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Die Transformation einer Veredelungsregion

Landwirtschaft

Was das Oldenburger Münsterland mit der Lausitz verbindet

Das Pariser Klimaabkommen schreibt den Ausstieg aus der Kohlekraft vor. Sowohl am Niederrhein und in der Lausitz werden tiefe Löcher gegraben, um Braunkohle für Strom und Wärme zu gewinnen. Die Regionen brauchen einen gesamtheitlichen Ausstiegsplan mit Beschäftigungsperspektive und Renaturierung. Das haben Niederrhein und Lausitz mit der nordwestdeutschen Veredlungsregion gleich, wo die Zahl der Tiere hoch und die Menge an Nährstoffen groß sind. Der Stallfilter alleine wird es nicht richten, offenbart Prof. Dr. Christine Tamásy von der Universität Greifswald, die über die Entwicklung ländlicher Räume auch an der Universität Vechta lehrte.

Auf dem Veredelungsforum des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV) in Berlin blickte sie auf das Oldenburger Münsterland und die Notwendigkeiten der Reform. Der landwirtschaftliche Strukturwandel hat sich bislang durch sinkende Betriebszahlen und steigenden Tierzahlen pro Betrieb charakterisiert. Seit einigen Jahren hingegen bleibt die Zahl der Tiere gleich. Vor allem in den Veredelungsregionen haben sich die Betriebe hochwertig spezialisiert. Damit haben sie zwar eine hohe Wertschöpfung erlangt, sind aber von externen Ressourcen abhängig geworden. Das bezeichnet Tamásy als „relativ schwache Nachhaltigkeit“, die über Düngegesetzgebung und Emissionsrestriktionen weiter unter Druck gerät. Das Nährstoffmanagement gilt ihr als „Zukunftsrisiko“ für Betriebe, die mit einem Nährstoffexport wegen der Transportwege nicht nachhaltiger werden können. Also folgert sie, dass die Lösung in der Region liegt und nicht von außen bestimmt werden kann.

Das die Politik nicht so falsch liegt, hat Dr. Knut Ehlers vom Umweltbundesamt aufgezeigt. Die Politik reagiert dort, wo Sanktionen drohen. Die kommen von der EU und sind mit der Nitratrichtlinie, Wasserrahmenrichtlinie und der NEC-Verordnung zur Minderung des Ammoniakausstoßes vorgegeben. Alle drei Verordnungen laufen auf das Nährstoffmanagement hinaus, bei dem die Tierhaltung einen besonders hohen Anteil hat.

Es wird unterhalb der Legislative viel getan. Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen hat mit einem „transparenten Stall“ ein Versuchsobjekt in Quakenbrück aufgebaut, bei dem alle Inputs und Outputs gemessen werden können. Daten sind für eine wissenschaftliche Ausrichtung der Politik eine wichtige Grundlage.Und da zeigte Dr. Ludwig Diekmann die Differenzen zwischen Wunsch und Realität auf. In der mittlerweile ungeliebten Anbindehaltung beträgt die Emission 4,86 Kilo NH3 pro Kuhplatz. In dem artgerechteren Liegeboxenlaufstall hingegen erhöht sich der Wert auf 14,57 kg NH3 pro Kuhplatz. Sind geschlossene Ställe ohne Auslaufmöglichkeit mit Filter die Lösung?

Nach Prof. Tamásy wird das nicht reichen. Die Menschen vor Ort sehen ihre Region weitaus positiver als die Fremdwahrnehmung. Ein so genanntes Transition Management muss die Akteure vor Ort berücksichtigen und einbinden. Viele Optionen müssen ausgearbeitet werden, die langfristig und flexibel sind. Vor allem helfe der Blick auf den richtigen Ansatzpunkt. Die Betriebe haben sich so spezialisiert, dass sich eine ganze Wertschöpfungskette nach ihnen ausgerichtet hat. Doch die Landwirte haben nicht mehr die Macht in der Kette. Wer den Druck auf die Betriebe erhöht, erreiche das schwächste Glied. Die Politik müsse ein einheitliches Zielsystem definiert haben – über das derzeit der Konsens fehlt.

Roland Krieg

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