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Der Wolf kommt in den Koalitionsvertrag

Landwirtschaft

Rechtliche Annäherung für die friedliche Koexistenz mit dem Wolf

Zwischen Weidetierhalter und Wolfsliebhaber scheinen die Gräben unüberbrückbar. Doch seit sich selbst in Niedersachsen unter grüner Mitregierung die Einstellung zum Wolf erweitert, scheint eine Lösung nicht mehr fern. Dort soll es leichter werden, Wölfe zu entnehmen. Doch eine Regelung nach dem Jagdgesetz lehnen rot und grün ab.

Egal wie sich die Parteien in Berlin farblich zusammenfinden werden, der Wolf kommt in den Koalitionsvertrag, gab sich ein Vertreter des Bundeslandwirtschaftsministeriums am Mittwoch sicher. Der Deutsche Bauernverband (DBV) und die Bundesarbeitsgemeinschaft  der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer (BAGJE) diskutierten einmal mehr über die Rückkehr des Wolfes. Die NABU-Vertreterin musste krankheitsbedingt absagen.

30 Prozent Nettozuwachs pro Rudel

Die Zeit drängt für eine entschiedene Position, denn falls der zweitgrößte Beutegreifer es irgendwie nicht in den Koalitionsvertrag schaffe, gäre das Thema vier weitere Jahre vor sich hin. Bernhard Krüsken, DBV-Generalsekretär, sagte auch warum: „Die Bestandsentwicklung zeigt allen Beteiligten, sich von der Wolfsromantik zu verabschieden!“.

Mittlerweile fallen nicht nur Schafe, sondern auch Kälber und ausgewachsene Rinder dem Wolf zum Opfer. Mutterkuhhalter Jens Schreinicke aus Brandenburg brachte es auf den Punkt: Die Tierhalter halten ihre Tiere trotz Entschädigungen nicht als Futter für den Wolf. „In Deutschland ist alles geregelt, aber nicht der Umgang mit dem zweitgrößten Beutegreifer.“ „Es gibt keinen absoluten Schutz“, ergänzte Jürgen Lückhoff, Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Landeschafzuchtverbände (VDL). Die Wölfe lernen, die Zäune zu überspringen, und ein Herdenschutzhund kostet rund 1.000 Euro im Jahr Unterhalt. Für seine fünf Koppeln bräuchte er jeweils zwei Herdenschutzhunde, die am Ende mehr kosten, als das Einkommen aus der Schafhaltung erzielt.

Defizite

Die „Wolfsromantik“ hat bei Basisdaten offenbar Lücken hinterlassen. Auch wenn jährlich die Wolfspopulation in Deutschland zusammengetragen wird, so streiten sich die Beteiligten vor Ort über die Richtigkeit der Daten. In Brandenburg werde ein ganzes Rudel trotz Fotos des Wolfsmanagers nicht mitgezählt, Das Potsdamer Agrarministerium geht den Vorwürfen jetzt nach.

Defizite gibt es auch bei der Definition einer Population. Wurden die Tiere in Norddeutschland längere Zeit der deutsch-westpolnischen Population zugeschlagen, bekommen sie jetzt als Norddeutscher Tieflandwolf einen eigenen Fokus. Biologisch ist das mit den Populationen eine streng geregelte Sache, führte Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel von der Freien Universität Berlin aus. Die lokal existierenden Tiere müssen untereinander kreuzungsfähig sein. Trennt ein Gebirge oder ein See zwei Rudel, sind sie als zwei getrennte Populationen zu betrachten. Zumindest solange ein männlicher Wolf die Barriere nicht überwindet und sein genetisches Material einmischt. Dann entsteht eine „dritte Population“ die sich über einen gemeinsamen Genpool definieren lasse. Reihen sich verschiedene lokale „Populationen“ geografisch aneinander und werden von den weit herumwandernden Wölfen überbrückt, sprechen die Zoologen von einer Metapopulation.

Diese Unterschiede sind nach Prof. Pfannenstiel wichtig: Denn die EU und der Artenschutz betrachten den günstigen Erhaltungszustand der  Art Wolf auf die Population bezogen. Doch welche ist hier gemeint? Die in der Lausitz, die in Deutschland oder diese zusammen mit der polnischen?

Der Wolf vor dem Kadi

Hat der Deutsche Jagdverband kürzlich noch die Verschiebung des Wolfes in den Anhang 5 vorgeschlagen [1], führte Rechtsexperte Prof. Dr. Michael Brenner von der Universität Jena alle Details vor. Demnach werde dem Artenschutz im „Kombimix“ aus jagdlichem Artenschutz im Jagdgesetz und natürlichem Artenschutz im Bundesnaturschutzgesetz jeweils solitär gerecht und von der EU anerkannt. Der Blick auf umliegende Länder wie Bulgarien, die Schweiz, Norwegen oder die Slowakei sowie Teile in Spanien zeigt, dass alle Lösungen für die „Entnahme“ einzelner Tiere finden. Egal ob der Wolf streng nach FFH-Richtlinie im Anhang 4 oder mit Ausnahmegenehmigung in Anhang 5 aufgeführt sei. Obwohl der Europäische Gerichtshof strikte Anforderungen an die Entnahme geschützter Arten stellt, sind Begründungen wie Schutz anderer Arten, hohe Schäden oder gesellschaftliche Belange möglich – sofern deutlich angeführt. Brenner weist darauf hin, dass die Entscheidung in diesem Falle bei den einzelnen Mitgliedsländern und nicht zentral in Brüssel liege. Für Deutschland bedeutet das allerdings die Berücksichtigung des Föderalismus, also die Genehmigung in den einzelnen Jagdgesetzen der Bundesländer.  

Regulierung, keine Eliminierung

Weder die Weidetierhalter noch die Jäger wollen den Wolf aus Deutschland wieder vertreiben. Mit Hilfe des Jagdgesetzes kann dem Tier in geeigneten Regionen eine ganzjährige Schonzeit und in anderen Regionen eine Jagdzeit zur Bestandsbegrenzung zugeordnet werden. Das würde Krüskens Vorschlag nach norwegischem Vorbild nahe kommen [2].

Plattform Wolf

Doch was nach einem guten Kompromiss aussieht, birgt weitere Fragen: Welche Regionen sollen den Wolf dulden sollen? Gibt es ein quantitatives Ziel für den günstigen Erhaltungszustand der Art? Nach Prof. Pfannenstiel falle die Entnahme von Wölfen leichter, wenn die „Population“ in einer Region eine sehr günstige Gebietskulisse für ihre Erhaltung habe.

Diesen Fragen will das Landwirtschaftsministerium noch vor Weihnachten in einer Plattform Wolf nachgehen.

P.S.

Leider wurde auf der Tagung öfters die Meldung aus Griechenland zitiert. Dort sei eine 63-jährige Britin beim Wandern von einem Wolf getötet worden. Während das Senckenberg-Institut als Referenzzentrum für Wolfsrisse in Frankfurt, Tage für eine DNS-Analyse braucht, gab der zitierte Arzt seine Vermutung gleich bei der Autopsie ab. Der österreichische Biologe Prof. Kurt Kotrschal äußerte in einem Interview mit dem Wissenschaftsmagazin spektrum.de gleich seine Zweifel. Solche Geschichten seien in Griechenland verbreitet. Ohne eine DNS-Analyse kann nicht zwischen Hund und Wolf unterschieden werden.

Solange sind Hinweise auf  die Meldungen untauglich.

Lesestoff:

[1] DJV-Antwort auf das NABU-Papier: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/akzeptanz-fuer-den-wolf-sinkt-dramatisch.html

[2] Norwegisches Wolfsmanagement: Vorbild für Deutschland? https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/wie-wild-ist-noch-der-norwegische-wolf.html

Roland Krieg

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