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Die Welt in Ordnung bringen

Landwirtschaft

Carl von Linné zum 300.

Bob Dylan hat sich das in seinem Lied „Man Gave Names to All the Animals“ von 1979 etwas einfach gemacht:
„He saw an animal up on a hill
Chewing up so much grass until she was filled.
He saw milk comin´out but he didn´t know how.
„Ah, think I´ll call it a cow.“

Aristoteles hatte sich schon mehr Mühe gegeben: Er ordnete die ihm bekannten Tierarten vorwiegend nach äußeren Merkmalen und trennte die ihm bekannten Tiere in Bluttiere und Blutlose. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse und neu entdeckte Arten warfen aber bald jede Einteilung wieder über den Haufen.
Zoologen, Insektenforscher und Botaniker haben seit den Entdeckungsreisen so viel Naturfülle beschrieben, dass die Namenswelt nach eigener und genauerer Ordnung rief. Der heute vor 300 Jahren im schwedischen Rashult geborene Carl von Linné gilt als Begründer der modernen Taxonomie und begann die Fülle der damaligen Pflanzenwelt nach Blütenmerkmalen zu ordnen. Vor Erhebung in den Adelsstand 1757 hieß er noch Carl Nilsson Linneaeus. Seine erste Abhandlung „Preludia Sponsaliorum Plantarum“ („Hochzeit der Pflanzen“) systematisiert die Pflanzen nach Form und Charakter der Blütenblätter, Staubblätter und Stempel.

Binominale Nomenklatur
Linné hat es mit der zweiteiligen Namensgebung geschafft aus dem damaligen Wildwuchs von über 18.000 Pflanzennamen eine Übersicht von gut 3.000 Beschreibungen zu gestalten. So gibt beispielsweise das erste Wort „Ranunculus“ die Gattung der Pflanze an und der zweite Teil, das „Epitheton“ beschreibt die Gattung deutlicher: der kriechende Hahnenfuss, der seit Linné Ranunculus repens heißt.
An der Universität in Uppsala war er stellvertretender Dozent am Botanischen Garten und hielt sich ab 1735 drei Jahre lang in den Niederlanden auf. Dort erlernte er die Medizin und beschrieb den Garten des Kaufmannes Clifford. Er traf auf den Botaniker Jan Frederik Gronovius und stellte ihm den ersten Entwurf seiner Systematik vor. Dieser finanzierte Linnés Hauptwerk „Systema naturae“, dass in seiner 12. Auflage nach der Tierwelt und den Mineralien dann auch den Menschen enthielt. Bis 1770 umfasste die Systematik 3.000 Seiten.

Aktuell noch heute
Hinter den lateinischen Namen taucht oft die Abkürzung L. auf. Ein Zeichen, dass die Klassifizierung auf Linné zurückgeht. Bei Fischen taucht schon mal C.V. auf: Die Abkürzung folgt den Zoologen George KeukenhofCuvier und Achille Valenciennes. Ein M. oder Meig. bezieht sich auf den 1848 im Rheinland verstorbenen Insektenkundler Johann Wilhelm Meigen. Es gibt also schon mehrere Klassifikationen, die sich im Verlauf der Zeit durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse auch ändern können. Ein schwieriges Geschäft – aber hochaktuell:
Man kann den Verlust an Arten von Tieren und Pflanzen nur dingfest machen, wenn man die Vielfalt vorher bestimmt hat. Das beschreibt die „Initiative pro Taxonomie“, die eine Stiftungsprofessur in Deutschland fordert. Zur modernen Taxonomie gehört nicht nur der genaue Name einer Art, sondern auch die Erkenntnis, dass nicht nur Struktur und Funktion das Wesen einer Art bestimmen, sondern auch die Einordnung in ihren Lebensraum und die Vererbbarkeit ihrer Lebenseigenschaften. 1998 wurde auf einer internationalen Tagung in Australien auf den „Taxonomie-Engpass“ hingewiesen: Das Fehlen von ausreichenden taxonomischen Kapazitäten und Kompetenzen. Bemängelt wurden auch zu wenig frei zugängliche Datenbanken und Forschungssammlungen.

Taxonomie in der Krise
Der Verband Deutscher Biologen und biowissenschaftlicher Fachgesellschaften (vdbiol) ist einer der Träger der Taxonomie-Initiative. Projektleiter Dr. Georg Kääb, Geschäftsleiter des vdbiol, beschrieb in der jüngsten Ausgabe von Geo (5/07) die Anforderungen (Auszug mit freundlicher Genehmigung des vdbiol):

F: Herr Dr. Kääb, was gibt es heute noch für Taxonomen zu tun?
Dr. Kääb: Das romantische Bild vom Artenforscher, der mit dem Schmetterlingsnetz über die Wiesen zieht, hält sich beständig – hat jedoch mit der heutigen Arbeit nur noch wenig zu tun. Dabei ist die Fähigkeit, Tiere, Pflanzen und andere Arten zweifelsfrei erkennen und gegebenenfalls neue entdecken zu können nicht nur für den Umweltschutz von Bedeutung, sondern auch für die Nutzung biologischer Substanzen. Jedes Jahr werden fast 1.000 neue Naturstoffe aus Lebewesen der Meere entdeckt, die von der Krebsmedizin bis zur Entwicklung von Waschmitteln von wirtschaftlicher Relevanz sein können.

F: Was ist das Problem?
Dr. Kääb: Bei der Vergabe von Fördergeldern bleibt die Forschung über die Artenvielfalt regelmäßig unberücksichtigt. Mittlerweile wirkt sich das auf die biologische Ausbildung soweit aus, dass Lehrstühle dort fehlen, wo es um ganzheitliche Forschung und Lehre der Artenvielfalt geht. Taxonomen betrachten nämlich nicht nur einzelne Exemplare oder Bestandteile von Organismen, sondern zusätzlich die spezifische Verbreitung und Anforderung einer Art an das umgebende Ökosystem. Ohne die Verknüpfung all dieser Informationen wäre auch das Erkennen einer neuen Art unmöglich. Selbst das AIDS-Virus musste ja erst einmal als ein „neuer“ Organismus erkannt und beschrieben werden.

Linné 2007
Seit Wochen bereits feiert Schweden dem heutigen Tag entgegen. Die am letzten Wochenende zu Ende gegangene niederländische, weltweite größte Blumenzwiebelschau in Keukenhof stand unter dem Motto „Linneaeus, 300 Jahre König der Blumen“. Bis zum 26. Mai steht Linné noch in Fokus der Chelsea Flower Show in London. Die schwedische Botschaft hat den Briten einen Ausstellungsgarten geschenkt, der im Anschluss an die Feierlichkeiten in den Botanischen Garten in Göteborg verlegt wird.
Die Schweden haben eine Wanderausstellung für das Linné-Jahr konzipiert: Mensch und Natur sind bald bis in alle Ewigkeiten inventarisiert. Dennoch wirkt die Welt nicht weniger chaotisch als vor dreihundert Jahren. Im Gegenteil. Die Ausstellung „Chaos von Linné“ hat mehrere Ziele: Zu zeigen, dass Ordnung nicht immer nützlich ist und zu zeigen, dass Chaos nicht immer nachteilig ist – und umgekehrt.

Berlinbesucher kommen in den Genuss der Ausstellung „System & Passion“, die zwischen dem 14. August und 30. September in der schwedischen Botschaft gezeigt wird.

Lesestoff:
Alle Daten und Termine gibt es auf der Seite www.linne2007.se, die auch eine deutsche Übersetzung aufweist.
Hintergründe über die Stiftungsprofessur stehen unter www.taxonomie-initiative.de

VLE; Bild: Keukenhof

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