Es war nicht das Ur

Landwirtschaft

Keine Domestizierung des Auerochsen

Der Auerochse, auch Ur genannt, gilt gemeinhin als Stammvater aller heutigen Hausrinderrassen. 1627 wurde die letzte lebende Kuh gesichtet und gilt seither als ausgestorben. Die Brüder Heck begannen in den 1930er Jahren mit Rückkreuzungen und erhielten Tiere, die den ausgestorbenen Auerochsen sehr ähnlich sind.

Bos primigenius f. taurus
Das Ur (Bos primigenius f. taurus) hat sich aus dem asiatischen Raum nach Westen ausgebreitet und hat während der Eiszeit zwischen 800.000 und 100.000 Jahren Nordeuropa bis zum 60. Breitengrad besiedelt. Die Widerristhöhe betrug bis zu zwei Meter – und damit gehörten die Tiere zu den größten Landtieren Europas. Sie dienten den AuerochseJägern als Fleischlieferant und wurden von den frühen Menschen in Höhlen wie denen von Lascaux malerisch verewigt. Die Palaeogenetiker der Universität Mainz konnten erfassen, dass sich das urige Rind vor cirka 16.000 Jahren während der letzten Eiszeit zurückzog, aber danach wieder der einzige große Wiederkäuer in Europa gewesen ist. Dann aber erreichten vor 8.500 Jahren mit dem Überschreiten des Bosporus völlig andere Rinderrassen den europäischen Kontinent und wurden die Vorfahren für unsere heutigen Rinder.
Schon lange wurde darüber spekuliert, wo der Ursprung unserer heutigen Rinder liegt. Bei den kleinen Wiederkäuern Schaf und Ziege ist die Abstammung aus dem Nahen Osten bekannt, denn es gibt in Europa keine vergleichbaren Tiere als Vorläufer. Wurden aber die modernen Rinderrassen durch Domestikation aus dem Ur gezüchtet? Nein, sagt ein Forscherteam aus Dublin und Mainz.

Kaum genetische Verwandtschaft
Eine Multiautorenstudie weist nun nach, dass die molekulargenetische Analyse von DNS aus Skeletten des ausgestorbenen Auerochsen nicht identisch mit den domestizierten Rinderrassen ist. So konnten Ceiridwen Edwards und Dan Bradley aus Dublin sowie Ruth Bollongino und Joachim Burger von der Johannes-Gutenberg Universität in Mainz die Rindergeschichte seit der Eiszeit nachvollziehen.
Alle Rinderrassen, die heute in Europa beheimatet sind, stammen ursprünglich aus dem nahen Osten – so das Ergebnis. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass das Ur einmal domestiziert wurde. „Die Vorfahren unserer heutigen Hausrinder kamen vermutlich mit Viehzügen über Anatolien nach Europa“, resümiert Prof. Dr. Joachim Burger vom Mainzer Institut für Anthropologie. Die „neuen“ Rinder konnten nicht alleine nach Europa gekommen sein, sondern in von Menschen organisierten Viehzügen. Binnen weniger

„Sie (die Auerochsen) sind geringfügig unter der Größe eines Elefanten, und von der Erscheinung her, in Farbe und Gestalt wie ein Bulle. Ihre Stärke und Geschwindigkeit sind außergewöhnlich; sie meiden weder Mensch noch wilde Tiere, haben sie diese entdeckt“
Gaius Julius Cäsar: Der Gallische Krieg (aus der Veröffentlichung der Uni Mainz)

Menschengenerationen haben sich diese Rinder in ganz Europa ausgebreitet und standen in fast allen Bauernhöfen der ersten sesshaften Bauern. Die Studie der Palaeogenetiker konnte keine Kreuzungen zwischen heimischen Auerochsen und domestizierten Rindern ermitteln. „Die damaligen Bauern müssen die neuen Tiere getrennt von ihren wilden Artgenossen in Gehegen gehalten haben. Die Intensität der Viehzucht im frühen Neolithikum war folglich wesentlich höher als gedacht“, erklärt Ruth Bollongino.
Den Forschern standen erstmals ältere Skelette aus dem nahen Osten zur Verfügung, aus denen sie DNS gewannen. So zeigt sie genetische Analyse, dass die europäischen Hausrinder, ob Schwarzbunte, Fleckvieh oder schottisches Hochlandrind, ihre Heimat in Syrien und Anatolien haben.
Möglicherweise erhielten die eingewanderten Rinder den Vorzug, weil kleinere Tiere leichter zu halten sind als größere.

Lesestoff:
1980 erschien das erste internationale Zuchtbuch für Auerochsen und 1997 wurde der „Verein zur Förderung der Auerochsenzucht /VFA) e.V.“ in Starnberg gegründet. www.auerochsen.de
Beispielsweise unterhält der Tierpark Neumünster eine Ur-Herde.
Die Arbeit des Mainzer Instituts mit dem Molecular Population Geneteics Lab des Trinity College Dublin ist erschienen in: Proceedings of the Royal B Society: Mitochondrial DANN analysis shows a Near Eastern Neolithic origin for domestic cattle and no indication of domestication of european aurochs; doi:10.1098/rspb.2007.0020

roRo; Foto: Handbuch Tierzüchtung. Bd. I. 1958; Das „Augsburger Urbild“ eines unbekannten Malers

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