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Filterpflicht wegen Ammoniak unausweichlich

Landwirtschaft

Neue Datenlage zu Ammoniakemissionen

Das Gas Ammoniak (NH3) entsteht bei der Zersetzung von Harnstoff und Eiweiß abgestorbener Pflanzen und tierischer Exkrementen. Ammoniak kann erhebliche Schäden n der Umwelt anrichten, versauert Moore und Wälder und führt zu einer Nährstoffüberversorgung in Biotopen. Diese Zusammenhänge sind gut bekannt.

Hauptverursacher von Ammonikemissionen ist die Landwirtschaft mit 95 Prozent. Mineraldünger leisten dabei nur einen geringeren Beitrag. Die Hauptlast kommt aus der Tierhaltung. Allen voran das Milchvieh, wie die Grafik des Umweltbundesamtes in der Broschüre „Ammoniak und Ammonium“ des Bayerischen Landesamtes für Umwelt (LfU) aufzeigt [1]:

Weltweit sollen die Ammonikemissionen gesenkt werden. 1999 hat die Bundesregierung das entsprechende UN-Protokoll, Göteborg-Protokoll, unterzeichnet und die EU danach nationale Obergrenzen (National Emission Cielings, NEC) in der Richtlinie 2001/81/EG festgelegt. Deutschland sollte demnach bis 2010 die Emissionen auf 550.000 Tonnen pro Jahr (550kT) senken.

In der Tat hat Deutschland und damit vor allem die Landwirtschaft beträchtliche Fortschritte erzielt. Das LfU verzeichnet zwischen 1990 und 2011 einen Rückgang von 690 auf 560 kT. Die Landwirtschaft darf aber nicht ausruhen – denn die Zahlen wurden korrigiert. Nach oben. Vor dem Hintergrund der Dünge-Verordnung zur Einhaltung der Emissionen sind 2014 und 2015 etliche Studien erschienen, die sich mit dem Thema befassen: „Aktionsprogramm Klimaschutz der Bundesregierung“ im Dezember 2014, „Indikatorenbericht 2014 der Bundesregierung zur Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ im Februar 2015, „Stickstoff: Lösungstrategien für ein drängendes Umweltproblem“ vom Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) im Februar 2015 sowie „Umweltbelastende Stickstoffe aus der Landwirtschaft: Möglichkeiten und Maßnahmen zu ihrer Minimierung in der konventionellen und ökologischen Landwirtschaft“ vom Umweltbundesamt im April 2015.

Die Redaktionsschlüsse lagen alle vor dem 18. Dezember 2014 teilt das Bundeslandwirtschaftsministerium der Partei Bündnis 90/Die Grünen auf die Frage zur aktuellen Datenlage zu Ammoniakemissionen mit. Das Datum ist entscheidend. Denn seitdem hat eine umfangreiche Neuberechnung deutlich höhere Ammoniakemissionen ergeben, als bislang verwendet wurden. Die Verbände, wie beispielsweise die der Landwirtschaft wurden am 20. Januar 2015 über die Lage informiert.


Warum höhere Ammoniakwerte?

Die Zahlen haben sich geändert, weil eine Neuberechnung des Inventars mit Änderungen der internationalen Vorgaben durch das Handbuch des European Monitoring and Evaluation Programme (EMEP) notwendig wurden [2].

So haben sich die Emissionsfaktoren für Mineraldünger geändert. Für Harnstoff galt bislang der Faktor 0,138 für das Kilo Ammoniak pro Kilo Stickstoff. Mit der Änderung im EMEP 2013 gilt der Faktor 0,243, was einer Steigerung von 76 Prozent bedeutet. Bei Ammoniumphosphat fand beim Übergang von 0,016 zu 0,113 sogar eine Steigerung von 606 Prozent statt.

Gestrichen wurden die Leerstandszeiten in den Ställen. Bis 2014 wurden bei kurzlebigen Tieren wie Schweine und Geflügel die Leerzeiten der Ställe heraus gerechnet. Ein Wissenschaftlerteam aus GB, den Niederlanden, Deutschland, und der Schweiz kam zu dem Ergebnis, dass die Leerstandszeiten mit den geltenden Emissionsfaktoren nicht konsistent sind. Die Streichung dieser Zeiten führt zu höheren Emissionsmengen um die 24 kT pro Jahr.

Des Weiteren hat eine Berichtskreisrevision der Agrarstrukturerhebung höhere Geflügelzahlen ergeben. Dadurch sollten vor allem in Niedersachsen alle Geflügelbestände für das Statistische Bundesamt erfasst werden. So stieg die Zahl des erfassten Geflügels im Jahr 2010 von 132 Millionen auf 161 Millionen an.

Mehr Hausaufgaben

Gleichwohl die Rechnerei zu deutlich höheren Ammoniakwerten führt und nach Auskunft des Bundeslandwirtschaftsministerium die Hauptlast der höheren Werte trägt, haben schon die alten Werte von 2013 nicht zur Einhaltung des NEC-Wertes für Deutschland von 550 kT Ammoniak geführt. Schon alleine nicht durch den aktueller erfassten Geflügelbestand. Ein proportionaler Zusammenhang zwischen höheren Emissionen und steigenden Tierzahlen bestehe nicht, weil die Emissionen pro Tierplatz zurück gehen, teilt das Ministerium mit.

Die EU-Länder reagieren. In den Niederlanden gibt es strengere Auflagen für den Stallbau, Abdeckung von Güllebehälter und emissionsarme Technik für die Gülleausbringung. Vergleichbares wird in Dänemark mit einem nationalen Programm umgesetzt. In Deutschland gilt die Dünge-Verordnung als Schlüsselelement. So soll Phosphor, der den Bedarf im Betrieb übersteigt, schon nach geltender Verordnung bereits ab 20 Kilo pro Hektar an andere Betriebe abgegeben werden. Für die neue Verordnung werden verschiedene Methoden überprüft, wobei die Beratungen dazu noch nicht abgeschlossen sind. Der Reduzierungsgrad von Ammoniakemissionen hängt von der Ausgestaltung und Umsetzung der Düngeverordnung ab. Ein Forschungsprojekt soll überprüfen, „ob die angewendeten Emissionsfaktoren für stickstoffhaltige Mineraldünger möglicherweise überhöht sind“.

Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben mit so genannten Filtererlassen die Tierhalter in Aufregung versetzt. Die Umsetzung der Ammoniakminderung in die Technische Anleitung Luft wird die Bundesregierung noch in dieser Legislaturperiode berücksichtigen. Die Planung sieht 2017 vor. Die Bundesregierung will den Stand der Technik einheitlich festschreiben. Nach Aufnahme in die TA Luft droht eine „Filterpflicht“ für alle.

Aktuell ist das Thünen-Institut zusammen mit dem Umweltbundesamt und dem Kuratorium für Technik und Bauwesen (KTBL) mit der Zusammenstellung von Minderungsmaßnahmen beauftragt, Einsparpotenzial und Kosten zu berechnen.

Mit der Aktualisierung der Emissionswerte hat das Bundeslandwirtschaftsministerium auch die Erhöhung der Umweltkosten neu berechnet. Die gesamtgesellschaftlichen Kosten steigen von 2.540.860 Euro im Jahr 2010 auf 2.956.910 für das Jahr 2012.

Inwieweit neue Maßnahmen die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft in Frage stellen, oder sogar das Ende der Tierhaltung in Deutschland beenden würden, wie der Deutsche Bauernverband befürchtet, „ist in dieser generellen Form nicht plausibel“, teilte das Bundesumweltministerium bereits im letzten Jahr auf eine vergleichbare Anfrage mit. Es werde Kostensteigerungen und in der Veredlungswirtschaft eine Strukturänderung geben, so das Ministerium. Wie umfangreich das ist, bleibt offen. Nach vorliegenden Kostenberechnungen aus Vorgaben des KTBL erhöhten sich die Preise um sechs bis zehn Cent pro Kilogramm Schlachtgewicht nach Einbau einer Abluftreinigungsanlage.

Lesestoff:

[1] Bayerisches Landesamt für Umwelt, Umweltwissen: Ammoniak und Ammonium 2013: www.lfu.bayern.de

[2] Die von Deutschland gelieferten Daten stehen der Öffentlichkeit unter http://cdr.eionet.europa.eu/de/eu/nec/envvjf5wq zur Verfügung

Roland Krieg

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