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Die Zeit schlägt für den Integrierten Pflanzenschutz

Landwirtschaft

Neues Denken im Ackerbau und in der Ökonomie

DLG-Feldtage

Der Intergrierte Pflanzenschutz (IPS) ist alles andere als eine neue Erfindung. Seit mehr als 30 Jahren wird diese Strategie beworben, die chemische Lösungen gegen Schaderreger nutzen, aber nicht-chemische Alternativen wie Bodenbearbeitung, Fruchtfolge, Sortenwahl und Aussaatzeitpunkt in den Vordergrund stellt. Chemische Pflanzenschutzmittel werden aus Gründen der Resistenzvorbeugung und der Kosten nach dem Schadschwellenprinzip genutzt. Dabei wird ein geringer Befall toleriert, weil dessen Ausfall ökonomisch weniger in die Bilanz fällt, als der Mehraufwand zur Bekämpfung.

Heute stehen chemische Pflanzenschutzmittel in der gesellschaftlichen Kritik und negative Umwelteffekte lassen jeglichen Input in den Ackerbau kritisch überprüfen. Konnte der IPS in den letzten Jahrzehnten keine Breitenwirkung entfalten, so rückt er genau jetzt in den Fokus.

Das liegt auch am Julius Kühn-Institut, das 2011 bereits ein Demonstrationsnetz über verschiedene Standorte aufgebaut hat, wo Praktiker die alternativen Möglichkeiten einem jahrelangen Stresstest unterzogen haben. Auf den DLG-Feldtagen berichteten Landwirte über ihre Erfahrungen.

Weite Fruchtfolgen

Doreen Riske führt einen 850 ha Ackerbaubetrieb in Mecklenburg-Vorpommern und hatte schon immer verschiedene Feldfrüchte auf ihrem Betrieb mit durchschnittlich 35 Bodenpunkten und einer Schlaggröße von durchschnittlich 35 Hektar angebaut. Bislang liegt ihr Betrieb in einer Region mit guten 850 mm Niederschlag. In diesem Jahr sind bislang lediglich 280 mm gefallen. Es wird knapp.

Auf 25 Prozent ihrer Flächen wächst ganz oder teilweise Ackerfuchsschwanz, auf 28 Prozent gibt es ganz oder teilflächig Kohlhernie. Mit Beginn des IPS hat sie mit Sommerweizen, Mais und Erbsen neue Feldfrüchte aufgenommen. Am deutlichsten hat sich der Effekt der Fruchtfolge gezeigt. Raps wird nicht mehr alle 2,7, sondern nur noch alle 4,4 Jahre angebaut. Das hat die Überfahrten mit Pflanzenschutzmitteln von 3,5 auf 1,5 reduziert. Neu hinzugekommen ist das Walzen im Frühjahr, damit Unkraut mit dem Schwergewicht „einen frühen Schlag auf den Kopf“ bekommt. Der Landkreis Greifswald plant ein vorfristiges Glyphosat-Verbot. Erste Testversuche in diesem Jahr sollen Mais ab 2019 generell zu einer Hackfrucht machen. Zudem beobachtet Riske ihre Felder häufiger und genauer. Bei niedrigen Schadschwellen lässt sie die eine oder andere Fahrt mit der Feldspritze ausfallen. Der Effekt: In Raps und Zuckerrüben hat sich der Herbizideinsatz um 60 Prozent reduziert.

Der Zeitaufwand für ständige Bonituren im Feld ist hoch, die Kartoffel ist eine sensible Pflanze mit nur wenig Einsparpotenzial im Pflanzenschutz und die Züchterversprechen für krankheitstolerantes und ertragsstabiles Saatgut halten nicht immer Wort. Dennoch: Seit IPS haben sich, auch wirtschaftlich gesehen, die Überfahrten reduzieren lassen. Die einzelne Feldfrucht erzielt nicht mehr den Maximalertrag, doch in der Summe hat sich ein positives Betriebsergebnis eingestellt.

Intensiver beobachten

Frank Bereuther ist Produktionsleiter auf der Agrofarm Knau im Saale-Orla-Kreis in Thüringen. Er kann die Erfahrungen stützen. Bei Raps sind die Erträge bis auf das Sklerotina-Jahr 2016 deutlich höher gewesen. Auf den Demo-Flächen gingen die Erträge noch stärker zurück. Den Anteil von Raps in der Fruchtfolge hat der Betrieb allerdings stabil bei 22 Prozent belassen. Jetzt wollen sie eine Erweiterung der Fruchtfolge angehen. Ein Knackpunkt bei IPS sind Fungizide, weil deren Einsatz nach Schadschwelle noch nicht ausgereift seien. Generell sei IPS kein Garant auf höhere Betriebsergebnisse, warnt Bereuther. Dieser wird auch beim IPS-Manager noch immer vom Betriebsleiter selbst bestimmt. Monitoring der Bestände gilt dem Thüringer als Schlüssel für den Erfolg.

Offizinalberatung stärken

Warum der IPS noch immer auf den Durchbruch wartet, erklärte Hubertus Velder, der in Rommerskirchen zwischen Aachen und Köln einen 200 Hektar Ackerbaubetrieb mit Gemüse in der Fruchtfolge fährt. Die Landwirte werden von der Agrochemie nicht als selbstbestimmender Unternehmer angesprochen. Die Verkaufsberatung sei nicht auf den einzelnen Betrieb abgestimmt. Demgegenüber werde die Offizinalberatung von den Ländern immer weiter gekürzt Velder hat sei zwei Jahren seinen Raps gar nicht mehr gespritzt, baut ihn aber auch nur zu fünf Prozent in der Fruchtfolge an. Die Verengung von Fruchtfolgen und die Vernachlässigung dsr nicht-chemischen Pflanzenschutzes führe über die Ausbildung von Resistenzen in eine ackerbauliche Sackgasse, aus der es keine Lösung mehr gibt. Nach Velder sind auch die meisten Prognosemodelle über Schadereignisse nicht praxisgerecht ausgearbeitet.

Neues Ökonomieverständnis

Die Ökonomie fokussiert den Blick auf die Einzelfrucht und Ertragsmaximierung. Eine ökonomische Bewertung einer ganzen Fruchtfolge über einen langen Zeitraum liegt einfach nicht vor, weil sie auch schwer zu berechnen ist, führt Jan Helbig vom JKI-Institut für Strategien und Folgenabschätzung aus Klein-Machnow in Brandenburg gegenüber Herd-und-Hof.de aus. Die Teilnehmer im Demonstrationsnetz lernen die betriebswirtschaftlichen Erfolge schätzen. Offenbar muss der IPS für seine breitere Umsetzung stärker ökonomisch begleitet werden.

Eine überfahrt mit einem Pflanzenschutzmittel kostet zwischen 50 und 100 Euro. Eine Überfahrt mit der Hacke entgegen nur 40 Euro. Schwieriger wird es bei Glyphosat: Da kostet die Anwendung 17 Euro je Hektar, eine alternative Stoppelbearbeitung zwischen 20 und 25 Euro. Der Druck auf die Betriebe bei anhaltend niedrigen Preisen im Ackerbau spitzt die Bleistifte auf den Betrieben an und zeigt kostengünstigere Varianten.

Roland Krieg

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