeschin, Präsident der Bodenkundlichen Gesellschaft, führt einen großen Teil der menschlichen Migrationsströme darauf zurück.
Böden werden in Zukunft auch noch eine wichtige Rolle spielen, denn Dr. Frielinghaus bezifferte das dort speicherbare CO2 auf 1.500 Gigatonnen – doppelt so viel wie in der Atmosphäre überhaupt vorhanden. Allerdings sind die Prozesse der Freisetzung und Aufnahme des klimaschädlichen Gases noch nicht vollends bekannt.
Um an den Lebensraum unter unseren Füßen zu erinnern, wird zum Weltbodentag am 05. Dezember jetzt zum Dritten mal ein Bodentyp als Symbol ausgewählt. Dadurch haben Bodenkundler auch die Gelegenheit, ihre Wissenschaft populär zu machen und über wissenschaftliche Details die Öffentlichkeit zu informieren. Die beiden Vorläufer waren Schwarzerde und Fahlerde, während für das nächste Jahr ein Boden im Mittelpunkt steht, der als eher arm gilt.

Farbenpracht durch Podsolierung
Krümelige Schwarzerde mit ihrem humosen Aroma hat zwar ihren Reiz, doch die rostrote Farbenpracht der Podsole mit ockerfarbenen und teilweise weißen Schichten hat ihre eigene Ästhetik und verführt zum näheren Betrachten wie bei einem Ölgemälde.

„Manche sind trocken, manche sind nass, manche sind fruchtbar, da macht Ernten Spaß“ 1)

Der Name Podsol kommt aus dem russischen und bedeutet „aschefarbener Boden“, weil unter der dünnen Rohhumusauflage der Boden gebleicht, violettstichig-hellgrau in der Farbe ist. Das Wasser hatPodsol unter Heidevegetation Humus und Eisen herausgewaschen und tiefer in der rotbraunen und dunklen Bodenschicht wieder angelagert. Dieser Horizont ist oft so verfestigt, dass die Experten von „Ortstein“ sprechen. Diese Schicht kann durch so genannte Wurzeltöpfe nach unten ausgebuchtet sein.
Zum geringen Humusgehalt kommt die schlechte Ausgangsbasis: Podsole entwickeln sich auf Standorten mit nährstoffarmen Gestein, wie Sandstein, Granit oder Flugsand. Damit bilden sich nur wenig Mineralien im Boden, die Durchlässigkeit ist hoch und aus der aufliegenden Humusschicht werden organische Säuren gelöst. Dieser podsolierende Gesamtprozess führt zu einer Versauerung des Bodens und macht ihn für die Landwirtschaft nicht unbedingt attraktiv.
Heidevegetation und Nadelwald bilden Pflanzenrückstände, die von Mikroorganismen nur schwer abgebaut werden. So bildet sich im Zeitverlauf eine mächtige Humusauflage.

Plaggenwirtschaft
Der Mensch hat an der Podsolierung sogar mitgewirkt. Der Stalldung hat oft nicht für die Düngung der armen Podsole in Nordwesteuropa ausgereicht. So haben die Menschen seit dem Mittelalter Bodensoden in den Stall getragen (Plaggen) und ihn dort einige Zeit als Unterlage von meist Schafen ausgelegt. Deren Exkremente, aber auch Küchen- und Gartenabfälle wurden mit der kompostierten Sole wieder auf das Feld getragen und führten dabei ebenfalls zu der Rohhumusauflage mit ausgewaschenen organischen Säuren.
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Dominant in Niedersachsen
Weltweit gibt es rund 485 Millionen Hektar Podsole, führte Prof. Dr. Herbert Sponagel vom Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie in Hannover aus. Das sind etwa drei bis vier Prozent der Landfläche. In den Tropen gibt es nur etwa 10 Millionen Hektar, denn die für die Entwicklung von Podsolen günstigen Klimate weisen hohe Niederschläge, hohe Luftfeuchtigkeit und verhältnismäßig geringe Jahresmitteltemperaturen auf. Die Weltkarte zeigt, dass Podsole in Skandinavien, Nordwesteuropa sowie Nordostamerika und Kanada dominant sind. Mit 16 Prozent Anteil an allen Bodenarten sind sie die in Europa am häufigsten vorkommenden Böden. 30 Prozent der niedersächsischen Böden sind Podsole und liegen zu einem Drittel unter Wald.
Prof. Sponagel weist darauf hin, dass der Podsol ein Klimaxboden ist und keine weitere natürliche Entwicklung mehr aufweist. Nur der Mensch hat tiefgreifende Änderungen vorgenommen, um den Boden für die Landwirtschaft interessanter zu machen. Sehr tiefe Kultivierungen haben den Ortstein gelockert und begonnen, die organische Substanz besser in den Boden zu integrieren. Mit einer Kalkung erhöht sich langsam der pH-Wert. Würde das weitergeführt, dann verschwindet der Podsol aus den Bodenatlanten.
Trotzdem hat er eine wichtige Funktion: Auf Grund der hohen Durchlässigkeit bildet sich unter ihm relativ viel Grundwasser. Trinkwassergewinnungsgebiete sind Podsol-Standorte.

Bodenschutz
Der Podsol als Boden des Jahres 2007 ist spannend: Ohne Bodenverbesserung für die Landwirtschaft nur wenig nutzbar, aber auf der anderen Seite wachsen auf ihm Arten, die es sonst nicht gäbe. So ambivalent wird auch das Bodenjahr 2007.
Deutschland hat mit seinem Bodenschutzgesetz und der Bodenschutzverordnung sieben Jahre lang Erfahrung gesammelt. 2007 stehen national Novellen an, aber auch die europäische Bodeninitiative für ein europaweites Bodenschutzgesetz.
Die Mehrheit in Deutschland ist dagegen, weil die nationalen Gesetze ausreichen und der Boden im Gegensatz zu Wasser und Luft immobil ist, führte Staatssekretär Dr. Christian Eberl aus dem niedersächsischen Umweltministerium an. Das sieht auch Dr. Wendisch aus dem Bundeslandwirtschaftministerium so: Der Boden sei Angelegenheit der Mitgliedsstaaten. Es gäbe keine Notwendigkeit, Kompetenzen an Brüssel abzugeben. Ein einheitliches Bodenrecht sei angesichts der Bodenvielfalt in Europa nicht möglich und würde zu viel Bürokratie nach sich ziehen.

„Der Boden lebt auf dem du stehst, unter’m Asphalt ist’s auch belebt“ 1)

Umweltminister Sigmar Gabriel ließ gestern eine Grußadresse verlesen, in der er darauf hinwies, dass „die EU-Initiative als Schritt in die richtige Richtung zu begrüßen“ sei.
Ende November erklärte auch die agrarpolitische Sprecherin Cornelia Behm der grünen Bundestagsfraktion, dass die europäische Initiative in deutschem Interesse läge: „So konnte die Flächenversiegelung trotz vielfältiger Bekenntnisse nicht eingedämmt werden. Die Erosion durch Wasser betrifft schätzungsweise 12 Prozent der gesamten Fläche Europas. Rund 45 Prozent der europäischen Böden weisen einen verringerten Gehalt an Humus auf. Die Zahl vermutlich kontaminierter Standorte wird in der EU auf ungefähr 3,5 Millionen Hektar vermutet.“

Wo und wie Sie Boden erleben können
Wasser, Bodenpartikel und Lebewesen. Die Welt unter unseren Füssen lebt. Nicht nur am Weltbodentag gibt es zahlreiche Gelegenheiten einmal genauer hinzuschauen. Eine kleine Auswahl:
In Baden-Württemberg gibt es im Landkreis Esslingen den Bodenlehrpfad Beuren mit sieben offenen Profilgruben. Die Entdeckungsreise beginnt am Parkplatz des Freilichtmuseums Beuren und das Maskottchen Bodo begleitet den Wanderer durch die Böden am Albtrauf.
Den „Unter.Welten“ können Sie in Osnabrück begegnen: In einem aufwändig gestalteten 350 qm großen Höhlensystem können Besucher in einer Dauerausstellung direkt unter die Erde gehen und Maulwurf und Regenwurm Auge in Auge gegenüberstehen. Mitmachstationen und ein Bodenlabor sichern Ihnen ein nachhaltiges „unterirdisches“ Erlebnis. Museum am Schölerberg in Osnabrück.
Am 05. Dezember bietet ein breites Spektrum von Politik und Wissenschaft nicht dem Fachmann, sondern dem interessierten Bürger im CongressCentrum Pforzheim die ganze Welt des Bodens an: Ab 09:00 Uhr wird beschrieben, was Boden ist, Filme gezeigt (u.a. „Haut der Erde“) und der Boden des Jahres vorgestellt. Renate Schweiger vom Landwirtschaftsamt Enzkreis macht eine „Liebeserklärung an die Ackerkrume“.
In Mecklenburg-Vorpommern können Sie auf dem Bodenlehrpfad Jägerhof an der B111 zwischen Wolgast und Züssow (gut ausgeschildert) einen Blick in das nordostdeutsche Jungmoränentiefland werfen.
Brandenburg beginnt im nächsten Jahr mit dem Nationalen Geopark „Eiszeitland am Oderrand“. Bis 2013 werden insgesamt 13 Landmarken ausgebaut, die auch mit einem neu angelegten Fahrradweg zwischen Groß Ziethen und Neugrimnitz Grundmoräne, Endmoräne, Sander und Urstromtal dem Betrachter ganz nahe bringen.
Am 23. Februar 2007 begeht das Institut für Nutzpflanzenforschung und Ressourcenschutz der Universität Bonn ein Festcolloquium zum 100. Geburtstag von Prof. Dr. Dr. Dr. Eduard Mückenhausen. Einem der ganz Großen der Bodenkunde. Es wird ein Teilnehmerbeitrag von 15 Euro für Kaffe, Kuchen und einem Sonderband „Bonner Bodenkundliche Abhandlung“ erhoben. Anmeldung an: bobo@boden.uni-bonn.de bis zum 20. Januar.

Das Kuratorium Boden des Jahres ist am Zentrum für Agrarlandschafts- und Landnutzungsforschung in Müncheberg (ZALF) angesiedelt. www.zalf.de

1) Die zitierten Zeilen stammen aus dem Bodenlied (We call it soil). Das Lied wurde auf der Bodenkundlichen Tagung in diesem Jahr vorgestellt. Musik und Text: „Boxturtle Bob“ Chirnside; ins deutsche über- und der Festgesellschaft vorgetragen hat es mit Gitarre Bodenkundler Ingo Andruschkewitsch.

Roland Krieg
Foto: Sponagel, LBEG

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