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Die Zukunft der ukrainischen Landwirtschaft

Landwirtschaft

Riesenpotenzial endlich umsetzen

„Fruchtbare Böden, Felder bis zum Horizont“. Staatssekretär Peter Bleser beim Bundeslandwirtschaftsministerium kommt beim Thema Ukraine ins Schwärmen. Die Landesflagge zeigt es auch: Gelbe Getreidefelder unter blauem Himmel. Aber die Farben haben ihren Ursprung im Fürstentum Galizien-Wolhynien, einem goldenen Löwen auf blauem Grund.

Dennoch ist die populäre Deutung heute mehr denn je ein Symbolbild für den Frieden, beziehungsweise den Friedenswunsch im Land. Der Konflikt im Osten des Landes dauert an. Die Waffenruhe wird täglich unterbrochen und die russische Unterstützung der Separisten im Zusammenhang mit der Annexion der Krim hat der EU das Russland-Embargo beschert. Ein ungelöstes Problem. Peter Bleser spricht für die Bundesregierung, die wohl auch in einer neuen Konstellation an der territorialen Integrität der Ukraine festhalten wird.

Um die große Politik kommt die Agritechnica in Hannover nicht herum. Die Veranstaltung des Deutsch-Ukrainischen Agrarpolitischen Dialog (APD) über die Potenziale der heimischen Landwirtschaft begann am Dienstag dann auch außenpolitisch. Das Traumland jeden Landwirts mit großflächigen Schwarzerdeböden, die vor dem Zweiten Welltkrieg die Kornkammer Europas waren, könne sich, so Bleser, an die EU anlehnen und glecihzeitig eine gute Nachbarschaft mit Russland pflegen. Dann erzielt die gesamte Region Gewinner. Allen voran den Ukrainern selbst, die heute rund 60 Millionen Tonnen Getreide produzieren und damit etwa 40 Prozent mehr als Deutschland. 100 Millionen Tonnen sind wegen der guten Böden und klimatischen Voraussetzungen keine Utopie.

Das Land braucht nach Bleser vor allem Rechtssicherheit für die anstehenden Reformen und meint vor allem die Bodenreform. Ein sensibles Thema im Land.

Auf den Spuren Brasiliens

Keine Frage. Der Weltgetreidemarkt reagiert, wenn die Ukraine hustet. 1,9 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet das Land mit Weizenexxporten. Hinzu kommen 3,2 Milliarden durch den Export von Ölsaaten und 2,4 Milliarden durch den Verkauf von Mais. Im Handel mit der EU hat die Ukraine im vergangenen Jahr Agrargüter für 4,2 Milliarden US-Dollar verkauft und Waren aus der EU für 1,9 Milliarden US-Dollar bezogen. Auf diese Zahlen kommt die Ukraine in diesem Jahr bereits nach neun Monaten. Die Ukraine ist im Exportgeschäft ein „Global Player“, sagte Olga Trofimzewa, stellvertretende Agrarministerin. Bei Geflügelfleisch steht das Land auf der Weltrangliste der Exporteure auf Platz acht. Höhere Erträge, geringere Ernteverluste und professionellere Landwirtschaft können das Potenzial noch besser ausreizen. Trofimzewa blickt aber schon auf den nächsten Schritt. Nur Rohstoffe exportieren reicht nicht. In einer neu aufgelegten Exportstrategie 2021 wird vor allem in Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe investiert. Die Exportpalette soll mit verarbeiteten Produkten erweitert werden. Freihandelsabkommen mit Israel und der Türkei sind in Arbeit, mit Kanada ist gerade ein Teil in Kraft getreten und die EU hat der Ukraine einen besonderen Status für nahezu zollfreie Exporte eingeräumt [1]. Noch in diesen Tagen weilt Olga Trofimzewa zu Handelsgesprächen in China.

Das Ministerium hat rotes Fleisch, verarbeitetes Obst und Gemüse, Kindernahrung und Convenience-Produkte im Fokus. Die Ukraine ist nach Trofimzewa nicht nur angetreten, die Welt ein Stück weit zu ernähren, sondern auch dabei noch Geld zu verdienden.  Die Investitionen in die Ukraine sind Investitionen in einen Mitbewerber.

Neben der Landreform stehen weitere Aufgaben auf der To-Do-Liste: Es fehlen Fachkräfte und der ländliche Raum hat ein besonders großes Gefälle gegenüber der Stadt, räumt die Trofimzewa ein. Vor dem Hintergrund des Klimawandels stehen Bewässerungsaanlagen auf der Einkaufsliste.

Kennzahlen

Mit einem Anteil von über 13 Prozent am Bruttosozialprodukt spielt die Landwirtschaft in der Ukraine eine große Rolle. Ein Viertel der landwirtschaftlichen Fläche ist heute noch in der Hand des Staates. Anfang der 1990er Jahre wurden 74,8 Prozent der Fläche an die Mitglieder der Kolchosen in Teilflächen zwischen einem und zwei Hektar privatisiert. Bis heute besteht ein Moratorium für den freien Handel mit diesen Flächen. Die kleinen Flächen sind auch für den hohen Arbeitskräftebesatz verantwortlich. Diese Hauswirtschaften erzeugen rund 45 Prozent der Agrarprodukte. Die mangelnde Kapitalisierung ist zudem ein Hauptgrund für den geringen Anteil von Krediten für die Landwirtschaft. 60 Prozent der Betriebe haben keinen Zugang zu Fremdkapital.

Lesestoff:

[1] EU öffnet Handel für ukrainische Produkte: https://herd-und-hof.de/handel-/eu-ukraine-handel-intensiviert-sich.html

Roland Krieg

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