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Es gibt zu viele Tierwohllabel-Leichen

Landwirtschaft

Einsicht nach der Bundestagswahl?

Die Nutztierhaltung ist der wichtigste Betriebszweig der deutschen Landwirtschaft. In den letzten Jahren standen Fleisch- und Milchpreise unter enormen Druck. Sie haben den Strukturwandel beschleunigt. Druck kommt auch von der Gesellschaft, die über eine artgerechte Tierhaltung zunächst einmal den Investitionsdruck erhöht. Doch woher nehmen wenn nicht …?

Die Rechnung ist ja einfach: Investitionen in neue Standards machen Steak und Schnitzel teurer und die Verbraucher entlohnen den Mehrpreis an der Ladenkasse. Das Fiasko allerdings beginnt schon vor Satzende. „Wir brauchen neue Ställe“, forderte der damalige Landesbauernpräsident Rainer Tietböhl auf der Mecklenburgischen Landwirtschaftsausstellung 2014. Ob Menschen Tier nutzen dürfen oder sich die Zahl der Veganer verdoppelt: Das ist „Wurst“. Zum einen gehören für die Ökoverbände Nutztiere zu einem geschlossenen Nährstoffkreislauf dazu, zum anderen wird weltweit der Konsum an Fleisch steigen. Wer wie in Skandinavien zu hohe Tierschutzstandards setzt, verliert Landwirte und muss den Fehlbedarf importieren, wusste ebenfalls damals schon Dr. Albert Hortmann-Scholten von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen.

Von verschiedenen Bio-Siegeln bis zu privaten Labeln bei Westfleisch oder dem zweistufigen Logo des Deutschen Tierschutzbundes: Es mangelt nicht Siegeln, es mangelt an der Marktdurchdringung. Alle stellen gerade einmal ein Prozent Markanteil. Jedes neue Label hat den Markt mehr aufgespalten, ohne dass es der Mehrheit der Tiere besser geht. Allen Siegeln gemein ist das Fehlen des Handels. Die Initiative Tierwohl (ITW) hat es geschafft, bislang als einziges Wertschöpfungsmodell den Handel mit einer Vorfinanzierung einzubinden und erreicht jedes Jahr neue Betriebe, Rinder und Schweine, die in den Genuss eines Mehrwertes kommen. „Wir müssen nicht immer ein neues Label machen“, wusste schon Tietböhl.

Nicht ohne Handel…

Das Erfolgsmodell folgt der Erkenntnis des Ökonomen Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die er in den DLG-Mitteilungen diesen Mai darlegte. Es mache keinen Sinn für höhere Preise beim Handel zu demonstrieren, weil dieses Geld langfristig in den Kassen der verarbeitenden Industrie gelange. Und wenn die anderen Händler nicht mitziehen, dann muss der Pionier den Preis wieder senken.

Was wie eine schlechte Nachricht wirkt, hat etwas Positives: Die Landwirte müssen sich auf Regionalität oder Nachhaltigkeit spezialisieren. Der Landwirt zusammen mit dem Handel.

… und nicht ohne Verbraucher

Alle agrarpolitischen Sprecher der im aktuellen Bundestag vertretenden Parteien beklagen die Preissensibilität der Verbraucher. Nach Roeb vertane Energie. „Teure Lebensmittel stehen beim Verbraucher nicht auf der Prioritätenliste“, mahnt Roeb. Vor allem nicht beim Fleisch. Die Fleischbranche hat es in den vergangenen Jahrzehnten nicht geschafft, so Roeb, Preisdifferenzen umzusetzen. Fleisch ist Fleisch – hohe Qualität egal zu welchem Preis.

Fazit: Ein weiteres Label, das auf freiwillige Zahlungsbereitschaft bei Verbraucher setzt und den Handel nicht im Boot hat, bereichert nur den Label-Friedhof.

Sie wissen es alle

Kirsten Tackmann von der Linkspartei beklagte sich Mitte Mai, dass der Branchenaufschrei über das Wissenschaftliche Nutztiergutachten unehrlich war. Endlich haben sich einmal Agrarökonomen zu Wort gemeldet und den notwendigen Umbau formuliert. Die Koalition sei aber nur verbal weitergekommen, fügte sie hinzu.

Friedrich Ostendorff (Bündnis 90/Die Grünen) hält mit dem Gutachten die Sache bereits für entschieden. Die Betriebe sind umstellungswillig, wie das Beispiel ITW zeigt.

Franz-Josef Holzenkamp von der Union gibt Ostendorff noch als agrarpolitischer Sprecher gleich zweimal Recht. Zum einen gehe es nicht mehr um das „Ob eines Umbaus der Tierhaltung“, sondern nur noch um das „Wie“ und die Betriebe seien dabei, sofern sie wüssten, in welche Richtung sie investieren sollen.

Wilhelm Preismeier von der SPD kritisierte, dass die Politik schon viel weiter hätte sein müssen. Der von der Partei 2005 eingebrachte „Tierschutz-TÜV“ für Stallhaltungen war ein wesentlicher Beitrag für alle Tierhalter gewesen. Seit der Novelle der Nutztierhaltungsverordnung 2009 sei das Thema aber nicht weiter verfolgt worden.

Nutztierstrategie statt BMEL-Siegel

Der Handel springt in die Lücken der Politik. Als der Discount Käfigeier auslistete, hatte niemand mehr eine realistische Chance einzugreifen, erinnerte sich Preismeier: „Wenn der Handel Fakten schafft, wird es gemacht.“ Und, so ergänzte Holzenkamp: „Das ist ja nicht neu“. Von Obst und Gemüse bis hin zu Antibiotika, sei das nicht verwerflich, wenn alle daran etwas verdienten. Holzenkamp favorisiert eindeutig das ITW-Modell, weil das Ordnungsrecht keine höhere Entlohnung für höhere Standards über den Markt durchsetzen könne. Dazu brauche es ein Umlagesystem.

Auf den mündigen Verbraucher setzt allein Kirsten Tackmann, die über die Ausmerzung der Systemfehler der oligopolen Vermarktungspositionen die Landwirte in eine stärkere Verhandlungsposition bringen will. Beim Schmidt-Siegel sehe sie derzeit nicht, in welche Richtung es sich entwickelt.

Holzenkamp: „Ich freue mich über jede Nische“. Aber wenn am Ende die Verbraucher nicht bereit sind, den Mehrwert zu bezahlen, reicht es nicht. Auf Dauer werden dafür keine Transferzahlungen mehr fließen müssen.

Alle zusammen sprechen sich jedoch für eine nationale Nutztierstrategie aus, die dem politischen Leitplankenmodell für den Markt eher entspreche.

Roland Krieg (Der Artikel erschien zuerst in der vfz Vieh und Fleisch Handelszeitung)

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