Deutscher Tropentag eröffnet

Landwirtschaft

Berlin lädt zur Fachkonferenz

> In den Gemäuern der altehrwürdigen Humboldt Universität findet in der Invalidenstraße, wo die Internationalen Agrarwissenschaftler zu Hause sind, seit gestern der Deutsche Tropentag 2004 statt. Bis Donnerstag referieren über 500 registrierte internationale Experten über das Thema der Armutsbegrenzung durch Entwicklungsforschung und Transformation statt. Der Deutsche Tropentag wird alternierend von 5 deutschen Universitäten in Zusammenarbeit mit der Vereinigung für tropische und subtropische Agrarforschung, der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) und dem Deutschen Forum für Entwicklungsforschung veranstaltet. Federführend geladen hat Prof. Dr. Kurt J. Peters aus dem bereich der Tierproduktion.

Ziel bleibt der ländliche Raum
In der im September veröffentlichten Halbzeitbilanz des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) steht die Bekämpfung der Armut an erster Stelle. Bis 2006 soll die geforderte Finanzierungsquote von 0,33 Prozent des Bruttosozialproduktes trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage endlich erreicht werden. Auf welchen drei Ebenen das Geld eingesetzt werden soll verdeutlichte Staatssekretär des BMZ Erich Stather in seiner Einführungsrede. Mit der ?globalen Strukturpolitik? werden Rahmenbedingungen, wie der Abbau von Exportsubventionen verfolgt, die zu einer Verzerrung des fairen Wettbewerbes führen. Anderen Ländern, wie beispielsweise Benin wird der Zugang zu europäischen Märkten erleichtert. Dieses Land lebt hauptsächlich vom Baumwollanbau, an dem rund 10 Millionen Existenzen hängen.
Der zweite Punkt ist die Teilnahme der Betroffenen an den Projekten. Entwicklungshilfe ist keine nur von außen wirkende Strategie. Die Menschen im ländlichen Raum sind ?nicht Objekt, sondern Träger der Entwicklungspolitik?. Das setzt Bildung voraus, so wie in Ghana, wo mittlerweile alle Kinder Zugang zur Grundschule haben. Forschung und Entwicklung ist der Dritte Bereich, so dass über Züchtung proteinreicherer Reissorten oder Förderung der Aquakultur Frauen in Bangladesh ein eigenes einkommen erwirtschaften. Stather warnt jedoch auch, dass nicht jede landwirtschaftliche Produktionssteigerung der Armutsbekämpfung dient. Zur Zeit gäbe es einen Trend zur einseitigen Förderung der städtischen Bevölkerung, wohingegen die arbeit des BMZ weiterhin auf die Bewohner des ländlichen Raumes ausgerichtet bleibt.

Armut ist mehrdimensional
Ulrich Mohr von der GTZ beschreibt die verschiedenen Puzzleteile, die Armut verschieden aussehen lassen können: Einkommen und Konsum, Gesundheit, Bildung, Mangelernährung und Einflusslosigkeit auf politische und infrastrukturelle Entscheidungen. Armut wird mittlerweile differenzierter wahrgenommen und führt dann auch zu unterschiedlichen Lösungsansätzen. So dominiert oft noch ein Entwicklungsansatz der Kommerzialisierung der Landwirtschaft über die Existenzsichernde Orientierung. In der Mehrheit wird zu wenig investiert, was zu einem anstieg der ländlichen Armut führt. Es werden neue Strukturengeschaffen, die internationale Handelspartner mit den Bauern, Nicht-Regierungsorganisationen und Entwicklungsstellen zusammen bringen, um Landwirtschaft mit anderen Wirtschaftssektoren zu verbinden. (s. dazu auch Entwicklung in Deutschland vom 23.08.2004). Mit dem kürzlich verabschiedeten ?Common Code for the Coffee Community? gibt es bereits einen Ansatz (Herd-und-Hof.de 20.09.2004).

Ökonomische Effizienz in der Entwicklungshilfe
Prof. Dr. Hermann Waibel von der Universität Hannover referierte mit einem Vortrag über den ?Rate of Return? über die Notwendigkeit, dass auch die Entwicklungshilfe sich wirtschaftlich rechnen muss. In der Pflanzenzüchtung dauert es mitunter 15 lange Jahre bis sich ein Zusatzertrag dauerhaft für die Bevölkerung etabliert hat. Er zeigte auch das noch ungenutzte Potenzial, weil beispielsweise in Afrika Bohnen, Sorghum und Cassava noch zu 80 Prozent mit alten Sorten angebaut werden. Die Schwierigkeit ist jedoch die antwort herauszufinden, für wen sich die Verzinsung lohnt. Viele Projekte sind nämlich nicht mit dem niedrigem Technologieniveau der ländlichen Bevölkerung vereinbar. Langsam lernen die Wissenschaftler, dass Fortschritte den Menschen in verschiedenen Intensitätsstufen angeboten werden müssen. Daher, so sein Ergebnis, müsse auch die Forschung Zielgruppenspezifisch ausgerichtet sein und damit auch die Beteiligten vermehrt in die Planung integrieren.

Milchlieferung in Indien
Aus den über 200 Postern, die in der Eingangshalle der Humboldt Universität weltweit die verschiedensten Projekte beschreiben, sei eine Studie der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft aus Braunschweig (FAL) detaillierter vorgestellt. Sie vermag verdeutlichen, wie schwierig ein Lösungsansatz ist.
In Indien werden nur 15 Prozent der Kuhmilch über Genossenschaften vermarktet. Über 55 Prozent gehen über den so genannten informellen Markt, über den lokalen Milchhändler an die Kunden. Die verbleibenden restlichen 30 Prozent werden selbst konsumiert.
Der informelle Markt dominiert, weil der lokale Milchhändler 11 Prozent höhere Preise an die Bauern bezahlt. Diese Händler vermarkten überwiegend in Städten und Vorstädten. Dafür weist diese Milch nur rund 2,5 Prozent Fett auf, während die Genossenschaftsmilch 3 Prozent Fett enthält. Die fliegenden Händler setzen der Milch noch Wasser zu. Dadurch und wegen der höheren Prozesskosten für Transport und Kühlung schneiden die Genossenschaften in der Gewinnspanne schlechter ab. Der Verbraucher bezogen auf die Milchqualität jedoch auch. Und er ist durchaus bereit, für die fettreichere Milch rund 17 Prozent mehr zu bezahlen. Erst nachhaltige Mechanismen die Verdünnung zu unterbinden wird den formalen, genossenschaftlichen Bereich wettbewerbsfähiger machen und der Bevölkerung einen besseren Ernährungsstatus geben.

roRo

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