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Der Viehhandelskaufmann 2040

Landwirtschaft

Die Zukunft der Viehhandelskaufleute

Gegen Jahresende ist die Zeit der Rückbesinnung, was in den letzten 12 Monaten gut gelaufen ist. Wer in der Landwirtschaft tätig ist, der übt sich auch darin, was in den nächsten 12 Monaten geschieht. Viehhandelskaufleute fragen sich in den vergangenen Jahren immer mehr, ob sie ihren Beruf überhaupt noch ausüben werden. Fleisch auf dem Teller wird stigmatisiert, jeder Stallneubau wird lautstark von Bürgerinitiativen begleitet und wer heute landwirtschaftlich oder gewerblich Nutzvieh über die Autobahn transportiert, wird mindestens so gebrandmarkt wie ein Waffenhändler.

Die Gilde der Viehandelskaufleute hat wie fast alle Bereiche in der Landwirtschaft ein Nachwuchsproblem. Wer in das Geschäft einsteigt, braucht nicht nur für Verhandlungen starke Nerven; er braucht vor allem eine Zukunftsperspektive, wie es mit dem Viehhandel künftig weitergeht. Die Europäische Union hat nach den Kritiken des EU-Rechnungshofes zum Stand von Tiertransporte und Tierwohl einen Sonderausschuss für die Untersuchung des Tierschutzes beim Transport (ANIT) eingerichtet, der von der luxemburgischen Grünen Tilly Metz geleitet wird.

Im Jahr 2023 wird die EU-Verordnung 1/2005 über den Tierschutz beim Tiertransport planmäßig überarbeitet. Der Bericht des Europäischen Rechnungshofes aus dem Jahr 2018 hat zahlreiche Schwachstellen vor allem im Bereich der uneinheitlichen Kontrollen aufgedeckt. Es gebe allerdings auch viele gute Beispiele berichtete der damalige Autor im Agrarausschuss des Europaparlamentes. Ziemlich genau zwei Jahre später erschien der Mitarbeiter beim Europäischen Rechnungshof wieder vor den Europaparlamentariern zum gleichen Thema. Allerdings ist in der Zwischenzeit aus dem Autor des Rechnungshofes der amtierende EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski geworden.

Schlechtes Timing

Der einjährige Sonderausschuss ANIT arbeitet nicht alleine aktuell an dem Thema. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) erarbeitet einen neuerlichen wissenschaftlichen Bericht  im Auftrag der Kommission. Bevor der Bericht erscheint, ist ANIT bereits zu Ende. Die spanische Sozialdemokratin Isabel Carvalhais hat vorsorglich einen Zwischenbericht der EFSA für die politische Arbeit eingefordert.

Der Tierarzt Nikolaus Križ von der EFSA bekannte Mitte November, dass sich die Kernthemen bei den Tiertransporten wie lange Ausweichrouten, Klimatisierung der Lkw, Versorgungszentren und Platzbedarf in den vergangenen Jahren kaum verändert haben. Daran haben offenbar auch die zwischen 2015 und 2019 ausformulierten Leitfäden für artspezifische Transportanforderungen kaum etwas geändert.

Die Glaskugel

Was kommt also auf die Viehhandelskaufleute 2021 zu? Das Thema Transporte hat zwei Kommissionsgesichter. Für die Tiertransporte ist die EU-Kommission Gesundheit und Lebensmittelsicherheit von Kommissarin Stella Kyriakides zuständig und ihr Generaldirektor Christian Juliusson war ebenfalls schon auf Gesprächsbesuch im Sonderausschuss. Für die Umsetzung des Komplexes Tierwohl ist aber Agrarkommissar Janusz Wojciechowski mit der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) verantwortlich. Es könnte also auch schlechter laufen, wenn die Agrarwirtschaft keine Finger mehr an das Thema anlegen könnte.

Welche Perspektiven für die drei Bereiche Ferntransporte nach Zentralasien, Lebendviehtransporte nach Nordafrika und dem Mittleren Osten sowie Viehtransporte unter regionalisierter Fleischproduktion sind möglich? Das Fazit vorweg: Der Beruf des Viehhandelskaufmanns wird interessanter und vielfältiger.

Neue Maßstäbe

„Warum müssen Lebendtiere so oft und so weit transportiert werden?“ Wenn Janusz Wojciechowski diese Frage bereits als „Schlüsselfrage“ bezeichnet, ist das kein gutes Zeichen. Die Kommission ist gewillt, den Gesamtumfang der Tiertransporte im Rahmen der Farm-to-Fork-Strategie zu reduzieren. Der Agrarkommissar bekundet, er sei nur zufrieden, wenn der Transportbedarf für Tiere zurückgegangen ist. Es könne nicht sein, dass es wirtschaftlicher sei, Tiere auf dem Transport zu verlieren als strengere Tierwohlauflagen umzusetzen.

Das wird über im Zuge der Regionalisierung umgesetzt. Wobei: Wojciechowski selbst hatte in einer Videokonferenz im Sommer 2020 zum Thema Regionalsierung noch im Europäischen Statistikhandbuch nachgeschaut: Eine Tonne Lebensmittel wird in Europa durchschnittlich 176 Kilometer weit transportiert. 87 Prozent der Produkte kommen auf maximal 300 Kilometer Wegstrecke. Der Kommissar will die Wege noch weiter verkürzen.

Zentralasien

Der lange Weg des Viehs nach Zentralasien hat einen Grund. Beispiel Kasachstan: 2,6 Millionen US-Dollar verdient das Land am Rindfleischexport pro Jahr. Doch die Erzeugung liegt mit rund fünf Kilo Fleisch pro Hektar deutlich unter dem Wert der extensiven brasilianischen Erzeugung von 25 kg /ha. Das Land ist dabei, seine Landwirtschaft zu modernisieren. Der Aufbau einer großen Rindfleischherde gehört dazu. Der Wettbewerb entlang der neuen Seidenstraße ist groß. Indien läuft Brasilien bereits den Rang als größten Rindfleischexporteur ab.

Tiertransporte in die arabische Welt

Zwar sind die meisten Weg in die arabische Welt kürzer als nach Zentralasien. Was für schlimmere Bilder sorgt ist das Töten ohne Betäubung. „Halal“ und „koscher“ werden allerdings im Islam und Judentum zunehmend kritisch hinterfragt und das Betäuben mit einem Elektroschock ist nach religiösen Maßstäben erlaubt. Die Ferntransporte in die arabische Welt stehen aber auch in anderen Herkunftsländern wie Australien, den USA und Kanada unter Druck, erklärte Nikolaus Križ von der EFSA. Zusammen mit der Internationalen Tiergesundheitsorganisation (OIE) könnte ein wissenschaftliches Moratorium ohne politischen Interpretationsspielraum verabschiedet werden.

Transporte in Drittstaaten

Rechtlich verantwortlich ist der Transporteur für das Tierwohl bis zum Abgabort. Für ein Verbot wird es nicht reichen, erklärte Wojciechowski. Es gebe landwirtschaftliche und gewerbliche Aktivitäten, die legitim sind. Aber es gibt einen Instrumentenkasten, der diese Transporte erschweren kann. Förderprogramme könnten die lokale Schlachtung attraktiver als Lebendtransporte in die arabische Welt machen. „Halal“ und „koschere“ Schlachtung werden heute bereits im Lebensmittelhandel zertifiziert. Das Kontrollsystem wird einheitlicher und mit höheren Sanktionen umgestaltet. Ein Ferntransport mit höchsten Standards soll für die Zuchtverbände die alleinige profitable  Möglichkeit sein, Lebendvieh auf die Autobahn zu bringen.

Regionalität

Im Idealfall erledigt sich das Thema Ferntransporte durch eine stärkere Regionalisierung der Fleischproduktion. Davon ist Wojciechowski überzeugt. Brüssel könne werden den Menschen das Fleisch essen verbieten und auch den Umschwung von Lebendvieh- zu Fleischtransporten nicht vorschreiben. Zusammen mit der Farm-to-Fork-Strategie könne die GAP allerdings regionale Schlachtungen fördern, die auf eine Vielzahl an Nutzviehbetrieben zurückgreife. Die nationalen Regierungen stünden unter hohem der Nichtregierungsorganisationen und die Politik in den Ländern und in Brüssel könne das nicht mehr ignorieren.

Die Praxis bleibt aber unklar. In Wismar entsteht gerade in Schlachthof für 200 Rinder. Pro Jahr. Ob sich solche Größenordnungen überhaupt wirtschaftlich abbilden lassen, ist fraglich. Bayern gilt nicht nur der Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber als Vorbild, auch ANIT-Abgeordnete Marlene Mortler aus dem Wahlkreis Roth und Nürnberger Land hat Bayern schon in Brüssel nach vorne gebracht. Der Wunsch und Fördergelder alleine werden Mast und Schlachtung nicht regionalisieren. Janusz Wojciechowski hat da noch mehr in Petto.  Mit der geplanten Einführung eines europäischen Tierwohllabels steht auch die Wegstrecke der Lebensviehtransporte als Parameter auf dem Programm. Weltweit könnte die Wegstrecke zum Schlachthof eine Werbung für die GAP werden.

Makeln statt transportieren

Der Viehhandelskaufmann wird sich künftig noch mehr um den Ausgleich zwischen freien Haken verschiedener Fleischqualitäten und Nutzviehangebot kümmern müssen. Im Jahr 2040 nimmt der Transport die geringste Arbeitszeit ein. Wo wachsen welche und wie viele Tiere heran, die zu künftig gewünschten Handelsparametern schlachtreif sind? Ein kleines Zurück zu „alten Zeiten“, aber mit differenziertem Umfang und digitaler Planung der Zukunft.

Roland Krieg

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Der Text erschien zuvor in der Weihnachtsausgabe der vfz Vieh- und Handelszeitung

 

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