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Digitalisierungstrend in der Landwirtschaft

Landwirtschaft

Rechtsfragen bei Landwirtschaft 4.0 hinken Realität hinterher

Der Deutsche Bauernverband (DBV) hat zusammen mit bitkom, dem Dachverband der digitalen Wirtschaft, den Fortschritt von Bits und Bytes im Ackerbau und  in der Tierhaltung analysiert. Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernd Rohleder zeigte sich am Mittwoch bei der Studienvorstellung überrascht, dass die Landwirtschaft digital viel weiter ist als die übrige Fertigungstechnik in der Bundesrepublik: „Für uns eine riesige Überraschung!“. Mit Hilfe von Sensoren im biologischen System messen die Bauern schon längst das Pflanzenwachstum und passen ihre Düngermengen an. Beim Melken erfasst die moderne Technik den gesamten Qualitätsquerschnitt und alle Gesundheitsparameter der Kuh und dient als Grundlage für mehr Tierwohl.

Für die Agrarbranche also schon längst „kalter Kaffee“. Deshalb steht die Digitalisierung mit 52 Prozent auch auf Platz vier der Herausforderungen in der Umfrage. Auf der letztjährigen Agritechnika füllte die Digitalisierung gleich eine ganze Halle auf dem Messegelände in Hannover aus. Die Landwirte sehen in der Digitalisierung nicht nur eine Chance in der Ressourceneffizienz, sondern auch eine vertrauensfördernde Technik, die den Verbrauchern ein größtes Maß an Rückverfolgbarkeit und Einblick in die Produktionstechnik bietet.

DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken sieht Chancen auch für die kleinen Betriebe. Denn: „Der massive Trend zur Digitalisierung wird durch die günstigen Preise getrieben.“

In der Tat: Gegenüber der anderen Techniksegmente gibt es fast vier Mal mehr digitale Sensoren und Datenspeicher in der Landwirtschaft. „Der Traktor wird das erste wirklich autonome Fahrzeug sein“, orakelt Rohleder.

Sorgen um die Datenhoheit

Die schöne neue Welt wirft aber auch bei den Landwirten Sorgenfalten auf die Stirn. Sorgen um die IT-und Datensicherheit sowie Sorge um den Verlust der Datenhoheit treiben die Landwirte zu 42 und 30 Prozent um. Sie generieren zwar die Daten, aber neue Wertschöpfungsmodelle entstehen meist erst aus der Summe der Daten, die außerhalb der Farmtore zusammengetragen und ausgewertet werden. Unter diesem Aspekt sind Fusionen, wie die aktuell laufende zwischen Bayer und Monsanto ebenfalls als kritisch anzusehen. Bei diesen Firmen laufen Produktionsdaten zusammen und können bis hin zu Vorschriften neuer Anbauverfahren umgesetzt werden. So wertvoll der Clearfield-Raps am Ende sein kann, so abhängig werden die Landwirte von den Konzernen [2]. Das weiß auch Krüsken, der auf diese Frage gegenüber Herd-und-Hof.de besonderen Wert legt. Die Landwirte sollen auf offene Farmmanagement-Systeme zurückgreifen, die im Wettbewerb untereinander stehen. Herstellerbezogenen Systemen gibt Krüsken keine Chance.

Kaum eine Woche vergeht, in der die neue digitale Welt nicht auch kritisch beäugt wird. Zuletzt machten personalisierte Preis im Lebensmittelhandel nach Auswertung von Kundendaten die Runde. Solche Bedrohungen können das noch positive Image der Digitalisierung kippen. Es geht um die Balance zwischen Datennutzen und Datenschutz, sagt Dr. Rohleder zu Herd-und-Hof.de. „Diese Balance haben wir noch nicht gefunden!“. Doch als bitcom-Geschäftsführer ist er optimistisch. Die Digitalisierung habe sehr viel Potenzial. Es gehe künftig um das Heben der Datenschätze ohne die Privatsphäre zu verletzen. Zudem gebe es Lösungen wie die homomorphe Verschlüsselung. Mit homomorpher Kryptographie lassen sich Daten auf Servern verteilen, die einander nicht vertrauen. In einer Cloud können die Datensätze ohne Entschlüsselung verarbeitet werden.

VDMA-Positionspapier

Seit Beginn der 4.0-Debatte sind die Fragen nach der Datenhoheit offen. Geschützt sind derzeit nur personenbezogene Daten. Eine entsprechende Verordnung der EU wird erst in eineinhalb Jahren kommen und sicherlich noch Lücken aufweisen.

Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) hat 2016 im Bereich Landtechnik in einem Positionspapier die Zielsetzung und den Handlungsbedarf im Sinne der Landwirte aufgezeichnet [1]. Neben der Vertraulichkeit, Verfügbarkeit (Zugriff auf eigene Daten) und Integrität (Daten ohne Defekte und Manipulationen) wird ein umfangreicher Handlungsbedarf vorgestellt. So müssen für die Verarbeitung von Betriebsdaten die Nutzungsbedingungen eindeutig definiert werden. Das sollte im Rahmen eines Vertrages geschehen. Betreiber von externen Systemen sollten darin u.a. verpflichtet werden, keine Unterauftragsverhältnisse einzugehen. Geodaten wie Daten über Boden und Wetter sollten für alle offen bleiben. Die Schnittstellen sollten standardisiert sein, damit Landwirte vertikal und horizontel Hersteller-übergreifend arbeiten können. Landwirte sollten sich die Partner, mit denen sie zusammen arbeiten wollen, aussuchen und andere ausschließen können.

Breitband

Ein anderes Problem ist die Breitbandversorgung Deutschlands. „Das Breitband ist das A und O“, sagte Krüsken. Landwirte sehen in der mangelhaften Ausstattung ein Investitionshemmnis. 70 Prozent fühlen sich breitbandtechnisch unterversorgt. Gerade die bildgebenden Daten sind auf eine hohe Übertragungsrate angewiesen. Die Digitalisierung des Landes braucht 5G.

Doch da sieht es trotz DigiNetz-Aktivität der Bundesrepublik mau aus. Nur 7,1 Prozent der deutschen Haushalte ist bis auf die letzte Meile mit Glasfaser versorgt, teilt das Verkehrsministerium mit. Die Städte liegen mit elf Prozent vorne, der halbstädtische Raum fällt mit 2,2 Prozent schon deutlich ab und das Land weist lediglich eine Glasfaserversorgung von 1,8 Prozent auf.

Das Land fällt auch qualitativ ab. 91,3 Prozent der ländlichen Haushalte haben eine Breitbandversorgung von mehr als 6 Mbit/s; wenn es aber um mehr als 50 Mbit/s geht, dann sind es weniger als 30 Prozent.

Lesestoff:

[1] www.vdma.org

Bleibt der Landwirt beim Farming 4.0 auf der Strecke? https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/dbv-tagung-farming-4-0.html

[2] Pflanzenschutz und Saatgut im Doppelpack https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/herbiziresistente-pflanzen-ohne-gentechnik.html

Wenn der Gelbrost zitronenfarben leuchtet: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/wenn-der-gelbrost-zitronenfarben-leuchtet.html

DigiNetz Deutschland: https://herd-und-hof.de/handel-/in-giga-schritten-zum-breitband-land.html

Roland Krieg

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