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Die Energiewende im Tank

Landwirtschaft

Die Zukunft für E10 ist unausweichlich

Deutschland plant große Energietrassen und will alle Gebäude energetisch sanieren. Die Energiewende findet aber auch im Autotank statt. Biokraftstoffe werden auf dem Weg zur Elektromobilität die unerwünschten fossilen Kraftstoffe ablösen. Das Besteuerungschaos um den Biodiesel und das Informationschaos um die Einführung von E10 ebnen der Energiewende jedoch alles andere als einen zielorientierten Pfad.
Dennoch gibt sich Dietrich Klein, Geschäftsführer des Bundesverbandes der deutschen Bioethanolwirtschaft (BDBE) optimistisch über die Zukunft der Biokraftstoffe, besonders über Bioethanol.

Die Biokraftstofffamilie

Was ein Biokraftstoff ist, definiert das Energiesteuergesetz. Die folgende Tabelle gibt einen kleinen Überblick:

Um den erneuerbaren Kraftstoffen einen Startvorteil zu geben, wurden 2004 alle Biokraftstoffe steuerlich begünstigt. Egal ob als Reinkraftstoff oder als Beimischungsquote. Da mehr als nur der Kostennachteil gegenüber den fossilen Treibstoffen ausgeglichen wurde, hat die Bundesregierung im Jahr 2006 wegen der Überkompensation den gestaffelten Abbau der steuerlichen Begünstigung beschlossen. Ein Jahr später wurde die Beimischungsquote als zentrales Förderungsinstrument eingeführt.

Die Politik nimmt einen großen Einfluss auf die Energiewende im Tank. Je nach Entscheidung steigt der Anteil der Biokraftstoffe und die Anzahl der Produktionsbetriebe an oder geht wieder zurück:

Derzeit werden Biodiesel und Pflanzenöl mit 18,60 Cent je Liter besteuert. Der Steuersatz in der ab 2013 beginnenden Stufe beträgt 45,03 Cent. Die Freien Wähler im Bayerischen Landtag haben Ende der Woche deswegen vor einer „weiteren Verdrängung von Biokraftstoffen“ gewarnt, denn dann ist der Steuersatz fast so hoch wie der für konventionellen Diesel mit 47,04 Cent je Liter. Fraktionschef Hubert Aiwanger fürchtet um den Preisvorteil, der Kunden zum Umstieg auf die klimafreundliche Alternative verführen soll.

E10

Eine ganz andere Herausforderung erfährt Bioethanol als 10-prozentige Beimischung zum konventionellen Benzin. Den haben die Autofahrer partout nicht tanken wollen, weil sie um ihr Auto fürchteten.
Im Auftrag des BDBE hat TNS Infratest zehn Monate nach einer ersten Umfrage mit den gleichen Fragen die Akzeptanz und Wahrnehmung zum E10-Benzin durchgeführt und am Montag in Berlin vorgestellt. Das Fazit von Richard Hilmer, Geschäftsführer der TNS Infratest lautet: „Es gibt nach wie vor erhebliche Vorbehalte gegenüber E10!“
Zwar hat der Verbrauch an E10 um neun Prozentpunkte auf 33 Prozent zugenommen, doch resultiert das hauptsächlich aus dem mittlerweile flächendeckend vorhandenen Angebot. Vor allem im Westen und Norden der Republik hat sich die Nachfrage nach E10 mehr als verdoppelt. Dort wurden die Zapfsäulen spät umgestellt. In Ostdeutschland dagegen ist der Gebrauch sogar um zwei Prozentpunkte gefallen. Für Thorsten Spengler von Infratest ein Zeichen, dass sich die Bedenken fest gesetzt haben.
BDBE-Chef Dietrich Klein macht die Informationsmängel dafür verantwortlich: „Wenn mindestens 90 Prozent der Pkw mit Benzinmotor in Deutschland für Super E10 geeignet sind und trotzdem zwei Drittel der Autofahrer daran zweifeln, ist die Aufgabe klar. Kommunikation über das Internet reicht nicht.“ Zusätzlich zur Liste der Deutschen Automobil Treuhand (DAT-Liste) müssten die Informationen an den Tankstellen und in den Autowerkstätten ausliegen.
Trotzdem will Klein die Markteinführung nicht schlecht reden. E10 habe sich trotzdem im Markt besser etabliert als seinerzeit das bleifreie Benzin. E10 hat nach einem Jahr einen Marktanteil von 13 Prozent, das bleifreie Benzin kam nach zwei Jahren erst auf zehn Prozent.

Reduzierung der Treibhausgase

Die Umfrage zeigt aber noch weiteres. Die hohe Ziel Energiewende ist im Alltag bei den Menschen noch nicht angekommen. 78 Prozent der Befragten und damit 13 Prozentpunkte mehr als vor zehn Monaten tanken E10 nur aus Preisgründen. Es ist durchschnittlich rund vier Cent preiswerter als konventionelles Super. Weniger als 40 Prozent tanken E10 weil die heimische Erzeugung Arbeitsplätze im ländlichen Raum schafft und Bioethanol gut für das Klima ist. Preis schlägt Klima.
Diesem Preisargument arbeitet jedoch die Politik entgegen. Bioethanol wird ab 2015 seine Kostenvorteile ausspielen, glaubt Dietrich Klein. Ab 2015 müssen die EU-Länder drei Prozent der Treibhausgasemissionen von Benzin und Diesel einsparen. Ab 2017 wird es noch strenger und die Einsparmenge muss sich von 5,5 Millionen auf acht Millionen Tonnen CO2 erhöhen. Für 2020 sind sogar sieben Prozent bzw. 12 Millionen Tonnen Kohlendioxid vorgeschrieben. Im letzten Jahr hat Bioethanol bereits 2,2 Millionen Tonnen eingespart. Ab 2015, so Klein, entscheiden die CO2-Vermeidungskosten über den Preis an der Tankstelle. Da wird E10 seine Vorteile ausspielen. Dafür bürgt REDcert2), das Zertifizierungssystem für Biokraftstoffe, das der BDBE mit aufgebaut hat und in wenigen Wochen seine EU-weite Zulassung erhalten soll.

Koppelproduktion

Die Energiewende ist komplex. Auch das hat die BDBE-Umfrage gezeigt. Die wenigsten Verbraucher werden wissen, dass bei der Ethanol-Herstellung eine eiweißreiche Schlempe anfällt, die als Distiller´s Dried Grains with Solubles (DDGS) verfüttert werden kann3). Aber zwei Drittel der Befragten wollen, dass Futtermittel aus der Ethanolherstellung die Importware ersetzen sollte. In Deutschland wird Bioethanol aus Getreide hergestellt, das kaum noch einen Futterwert hat und aus Industrierüben, die abseits der Zuckerrübenproduktion angebaut werden. Doch für die Ernährung überschüssiges Getreide4) sollte lieber nicht für die Ethanolherstellung verwendet, sondern in Entwicklungsländer exportiert werden. 80 Prozent der Befragten sind dieser Meinung. Gleichauf sind die Vorstellungen wie Ackerflächen verwendet werden sollen, die für die Nahrungsmittelproduktion nicht gebraucht werden: Jeweils rund 45 Prozent wollen Naturschutz oder Flächen für die Energieproduktion.
Auch hier gibt es noch Informationsbedarf, damit die Autofahrer E10 nicht nur wegen des Preises tanken oder es aus irrtümlicher Angst ablehnen, es könnte das Auto kaputt machen.
Pro Liter Ethanol entsteht ein Kilogramm eiweißreiches Futter, das Importfuttermittel ersetzen kann, rechnet Dietrich Klein vor. Damit erhöht sich in Deutschland je Hektar der Ertrag, weil in einer Koppelproduktion auf jedem Hektar sowohl Energie als auch Futtermittel gleichzeitig produziert werden können. In Brasilien, das derzeit keine Rohstoffe für die Ethanolproduktion nach Europa liefert, könnten Flächen für Exportfuttermittel frei und anders genutzt werden.

Lesestoff:

Bundesverband der deutschen Bioethanolwirtschaft: www.bdbe.de

Verband der deutschen Biokraftstoffindustrie www.biokraftstoffverband.de

DAT-Liste für E10-Verträglichkeit: www.dat.de/e10liste/e10vertraeglichkeit.pdf

1) BtL-Basisinformationen auf Herd-und-Hof.de

2) Zertifizierungen in Deutschland

3) Die Amerikaner machen es vor: Zu Hause wird Ethanol aus Mais erstellt und das U.S. Grains Council verkauft das DDGS als Futtermittel in der ganzen Welt.

4) In der Entwicklungspolitik setzt ein Wandel ein. Auch in akuten Hungergebieten bevorzugt das World Food Programm (WFP) lokales Getreide, um neben der Hungerhilfe auch gleich einen lokalen Markt aufzubauen

Roland Krieg

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