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Die Zukunft der Seuchenbekämpfung

Landwirtschaft

Internationales Forum Agrarpolitik

In den letzten zehn Jahren wurden in Großbritannien mehr als sechs Millionen Rinder im Zuge der Maul- und Klauenseuche getötet, in den Niederlanden mehr als 10 Millionen Schweine durch die Schweinepest und 31 Millionen Stück Geflügel nach Ausbruch der Geflügelpest. Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, will sich gegen zukünftige Massentötungen wenden, weil diese nicht nur einen großen wirtschaftlichen Schaden, sondern auch einen Imageschaden für die Landwirtschaft hervorrufen. Daher forderte er heute Vormittag auf dem Internationalen Forum Agrarpolitik, das sich im Rahmen der Grünen Woche mit der „Zukunft der Seuchenbewältigung“ beschäftigt, eine Kehrtwende. Massentötungen seinen im Zeichen der Globalisierung und des kontinentübergreifenden Vogelzuges nicht mehr zeitgemäß, sind ethisch nicht mehr vertretbar und seien eine große Ressourcenverschwendung.
Alexander Müller, Beigeordneter Generaldirektor der FAO in Rom, bezifferte die Wirtschaftsschäden für die Maul- und Klauenseuche in Großbritannien auf 30 Milliarden US-Dollar, die für SARS weltweit auf 50 und für die Vogelgrippe bislang auf etwa 14 Milliarden Dollar. Hier stünden Ressourcen zur Verfügung, um Wissenschaft und neue Ansätze voranzubringen. Sonnleitner: „Seuchenfreiheit muss durch Erregerfreiheit definiert werden und nicht durch Antikörper-Freiheit“.

Europa baut an neuer Strategie
EU-Kommissar für Gesundheit Markos Kyprianou sieht „die Gesundheit der Tiere und die Gesundheit der Menschen“ in einem engen Zusammenhang. Der Schaden für Tier und Mensch erstreckt sich auch auf den Handel und mit einer neuen Tierseuchenpolitik, die noch in diesem Jahr vorgestellt werden soll, möchte Brüssel „den verheerenden Imageschaden durch Massentötungen“ wieder gut machen.
Viel wollte er über die neue Politik nicht verraten. Es geht um neue Impfstrategien, wissenschaftliche Forschungen, um Kompensation für betroffene Betriebe und Kostenbeteiligungen.
Die alte Tierseuchenpolitik basiert noch auf 12 Mitgliedsstaaten. Heute ist die EU größer geworden und verschiedene Klimate zwischen Finnland und Zypern erforderten eine Neuorientierung, so Kyprianou. Die mittlerweile immer sich noch ausweitende Blauzungenkrankheit ist auch ein Ergebnis des Klimawandels. Solch „drastische Auswirkungen werden zu einem signifikanten Faktor für die Landwirtschaft“, prophezeit der Kommissar. Die Krankheitsaktivitäten verändern sich. Die neue Tierseuchenpolitik soll die Gesetze der Mitgliedsländer harmonisieren, damit Bekämpfungsstrategien effektiv umgesetzt werden könne. Als Beispiel lobte er Deutschland, bei dem zwar 45 Prozent der Wildvögelfälle durch den Vogelgrippeerreger aufgetreten sind, aber nur ein einziger Fall in einem Nutztierbestand.

H5N1 in Ungarn
Gestern wurde der Verdacht auf Vogelgrippe in Ungarn laut, bei dem zwar schnell die Hämagglutiniegruppe H5 identifiziert wurde, aber noch nicht klar war welche Neuraminidase ihr anhängt. Heute morgen hat Ungarn die N1 bestätigt. Die Gegenprobe aus London für den ungarischen Gänsebestand steht noch aus.
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Kyprianou zeigt sich optimistisch, das die EU sich auf eine einheitliche Politik einigen kann, um den Bauern ein Einkommen und damit dem Land wie Wirtschaftskraft zu erhalten.

Fördert Föderalismus die effektive Bekämpfung?
Der erste Vogelgrippefall auf Rügen und die Gammelfleischskandale des letzten Jahres haben Schwächen des Föderalismus aufgezeigt. Gerd Lindemann, lange Jahre im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium beheimatet und jetzt Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium, sieht sich als guten Vertreter des föderalistischen Prinzips. Für ihn ist die föderale Struktur Deutschlands „im Prinzip“ für die Seuchenpolitik gewappnet und sieht auch keinen Widerspruch zur EU-Politik. Auch Österreich, Polen und Belgien haben dezentrale Staatsstrukturen. Probleme müssten nicht alleine durch den Föderalismus entstehen. Wenn bei der klassischen Schweinepest in Nordrhein-Westfalen im letzten Frühjahr der Erreger auch durch Veterinäre in die Ställe eingeschleppt wurde, liege das nicht am Föderalismus. Krisenpläne von der Bundes- bis zur Kreisebene können miteinander abgestimmt sein und die seit kurzem eingeführte Verbraucherschutzministerkonferenz habe das Miteinander von Bund und Länder verbessert. Schwierigkeiten können sich daraus ergeben, dass die Tierseuchenbekämpfung nur bei der Hälfte der Bundesländer im Landwirtschaftsministerium angesiedelt ist und bei den anderen im Gesundheitsressort.

Blauzunge, Schweinepest und Vogelgrippe
Prof. Dr. Thomas Mettenleiter vom Friedrich-Loeffler-Institut der Insel Riems zeigte die drei wissenschaftlichen Ansätze für die aktuellen Tierseuchen.
Bei der Blauzungenkrankheit ist die Überträgermücke in Deutschland ubiquitär und sucht sich im Gegensatz zu den anderen Vektortypen nicht nur Rinder und Schafe, sondern auch Rothirsche, Yaks und Mufflons als Wirte aus. Hier steht die Vektorbekämpfung an vorderster Stelle.
Gegen die Schweinepest gibt es „einen der besten Impfstoffe, die wir haben“, aber er wird nicht immer angewandt. Der Erreger kommt aus den Wildschweinbeständen und kann über die Köderimpfung sehr gut unter Kontrolle gehalten werden.

Min-Kopierer mit Maxi-Effekt
Hoffnung Krankheitserreger schnell und effizient zu entdecken ist die Polymerase-Kettenreaktion. Dabei suchen Moleküle bekannte Schnipsel in einer langen Gensequenz. Ein einzelner kleiner Abschnitt reicht. Der wird dann in wenigen Stunden so lange kopiert, dass über zwei Millionen Sequenzen vorliegen und dann leicht identifiziert werden kann.
Dann kann nachgewiesen werden, dass das Tier frei von Erregern ist und gehandelt werden kann.
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Bei der Vogelgrippe sieht es ganz anders aus. Die Stallpflicht ist die einzige wirksame Maßnahme, den Erreger aus den Nutztierbeständen herauszuhalten. In Asien ist der Virus in Wildvogel- und Nutztierbeständen gleichermaßen beheimatet. „Geimpfte Tiere seinen keine schlechten Tiere“, bekräftigte Mettenleiter, „aber man müsse sich doch die Frage stellen, ob impfen wirklich sinnvoll ist?“. Geimpfte Tiere nehmen den Erreger trotzdem auf und scheiden ihn wieder aus. Solange es keine Markerimpfstoffe gibt, könne man nicht zwischen geimpften und nicht geimpften Tieren unterscheiden.
Die aktuell verfügbaren inaktivierten Impfstoffe sind gerade in Praxistests. Denn jedes Tier müsse im Abstand von etwa drei Wochen zweimal geimpft werden. Das ist nur in kleinen Beständen praktikabel. Impfstoffe, die über Tränkanlagen oder als Spray verteilt werden könnten, stehen nicht zur Verfügung.
Hoffnung gäbe es, ein Gen des H5N1-Virus in den Impfstoff gegen die Newcastle Krankheit einzubauen. Das ist eine Pflichtimpfung, so dass kein zusätzlicher Aufwand erforderlich wäre. Aber, so betont Mettenleiter: „Man müsse sich darüber im Klaren sein, das der Einbau nur mit gentechnischen Methoden realisierbar ist.“

Seuchenpolitik wird weltweit bedeutender
Etwa 17 Prozent der neuen Infektionen bei Menschen sind Zoonosen, also Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen überspringen. Angesichts der pandemischen Bedrohung hält Dr. David Nabarro, UN-Koordinator für Vogelgrippe und Pandemie, diese größer als die Gefahr durch den Terrorismus. Er sieht die Aufgaben der internationalen Organisationen vergleichbar mit dem föderalen System in Deutschland. In den Ländern müssen ganze Managementsysteme neu aufgebaut werden und staatliche und lokale Maßnahmen müssen durch die UN koordiniert werden. Beispiel von Plakatwänden, TV-Aufklärungsspots und Fragebögen auf den Betrieben verdeutlichten die Rahmenaufgabe der UN.
Den UN, FAO oder dem Internationale Tierseuchenamt in Paris (OIE) komme immer größere Bedeutung zu. Alexander Müller skizzierte den zukünftigen Welthandel. Zur Zeit hungern rund 850 Millionen Menschen und drei Milliarden Menschen muss die Erde in den nächsten Jahren noch zusätzlich ernähren. Fast 100 Prozent des Bevölkerungswachstums findet in den Entwicklungsländern und dort ebenfalls fast ausschließlich in den Städten statt. Zunehmen wird auch der Trend, mehr Fleisch zu essen. Damit erhöhen sich die internationalen Warenströme und damit auch die Gefahr der Verbringung von Erregern. Müller wollte aber nicht nur negative Beispiele bringen sondern konnte mit der Rinderpest aufzeigen, dass die noch in den 1980er Jahren in Afrika und Südasien weit verbreitete Krankheit heute nur noch in Teilen Somalias eine Rolle spielt. „Das ist möglich wenn wir kontrolliert und eng zusammenarbeiten.“

Nicht nur das aktuelle Beispiel in Ungarn zeigt, wie wichtig Seuchenbekämpfung ist, wenn sie auch aus den Schlagzeilen verschwunden ist, sondern der letzte Kongress „Policies against Hunger“ auch, dass Entwicklungsländer mitunter ganz andere Ansichten über deren Ausrichtung haben.

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