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Der Ringelschwanz und seine Signale

Landwirtschaft

Öko ist nicht die einfache Lösung für den Ringelschwanz

Für Verbraucher ist ein intakter Ringelschwanz beim Schwein das Sehnsuchtssymbol für Tierwohl schlechthin. Mit dem Ringelschwanz kommunizieren die Tiere untereinander, beziehungsweise signalisieren, wie es ihnen geht. Das Hängebauchschwein und Wildschweine haben gerade verlaufende Schwänze. Wenn sich das Schwänzchen also bei den Hausschweinen ringelt, ist das ein, nach Dr. Anne Schulze vom Veterinär-Anatomischen Institut der Universität Leipzig, unbeabsichtigter Nebeneffekt der Tierzucht. Im Jahr 2008 hat sie in einem Aufsatz für das Portal „Wissenschaft im Dialog“ beschrieben, warum sich der Schwanz beim Übergang vom Wild- zum Hausschwein ringelt: Die Muskeln und Sehnen auf der einen Schwanzseite werden kürzer als auf der gegenüberliegenden. Beim Schwein sind insgesamt 20 bis 23 Wirbel daran beteiligt, weshalb der Schwanz sich in so engen Spiralen ringelt.

Heute hat der Ringelschwanz noch eine weitere Bedeutung. Nur wenn er dran bleibt, war die Haltung artgerecht, heißt es. Das Kupieren des Schwanzes ist nach Richtlinie 2008/120 EG verboten. Um problematische Einzelfälle zu unterbinden gibt es sowohl in der EU-Richtlinie als auch im Deutschen Tierschutzgesetz eine Ausnahmeregelung: Erlaubt, wenn sich das gegenseitige Beißen am Ringelschwanz nicht verhindern lässt. In der Praxis werden bei über 95 Prozent der Ferkel die Schwänze vorsorglich kupiert. Die Tiere verlieren dabei nicht nur eine Signalmöglichkeit gegenüber Art- und Fremdgenossen, der Eingriff ist nach dem Bundesprogramm Ökologischer Landbau schmerzhaft. Seitdem versucht die konventionelle Landwirtschaft es der ökologischen Haltungsform gleich zu tun und will auf das Kupieren verzichten.

Forschungen und Abschlussberichte der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in den Jahren in den Jahren 2014 und 2015 gezeigt, dass Schwanzbeißen bei Schweinen reduziert werden kann, aber nicht verschwindet. Hinter der weltweit bekannten Verhaltungsstörung, die sowohl in konventionellen als auch in ökologischen Betrieben vorkommt, steht ein großer multifaktorieller Ursachenkomplex, wie das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in seinem Handbuch für die Bioschweinehaltung festhält. Mirjam Lechner ist landwirtschaftliche Beraterin in der Region Hohenlohe-Franken und beziffert  Schwanzbeißen und Schwanznekrosen in Schweizer Extensivhaltung auf 14 bis 20 Prozent. Das ist deutlich unterhalb von  60 Prozent bei konventionellen Mastschweinen. Nachlässigkeiten, denen auch Ökolandwirte unterliegen, sind zu selten gewechseltes Beschäftigungsmaterial, direkte Sonneneinstrahlung, Umgruppierungen.

Die Dran-Ab-Diskussion ist einseitig. In allen Betriebsformen gibt es Landwirte, die durch die Summe aller möglichen Maßnahmen den Ringelschwanz bis an den Fleischerhaken retten – aber auch versagen. Der Ökoverband Bioland hat zusammen mit dem Thünen-Institut auf der Bioland-Fachtagung 2019 einen Blick in die Zukunft gewagt. Um die konventionelle Schweinehaltung aus ihrer Sackgasse in Richtung Tierwohl zu holen, bleibe kein anderer Ausweg, als die Ställe artgerechter zu gestalten. Nur bei der Variante „Tierwohl-Light“ bleibt jedoch ein großer Abstand zur Bioschweinehaltung. Drängen die konventionellen Betriebe immer mehr in Richtung qualifiziertes Tierwohl, dann wächst in den konventionellen Ställen eine geringelte Alternative zum Biofleisch heran.

Roland Krieg

Der Artikel erschien zuerst in der vfz Vieh und Fleisch Handelszeitung

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