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Dicamba: Der neue Schrecken für US-Farmer

Landwirtschaft

Warum wird Dicamba nach 50 Jahren zu einem Problem?

Seit einigen Monaten wird das Pflanzenschutzmittel Dicamba in den USA äußerst kontrovers diskutiert. Landwirte, die es anwenden, sind mit der Wirkung sehr zufrieden. Die Nachbarn und übernächsten Nachbarn hingegen melden „Dicamba“-Schäden auf Millionen von Hektar. Und: Dicamba ist rund 50 Jahre in Gebrauch! Was ist da los?

Was ist Dicamba?

Dicamba ist ein wasserlösliches Breitband-Herbizid und wird in den USA in vier verschiedenen Formulierungen verkauft: Engenia von BASF mit 48 Prozent Dicamba, Xtendimax von Monsanto mit 29 %, Fepaxan von DuPont mit 29 % und Enlist von Dow Chemicals mit 24 Prozent Dicamba. Verwendet werden darf Engenia beispielsweise gegen Unkraut im Spargel, in Landschafts-Konservierungsprogrammen, Mais, Baumwolle, Soja, Sorghum, Sojabohnen und Zuckerrohr. Das Mittel wirkt gegen mehr als auf drei Seiten aufgeführte Ungräsern und Unkräutern. Chemisch heißt Dicamba 3,6 Dichlor-2-Methoxy Benzoesäure und wird mit 2,4 Dichlorphenoxysäure ausgebracht. Das ergibt ein synthetisches Auxin. Auxin gilt als eines der wichtigsten Pflanzenhormone. Dicamba stimuliert die natürlichen Pflanzenprozesse wie Zellteilung und Längenwachstum durch eine Art Hormonüberschuss, was am Ende zum Absterben der Pflanzen führt.

Die Sicherheitsdatenblätter informieren, dass Dicamba gegenüber Fischen und Wasserlebewesen giftig ist, nicht in der Nähe von Oberflächengewässern angewandt werden darf. Auch in Regionen mit hohem Grundwasserstand darf es nicht angewandt werden. Winddrift und Abfluss über die Oberfläche müssen vermieden werden. Ist Niederschlag angekündigt, darf das Mittel wegen möglicher Auswaschung nicht angewandt werden. Bei Windgeschwindigkeiten von mehr als 15 Meilen pro Stunde darf Dicamba nicht angewandt werden. Beim Produkt Enlist ist auch eine Zeichnung vorhanden, die bei der Anwendung einen 30 Fuss breiten Pufferstreifen in Windrichtung vorschreibt und skizziert, der aus Sicherheitsgründen zum Nachbarfeld frei gelassen werden muss.

Nach 50 Jahren „Zoom“ gemacht?

Dicamba ist seit einem halben Jahrhundert in Gebrauch. Warum hat es nach 50 Jahren, frei nach Songwriter Klaus Lage, 2017 plötzlich „Zoom“ gemacht? So plötzlich ist es allerdings nicht gekommen. In der Fachzeitschrift „Weed Science of America“ beispielsweise hat J. Franklin Egan im Jahr 2013 bereits eine Meta-Analyse über die Abdrift von Dicamba zusammengetragen [1]. Die verwendete Literatur bezieht sich beispielsweise auf ungewollte Schäden an Baumwolle, die in South Dakota 1954 mit Dicamba in Zusammenhang gebracht wurden. Die Autoren Wax und Knuth haben 1969 bereits regelmäßige Schäden an Sojabohnen in Illinois untersucht [2].

Abdrift und Schädigungen unbehandelter Feldfrüchte waren also schon immer ein Thema. Die Egan-Studie hat Dosisabhängig die Verdriftung und damit verbundenen Schädigungen für landwirtschaftliche Berater aufgezeichnet.

Schadbilder wie aufrecht gekräuselten Sojabohnenblätter sind leichter zu identifizieren, als der ungewollte Eintrag von Dicamba in das Feld. Wissenschaftler sprechen von „off-targets“. Es werden Pflanzen geschädigt, die eigentlich gar nicht gemeint sind. Dicamba ist in der Anwendung flüssig ist, kann aber bei bestimmten Temperaturen und Luftfeuchten in einen flüchtigen Gaszustand übergeht. Dann werden die Partikel weit verfrachtet und können einen weit entfernten Schaden anrichten [3]. Die Agrochemie wiegelt in den USA das flüchtige Verhalten ihrer Substanzen ab. Allerdings: Aaron Hager von der Universität Illinois hinterfragt die Antworten der chemischen Industrie und kommt im Juli dieses Jahres zu dem Schluss: Das Treffen von „off-targets“ ist keine Frage des „Ob“, sondern eine Frage der Dosis [4].

Dicamba-Fälle. Universität Missouri
Von der Universität Missouri zusammengetragene Dicamba-Fälle

Warum ist das überhaupt ein Thema?

In diesem Jahr geht es nicht um vereinzelte Felder, die in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Universität von Missouri hat die gemeldeten Fälle zusammengetragen und kommt mit dem Stand vom 10. August 2017 auf 2.242 über die Landwirtschaftsministerien der Bundesstaaten gemeldeten Dicamba-Fälle auf rund 1,5 Millionen Hektar geschädigter Sojabohnen [5]. Der Bundesstaat South Dacota hat für die Landwirte ein Schadensformular online gestellt. Arkansas hat nach SDPD Radio bereits im Juni für ein Verbot von Dicamba gestimmt –aber noch nicht umgesetzt ist. Der dörfliche Frieden ist nach Medienberichten dahin, weil die Anwender von Dicamba von den ungewollt Betroffenen für den Schaden verantwortlich gemacht werden.

Was hat sich geändert?

Bislang wurde Dicamba als wirkungsvolles Mittel im „normalen Fall der Unkrautbekämpfung“ eingesetzt. Neu ist, dass viele Farmer den Buhmann im Chemiekonzern Monsanto sehen. Der hat Dicamba einen neuen Schwung in der Anwendung gegeben und verkauft Dicamba-tolerantes Saatgut von Sojabohnen und Baumwolle. Haben die Landwirte sich für die neuen gentechnisch veränderten Sorten entschieden, können sie mit Dicamba dafür sorgen, dass alles Unerwünschte auf dem Feld verschwindet. Möglicherweise wird Dicamba intensiver eingesetzt. „Ich habe nichts vergleichbares bisher gesehen“, sagt Unkrautspezialist Larry Steckel von der Universität Tennessee im Interview mit SDPD. „Wir haben jährliche Abdriftfälle auf vereinzelten Feldern, aber noch nie etwas in diesem Ausmaß gehabt.“

Lesestoff:

[1] J. Franklin Egann et al.: A Meta-Analysis on the Effects of 2,4 D and Dicamba Drifton Soybean and Cotton; Weed Science 62 (1): 193-206. 2014 http://www.bioone.org/doi/abs/10.1614/WS-D-13-00025.1 (Mit Literaturliste)

[2] Wax LM, Knuth LA, Slife FW (1969)  Response of soybean to 2,4-D, dicamba, and picloram.  Weed Sci 17:388–393

[3] Das ist in Deutschland nicht unbekannt. Der Ferntransport von Pflanzenschutzmitteln hatte vor einigen Jahren auch in Deutschland Schlagzeilen gemacht: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/ferntransport-von-pflanzenschutzmitteln.html

[4] The Dicamba Dilemma in Illinois: http://bulletin.ipm.illinois.edu/?p=3942

[5] Karten der University Missouri (Pflanzenwissenschaft): https://ipm.missouri.edu/IPCM/2017/8/Update-on-Dicamba-related-Injury-Investigations-and-Estimates-of-Injured-Soybean-Acreage/

Roland Krieg

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