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Eurotier im Zeichen von Tiergesundheit und Tierwohl

Landwirtschaft

Zukunftsforum für moderne Tierhaltung

Plakat Eurotier

Heute startet auf dem Messegelände in Hannover die Eurotier. 2.629 Aussteller aus 58 Ländern sind ein Rekordergebnis für die Fachmesse der internationalen, professionellen Tierhaltung. 57 Prozent der Austeller kommen aus dem Ausland und sind so stark vertreten wie noch nie. Die meisten Aussteller kommen aus den Niederlanden (237). Stark vertreten sind aber auch China mit 180 und Frankreich mit 152 Ausstellern. Bis zum 18. November wird den konventionellen und ökologischen Tierhaltern von Rindern, Schweinen, Geflügel und der Aquakultur die Haltung, Genetik und Technik dargeboten.

Schwierige Zeiten für Tierhalter

Reihard Grandke, Hauptgeschäftsführer DLG

Die Eurotier findet in schwierigen Zeiten statt. Konnten die Landwirte bei niedrigen Preisen in der Tierhaltung, Verluste mit guten Getreidepreisen ausgleichen, oder umgekehrt, liegen seit eineinhalb Jahren alle Preise im Dauertief. Selbst das kleine Hoch bei den Schweinen ist schon wieder Vergangenheit. Dr. Reinhard Grandke, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft DLG, fordert neue Lösungen statt Hilfspakete durch die Politik. Märkte haben sich grundlegend verändert. Russland habe durch sein Embargo gegen die EU viele Innovationen und Investitionen auf dem heimischen Markt ausgelöst. War das Land vormals Nettoimporteuer für den Agrarbereich, so exportiert es heute mehr an Agrar-, denn an Rüstungsgütern. Russland hat in diesem Jahr mehr Weizen als die USA geerntet und drückt durch hohe Exporte die Preise weltweit.

Die Eurotier ist daher eine Leistungsschau der Innovation, weil der Kostendruck auf den Betrieben immer größer wird. Nach Grandke gibt es nicht mehr den einen Weg, den alle Betriebe gehen können. Die Individualstrategie nach Art des Betriebsleiters rücke in den Vordergrund.

Da steht auch das Tierwohl. Die Branche hat die Deutungshoheit nicht nur in Sachen Landwirtschaft verloren, sondern auch im Bereich der schlechten Beispiele [1]. Grandke fordert gegenüber Herd-und-Hof.de die Branche auf, proaktiv das Heft wieder in die Hand zu nehmen, „Die gesellschaftliche Akzeptanz ist ein Zukunftskriterium.“ Gleichwohl weiß er, dass in Europa und weltweit nirgend so intensiv über das Tierwohl gerungen wird, wie in Deutschland. Die Betriebe stellen sich die Frage, ob sie international Vorreiter werden sollen, oder auf den globalen Märkten ins Abseits geraten. „Diese Frage ist noch nicht geklärt. Der gesellschaftliche Einfluss wird zunehmen und die Branche müsse die Wünsche antizipieren.“ Tierwohl sei auf der Eurotier kein einzelnes Thema, sondern ein roter Faden, der von der Fütterung bis zum Stallbau alle Themen berührt.

Dr. siegfried Moder, Präsident bpt

Schlüssel Tiergesundheit

Dr. Siegfried Moder kritisiert als Präsident des Bundesverbandes Praktizierender Tierärzte (bpt) die große Anzahl an Tierwohl-Initiativen. Das sei für den Verbraucher nicht mehr zu überschauen. „In der Konsequenz erlebt die Öffentlichkeit deshalb Lösungsansätze nicht als aufeinander abgestimmte Meilensteine auf dem Weg zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung, sondern als zum Teil konkurrierende Einzellösungen, mit denen sich unterschiedliche Akteure profilieren wollen.“ Es fehle ein übergeordnetes Ziel, eine Strategie und eine Institution, die aus dem vorhandenen Maßnahmemix das gewünschte Endergebnis herbeiführt.

Da ist aber nichts in Sicht. Während der Deutsche Tierschutzbund hohe Standards für wenige Betriebe und Tiere realisiert, geht die Brancheninitiative Tierwohl zwar in die Breite, gilt aber als Hüter der gesetzlichen Standards nur noch als Ladenhüter. Zur Grünen Woche will das Bundeslandwirtschaftsministerium ein staatliches Tierwohllabel vorstellen, das über den gesetzlichen Standards liegt. Unklar ist, ob sich die Beteiligten in eine Sackgasse geredet haben, oder tatsächlich gegenseitig das Wasser abgraben. Zur Eurotier hat sich der Deutsche Bauernverband gemeldet und spricht von Synergien zwischen der Brancheninitiative und dem staatlichen Label. „Das wird vor allem dann gelingen, wenn beide Plattformen Synergien nutzen und sich gegenseitig ergänzen“, sagte DBV-Präsident Joachim Rukwied. Der DBV hat ein „fundamentales Interesse am Gelingen der Initiative Tierwohl und des Labels.“ Skeptischer ist Generalsekretär Bernhard Krüsken. Das staatliche Label führe nicht automatisch zum Erfolg, sagte er der Neuen Osnabrücker Zeitung. Es sei vollkommen unklar, wie die Mehrkosten gedeckt werden: „Wenn die Ware mit einem Aufpreis von 30 Prozent ins Regal gelegt und versucht wird, die Landwirtschaft mit zehn Cent pro Kilogramm abzuspeisen, dann wird das nicht funktionieren. Ein Parallelsystem zur Brancheninitiative mit ihrem engmaschigen Kontrollnetz, „würde enorme Kosten verursachen.“

Tiergesundheit

Diskutieren Verbraucher meist noch über den Platzbedarf für Nutztiere, schauen die Veterinäre tiefer. Ohne Tiergesundheit gibt es kein Tierwohl, so Dr. Moder. Bis zu 100.000 Zellen je ml Milch sind ein sehr guter Stand. Bis 400.000 gilt die Milch als Güteklasse 1 und 2. Doch ab 200.000 gibt die Kuh bereits 2,5 kg Milch weniger am Tag, weil sie eine höheren Aufwand für die Bildung an Phagozyten betreiben muss, erklärt der Tierarzt. Stoffwechsel-, Fruchtbarkeitsprobleme oder Infektionen beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit der Tiere. Moder schätzt, dass in jedem Betrieb bis zu 30 Prozent ungenutztes Leistungspotenzial durch Krankheiten schlummern und spricht sich für einen Bestandstierarzt aus. Der regelmäßige Besuch des Hoftierarztes ist nach EU-Regeln bisher nur für die Schweinehaltung Pflicht.

Der übernächste Schritt wäre die datenbankbasierte Bestandsbetreuung, die den Hoftierarzt aktiv in das Betriebsmanagement einbindet. Der Veterinär 4.0 kann auf die Daten zurückgreifen, die beispielsweise heute schon beim Melken in modernen Systemen regelmäßig ausgelesen werden und den Gesundheitszustand jeden Tieres messen. „Viele Tiergesundheitsprobleme können prophylaktisch gelöst werden, weil sie früh genug erkannt wurden.“ Bei diesem Umdenken auf den Betrieben und das neue Selbstverständnis der Veterinäre wird der Tierarzt vom Kosten- zum Rentabilitätsfaktor.

Lesestoff:

[1] Abstellen, oder Betrieb einstellen: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/initiative-tierwohl-vor-dem-aus.html

Roland Krieg

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