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Evolutionäre Wegkreuzung für die Landwirtschaft

Landwirtschaft

DLG-Wintertagung: Wachsen oder Weichen?

Hubertus Paetow, DLG

Hubertus Paetow, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), blickte auf der DLG-Wintertagung in Hannover ganz weit zurück. Die Landwirtschaft war viele Jahrzehnte lang getrieben durch den technischen Fortschritt. Wo in den 1960er Jahren noch 20 Personen auf 100 Hektar arbeiteten, kommen heute zwei Arbeitskräfte aus. Fortschritt hat der Steigerung der Produktion gedient und die Gesellschaft hat dieses Ziel mitgetragen.

Das ist heute nicht mehr der Fall. Der Fortschrittsbegriff hat sich verändert. Fortschritt ist nicht mehr per se positives besetzt und verweist mit Aspekten wie Umwelt und Tierwohl einen komplexeren Bereich. Das beinhaltet für die Betriebe auch Lösungen, die unabhängig von der Politik weiter wachsen werden. „Großvaters Betrieb löst keine Herausforderungen“, sagte Paetow.

Fortschritt gestern und heute

Dr. Christian Dürnberger, Philosoph vom Messerli Forschungsinstitut in Wien blickt noch weiter zurück. Francis Bacon hat im 16. Jahrhundert die Natur noch als feindliche Umgebung wahrgenommen. Fortschritt helfe, die Natur zu beherrschen und das Leid der Menschen zu mindern. Die Mühsal, zu seiner Zeit Landwirtschaft zu betreiben, macht diesen Aspekt nachvollziehbar. Der moderne Mensch allerdings hat sein Naturverständnis radikal geändert und sieht in ihr ein fragiles und schützenswertes Gut. Und darin soll der Landwirt nicht nur Lebensmittel produzieren, sondern Umwelt schützen und Tierwohl gewährleisten, sowie die mannigfaltigen Zielkonflikte lösen. So wünschen sich die Verbraucher zwar frei laufende Nutztiere, die aber sind im Stall hygienischer und sicherer untergebracht. Weil die Politik mit der Gesellschaft keinen Konsens über die Gewichtung der vielen Zielen ausarbeitet, steht der Landwirt mit seiner Kommunikation gegenüber der Gesellschaft alleine da. 

Nach Dürnberger wird sich das in Zukunft nicht ändern. Die Landschaftsmalerei zu Zeiten Bacons hatte auf dem Feld arbeitende Bauern im Hintergrund. Das gleiche Bild bekäme noch Zuschauer aus der Stadt dazu, die am Feldrand dem Bauern bei der Arbeit zuschauen. Diesen Wechsel im Berufsbild müsste die Ausbildung mit berücksichtigen.

Prof. Dr. Oliver Mußhoff von der Georg-August-Universität Göttingen beschreibt die Sicht des Philosophen wissenschaftlicher. Die Politik hat in den vergangenen Jahren von der Abkehr der Preisstützung, der Einführung des Greening bis zur Düngeverordnung nahezu jährlich die Rahmenbedingungen für die Landwirte geändert. Parallel kommen die veränderten Wünsche der Gesellschaft hinzu. Im Jahr 2016 lag die durchschnittliche Betriebsgröße bei 60 Hektar. Die Frage Weitermachen oder Aufhören sind für ihn ein über die Flächenverfügbarkeit verbundenes Duo. Ob ein Betrieb aufhört richtet sich nach den Opportunitätskosten und gibt dann erst die Fläche frei, mit der ein anderer Betrieb wachsen kann.

Derzeit wird darüber diskutiert, wo der Staat eingreifen soll. In funktionierenden Märkten senke ein staatlicher Eingriff immer den Wohlstand. Es sei nicht klar, ob der Staat beispielsweise bei der Betriebsgröße oder bei der Größe des Schlages eingreifen solle. Zudem finden sich nach Eingriffen immer Schlupflöcher. Mit der Restriktion der Phosphor-Düngung in den Niederlanden, werden die Jungrinder mittlerweile auf der deutschen Seite der niederländischen Grenze aufgezogen. Regional habe sich nichts geändert.

Bauern dürfen optimistisch sein

Der Betriebsinhaber müsse sich entscheiden, ob der die Kosten- oder die Qualitätsführerschaft erstreben will. Aktuell ist es bei der Kostenführerschaft vor allem in der Tierhaltung sehr schwierig. Zu viele Tiere an einem Ort sind gesellschaftlich nicht mehr durchsetzbar und die Baugenehmigungen sind ebenfalls schwer zu bekommen. Hingegen können Betriebe neue Produktionsrichtungen eröffnen. Sie können in den Gemüseanbau einsteigen, Zimmervermietungen anbieten oder einen Hofladen öffnen. Doch auch das will gut überlegt sein. Für eine Diversifizierung sind Technik, Arbeitskräfte, Erfahrungen und vor allem ein Markt für den Absatz notwendig. Doch bieten die sich ständig verändernden Spielregeln auf dem landwirtschaftlichen Sektor immer Chancen, für ein Weitermachen. Wer kurzfristig mehr Erfolg haben will, der muss in die eigene Betriebsanalyse gehen. Die Unterschiede bei vielen Parametern zwischen 25 besten und 25 schlechtesten Betriebe sind so groß, dass fast überall noch Erfolgsreserven schlummern.

Julia Klöckner

Und was macht die Politik?

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat am Vortag versprochen, sich für eine flexiblere und einfachere Agrarpolitik einzusetzen – ohne das Zwei-Säulen-Modell zu ändern. Die Konditionierung von Zahlungen müsse sein, denn die Klima- und Umweltaufgaben brauchen dringend Lösungen. Einer Kappung und Degression zeigte sich Klöckner nicht abgeneigt. Jedoch sollten Mehrfamilienbetriebe nicht mit Agrar-Holdings in einen Topf geworfen werden. Sie plädiert für eine fakultative Kürzung und Begrenzung der Zahlungen. Mit Blick auf die Europawahlen forderte sie zu einem klaren demokratischem, pro-europäischem  Bekenntnis auf. Gerade die Land- und ernährungswirtschaft profitiere von einheitlichen Bestimmungen und dem Binnenmarkt. Die Gemeinsame Agrarpolitik sei aber kein Automatismus, „wir müssen uns einbringen und gestalten.“

Roland Krieg; Fotos: DLG

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