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Der dritte Weg?

Landwirtschaft

Agrarismus in Ostmitteleuropa

Nach dem Historiker Heinz Gollwitzer ist „Agrarismus“ neben der politischen Bewegung vor allem „ein verwirrend reichhaltiges Konglomerat von Denkinhalten mit teils soziologisch-technologisch-volkswirtschaftlicher, teils ethnographisch-folkloristischer, teils historisch-geschichtsphilosophischer Ausgangsstellung“.
Der Agrarismus entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jh. und wurde zu Beginn des 20. Jh. zwischen Baltikum und Rumänien zu einer starken politischen Bewegung.
In der vergangenen Woche trafen sich Wissenschaftler aus ebendieser Region an der Viadrina in Frankfurt/Oder, um sich persönlich auszutauschen: Am 01. Mai 2007 startete das internationale Forschungsprojekt zum „Agrarismus in Ostmitteleuropa zwischen 1880 und 1950“ an der Forschungsstelle für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Ostmitteleuropas an der Europa Universität.

Zwischen Vermarktung und Politik
Der bäuerlichen Agrarismus stellte die Landwirtschaft als entscheidende Produktionssphäre und das Dorf als gesellschaftliche Keimzelle für die Gesellschaft in den Mittelpunkt seiner Weltanschauung.
Die Bandbreite agraristischer Theorien reichte bis zu links-utopistischen Visionen eines Bauernstaates in der Tschechoslowakei. Die verschiedenen ideologischen Ausprägungen verbanden sich mit praktischen Forderungen der Bauern nach Agrarreformen und einer Verbesserung der Lebensbedingungen in den Dörfern, betonte Dr. Kersti Lust aus Estland. Dr. Jósef Lörincz aus Ungarn fügte hinzu, das die wirtschaftspolitischen Hoffnungen sich vor allem auf die Kleinbauern richteten, deren Produktivität und Anbindung an den Weltmarkt mit Hilfe agrarprotektionistischer Maßnahmen gesteigert werden sollten.
Vor und nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte der Agrarismus auch in Polen mit Wincenty Witos und Stanislaw Mikolajczyk eine Blütezeit. Die polnische Volkspartei Polskie Stronnictwo Ludowe war unter ihrer Leitung in den Jahren 1945 bis 1947 die zahlenmäßig stärkste Partei und die größte antikommunistische Kraft, so Dr. Tadeusz Janicki aus Poznan. In Bulgarien gab es zwischen 1920 und 1923sogar eine Bauerndiktatur, in der es Bauern verboten war, Städterinnen zu heiraten.

Regionale Determinante
Die Koordination des Projekts liegt bei Dr. Angela Harre, Sozialwissenschaftlerin an der Viadrina. Sie erklärte Herd-und-Hof.de, warum es den Agrarismus nicht in Westeuropa gegeben hat. In Deutschland zum Beispiel die Menschen aus den übervölkerten Dörfern im 19. Jh. in die klassischen Auswandererländern wie die USA übersiedeln und die einsetzende industrielle Revolution nahm arbeitslose Landarbeiter auf. Das war in Ostmitteleuropa so nicht möglich. Die USA schlossen 1924 genau dann ihre Tore, als der Bevölkerungsdruck östlich der Oder die Produktivität der Landwirtschaft minimierte und eine aufholende Industrialisierung damit verhinderte. Angela Harre versteht den Agrarismus daher als einen „Dritten Weg“, als einen eigenständigen Entwicklungspfad, der die Bauern am Kommunismus und Kapitalismus vorbei in eine alternative Moderne führen sollte.
Der Agrarismus endete schlagartig mit der Kollektivierung. Für die mittlerweile in die EU aufgenommenen Länder ist er allerdings noch aktuell. Polens Bauernpartei bezieht sich gerne auf die jüngere Landesgeschichte, wenn auch mehr aus politischen, denn aus inhaltlichen Gründen.

Drei Jahre forschen
In den nächsten drei Jahren werden mit Hilfe von 10 Stipendiaten Antworten auf die Fragen des Agrarismus gefunden. Nach 30 Jahren Vernachlässigung müsse, so Projektleiter Dr. Uwe Müller von der Viadrina, das Thema wieder aktualisiert werden. Als Nebeneffekt wird mit der internationalen Forscherbeteiligung das Humboldtsche Ideal einer Einheit von Lehre und Forschung in Ostmitteleuropa unterstützt. Vielfach sei es so, dass Dozenten an den Universitäten noch nebenbei arbeiten müssen, weil sie ihre Lehre nicht ausreichend unterhalte.
Das Projekt wird von der Volkswagenstiftung mit insgesamt 456.800 Euro unterstützt.

Gestern und heute
Vermarktungsfragen und Landreform stehen auch heute auf der politischen Agenda der EU. Verbindungen zwischen dem Agrarismus und der heutigen Agrarpolitik wollen aber Dr. Harre und Dr. Müller nicht ziehen. Auch nicht, obschon das Thema ländliche Entwicklung Konjunktur hat. Der Agrarismus ist räumlich und zeitlich eindeutig eingegrenzt, wenngleich seine Ideen zum Verständnis in die Gegenwart hineinreichen.
Wer aber weiß, was die Experten noch alles finden? Dr. Petar Petrov aus Sofia wird sich das bulgarische Dorf Raduil ganz genau ansehen. Er will die tatsächlichen Auswirkungen des politischen Agrarismus im „Bauernstaat“ von Alexandr Stambolijski und der Landreform auf das Landleben analysieren und mit Einzelfall-Studien aus anderen Ländern vergleichen. So wird Zeitgeschichte lebendig.

Lesestoff:
Die Literaturliste der Wissenschaftler umfasst auf mehr als 30 Seiten Zeitschriften, Bücher und veröffentlichte Artikel. Dr. Müller rät für Neueinsteiger zum Werk von Heinz Gollwitzer: „Europäische Bauernparteien im 20. Jahrhundert“; Stuttgart, Fischer 1977

Roland Krieg

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