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Entwicklungspolitik neu denken

Landwirtschaft

Die Landwirtschaft ist weiblich

„Es gibt kein Leben ohne Nahrung. Es gibt keine Landwirtschaft ohne Wasser!“ Matthias Becker von der Universität Bonn fasste die Bedeutung des Tropentages 2017 in zwei kurzen Sätzen zusammen und blickte gleichzeitig auf eine 19-jährige Geschichte der Veranstaltung, die jährlich an anderen Universitäten junge Wissenschaftler mit ihren neuesten Forschungsergebnissen zusammenbringt. In diesem Jahr sind es rund 1.000 Teilnehmer aus 17 Ländern. Der Tropentag war auch schon Gast in Prag und Wien. Die 20. Auflage im nächsten Jahr wird im belgischen Gent stattfinden.

Der Tropentag will nicht zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft, zwischen intensiver und extensiver Landwirtschaft werten, aber die jeweils beste Möglichkeit finden, zehn Milliarden Menschen im Jahr 2050 innerhalb der planetaren Grenzen zu ernähren. Dahinter steht dann aber doch eine Bewertung und die Erkenntnis, dass die Vorstellungen von Entwicklungshilfe und die Zielgruppe oftmals falsch formuliert und adressiert sind.

Junge Enthusiasten gefragt

Auch wenn noch immer mehr als 800 Millionen Menschen hungern und mehr als 1,5 Milliarden Menschen mangelernährt sind, selbst wenn die Lösungen wie Agroforstsysteme und Tröpfchenbewässerung alles andere als neu sind, sind die Themen nicht veraltet. Die Entwicklungshilfe braucht junge Experten und enthusiastische Menschen stellt Stefan Schmitz aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) fest. Vor dem Hintergrund der Agenda 2030 und dem Weltklimavertrag von Paris entwickelt sich die Arbeit zwischen Norden und Süden von der Geberschaft zu einer Partnerschaft. Der Druck auf die Ökosysteme wächst und der Norden muss seinen Beitrag zur Entlastung der Ressourcen leisten. Daher brauche es ein neues Entwicklungsmodell, einer Art „grüner Revolution“, die aber nicht den Fehler der Vergangenheit mache, sich nur auf den Ertrag zu konzentrieren, erklärte Schmitz. Für die neue Art der Zusammenarbeit stellt das (BMZ) 1,5 Milliarden Euro pro Jahr zur Verfügung.

Bina Agarwal

Transformation

Etwa 85 Prozent aller Landwirte in der Welt bewirtschaften weniger als zwei Hektar Land. Diese Kleinbauern müssen in ein produktiveres Bewirtschaftungssystem überführt werden. Die indische Entwicklungsökonomin Bina Agarwal von der Universität Manchester zitiert die jüngste Umfrage unter indischen Landwirten: 40 Prozent der Bauern mögen nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten. Zum einen sind sie zu arm, zum anderen haben sich ihre Ziele nach  kleineren Investitionen nicht erfüllt. In Bonn stellt sie klar, dass diese Bauern die Agrarerzeugung verlassen sollten und sich eine Arbeit außerhalb des Sektors suchen.

Nur mit dieser Art der Transformation ist eine nachhaltige Ernährung mit einem inklusiven Wachstum möglich. Auf diese Art und Weise kann Afrika, dass noch in den 1980er Jahren mit den drei negativen „C“ vom „Time“ Magazin beschrieben wurde (Coups, Conflicts, Corruption) den drei neuen „C“ folgen, die Agarwal formulierte: Cooperative, Community, Conservation.

Diesen Optimismus trägt Landwirtschaftsminister Prof. Monty Jones aus Sierra Leone nach Bonn.

Prof Monty Jones
Prof Monty Jones, Landwirtschaftsminister in Sierra Leone in der ersten Reihe des Tropentages 2017

Aufbruch in Afrika

Mit 202 Millionen Hektar besitzt Afrika die meiste landwirtschaftliche Nutzfläche der Welt. Doch nur vier bis sieben Prozent sind bewässert. Die Landwirtschaft beschäftigt rund 70 Prozent der afrikanischen Arbeiter und trägt zu 32 Prozent das Bruttosozialprodukt. Auch wenn der Kontinent mit seinen 52 Ländern sehr heterogen ist, so wächst in den letzten Jahren nahezu jede Region. In vielen Ländern bildet sich eine gebildete Mittelschicht aus, die verstärkt nach Konsumgütern fragt. Der Kontinent hat das Interesse von ausländischen Investoren geweckt, so Jones: „I believe, Africa ist the Future of the World!“

Der Weg ist lang und führt nur über eine Verbesserung des Agrarsektors. Die Landbewirtschaftung läuft der Weltentwicklung hinterher. Seit den 1960er Jahren hat sich der Getreideertrag von etwa einer Tonne pro Hektar kaum gesteigert. In Ostasien werden seitdem 4,5 Tonnen, in Südostasien 2,2 und in Südasien immerhin 1,5 Tonnen geerntet. Global vereint das Agribusiness 78 Prozent der agrarischen Wertschöpfung. Die Logistik und die Verarbeitung stellen jeweils 15 Prozent, die vorgelagerten Bereiche der Betriebsmittel 23 und der Handel 25 Prozent. In Afrika kommt das Agribusiness gerade einmal auf 38 Prozent.

Der ländliche Raum hat noch immer eine schlechte Infrastruktur. Nach Jones fehlt es vor allem an Nebenverbindungen, die neue Räume erschließen. Die Landwirte müssen rund die Hälfte ihrer Ernte als Lager- und Transportverluste hinnehmen, bevor der Rest den Markt erreicht. Die Bewirtschaftungweise muss deutlich verbessert werden, weil nach Jones 65 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche wegen Versalzung, Desertifikation und Erosion degradiert sind. Alleine von der Ausbreitung der Wüste sind in Afrika südlich der Sahara 180 Millionen Menschen betroffen.

Eine große Kluft zwischen Vision und Realität. Die Länder müssen ihre Finanzierung strategisch ausrichten und Politik für die Landwirte machen. Damit kann der Kontinent seine Defizite beim Ertrag und in der Produktivität ausgleichen.

Ideologie stört dabei. Armutsreduzierung bleibt die oberste Priorität auf dem europäischen Nachbarkontinent. Der Agrarsektor müsse gleichzeitig Exportmärkte und den heimischen Markt bedienen können. Dazu dürfe es keine Berührungsangst vor modernen Technologien geben. „I do not let the people die, if biotechnology can help”, erklärte Monty Jones. Die Frage, ob die Pflanzen konventionell, ökologisch oder gentechnisch verändert auf die Felder kommen, ist zweitrangig. Die Inklusivität des Wachstums muss allen Nutzen gerecht verteilen.

Die Bäuerin

Die lokale Kleinlandwirtschaft wird in Asien zu durchschnittlich 42,6 Prozent von Frauen geführt. In Kambodscha und Bangladesch sind die Werte mit 51und 50 Prozent am höchsten. Aber auch in Thailand und China liegen die Werte mit 45 und 48 Prozent besonders hoch. Nach Bina Agarwal steigt der Anteil noch, weil Männer zunehmend Arbeit in außer-landwirtschaftlichen Sektoren finden. „Die Feminisierung der Landwirtschaft ist ein globales Phänomen“, sagte Agarwal in Bonn.

Ihre eigenen Untersuchungen zeigen, dass mit steigendem Anteil Frauen, gemeinschaftlich bewirtschaftete Wälder in einem gesünderen Zustand sind. Im indischen Bundesstaat Kerala wird die Gemeinschaftsarbeit von Frauen in der Landwirtschaft gefördert. Dort pachten und bewirtschaften mittlerweile 62.000 Frauen in Gemeinschaften von vier bis zehn Personen Land. Während ein vergleichbarer Einzelbetrieb umgerechnet 1.320 Euro pro Hektar und Jahr erwirtschaftet, erzielen die Frauen ein Einkommen von durchschnittlich 2.300 Euro. Auch bei den Parametern Nettogewinn pro Hektar und Nettogewinn pro Betrieb erzielen die Frauen höhere Gewinne.

Subsistenzbauern können für die Erfordernisse der Zukunft keine Subsistenzbauern mehr bleiben. Wer nicht modernisiert und kommerzialisiert wird zu einem Hemmschuh der notwendigen Entwicklung. Gleichzeitig ist aber der Subsistenzbauer, oder zunehmend die Subsistenzbäuerin, der Ansatzpunkt und Treiber für ein inklusives Wachstum in der Agrar- und nachfolgend der weiteren Wirtschaft. Die Beiträge der internationalen Wissenschaftler auf dem Tropentag zeigen dazu das betriebliche und institutionelle Rüstzeug auf Betriebs- und Landesebene auf.

Lesestoff:

Der Norden ist auf dem Weg, seine eigene Zukunft zu verbauen. Die Unfähigkeit, globale und lokale Konflikte zu lösen, vernichtet nicht nur immer die erzielten Erfolge, sondern bindet finanzielle und politische Ressourcen in unnötiger Weise. Daher ist manches Rekordbudget, wie das der Welthungerhilfe in diesem Jahr, niemals genug, ein inklusives Wachstum langfristig zu starten: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/welthungerhilfe-mit-rekordbudget.html

Roland Krieg; Fotos: roRo

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