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Fischereireform

Landwirtschaft

„Fischen wir die Meere leer?“

Eine Gemeinsame Fischereipolitik (GFP) in der Europäischen Union gibt es seit 1983 – ist aber in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Mit der GFP sollten zwischenstaatliche Konflikte in Hoheitsgewässern anderer Länder vermieden werden. Eine Reform im Jahr 2002 erweiterte die GFP um nachhaltige, ökologische und soziale Punkte. In diesem Jahr hat die EU die Reform von 2002 einer Zwischenbilanz unterzogen und ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Mehr als 88 Prozent der europäischen Fischbestände seien überfischt. Die Fischereiflotten sind zu groß, es gibt kein Rangverhältnis der Nachhaltigkeitsziele, die Fischereiwirtschaft ist nicht ausreichend eingebunden und das Kontrollsystem für die Quoten ist mangelhaft. Hier geht es vor allem um den so genannten Beifang, der vor Anlandung wieder über Bord geworfen wird. Falsche Fische oder Brut, die nicht gefangen werden darf. Bis Ende des Jahres haben Bürger, Parteien, Wissenschaftler und Drittstaaten die Möglichkeit an einem Konsultationsverfahren teilzunehmen, die GFP zu verbessern. Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen haben ihre Beratungen am Montag in Berlin begonnen.

Bestandsaufnahme
Von kleineren Maschen, anderen Haken bis hin zum Konsultationsprozess liegt nach Ansicht der Grünen vieles im Argen. Stefanie Schmidt aus der europäischen Kommission beklagte vor allem, dass die Agrarminister unter sich das Thema besprechen und das Parlament kaum Einfluss habe. Daher ist die Entscheidung in den Länderparlamenten von großer Bedeutung, wo die Diskussion aber auch nicht öffentlich geführt wird. Die Details sind den meisten Menschen nicht bekannt.
Astrid Matthiae , Journalistin, die auf einem deutschen Trawler vor der afrikanischen Küste dabei war, schilderte ihre Beobachtungen. Die afrikanischen Fischer sind mit ihren Holzbooten unterwegs, während die bis zu 140 Meter großen Trawler mit 5.000 Tonnen Lagerkapazität am Horizont die Fischgründe befischen. Vier Schwarmfischtrawler sind unterwegs, die jährlich jeweils 55.000 Tonnen Fisch anlanden. Doch insgesamt nur eine Quote von 60.000 Tonnen zugestanden hätten. Weil es auf dem offenen Meer kaum noch fische gibt, kommen die Schiffe in die flachen Gewässer, die rund 30 Meter tief sind. Das ist aber auch die Höhe, bis zu der sich das Schleppnetz aufstauen muss, um effektiv sein zu können. Daher werden immer wieder verbotenerweise Grundfische im Schwarmfischnetz an Bord gezogen.
Früher gab es mit der Heringsloggerei noch die Methode, nach Fischen Ausschau zu halten, das Netz aufzustellen und zu warten, dass die Fische ins Netz gehen. Heute ist der Fischer Computerspezialist. Rund fünf Monitore befinden sich auf der Brücke. Mit Hydroakustik, Sonargeräten und Horizontallot erfassen die Kapitäne jeden kleinen Schwarm und fängt ihn komplett ein. Der technische Fortschritt hat den Heringsloggern in den 1960 und 1970er Jahren an der Nordseeküste das wirtschaftliche Aus gebracht – jetzt müssen die afrikanischen Fischer den Wettbewerb aushalten. Die Fischereiabkommen, die Europa mit den Ländern ausmacht sind nicht fair, so Matthiae.

Beifang ist alles, was nicht gefischt werden soll. Bei Langleinen, die mehrere Kilometer weit ins Wasser ragen und tausende von Haken haben, ziehen die Fischer auch andere Fische oder Schildkröten an Bord. Je nach Zielart und Fangtechnik werden bis zu 90 Prozent eines Fischzugs wieder ins Meer geworfen, schätzt der WWF. Dazu gehören auch Kabeljau und Seelachs, die den Fischern zu klein sind. Alleine in der Nordsee werden dann verwertbarer Kabeljau und Seelachs im Wert von 60 Millionen Euro wieder ins Meer geworfen. In Norwegen ist das verboten, in der EU nicht. Der WWF fordert, dass der Beifang auf die Fangquote angerechnet wird, damit die Fischer einen Anreiz haben, selektiver zu fischen. Mittlerweile gibt es auch neue Netze, die meist nur die Fischart fängt, die auch an Bord geholt werden soll.

Was ist der richtige Weg?
Peter Jarchau von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) konnte nur Namibia als erfolgreiches Beispiel in Afrika benennen. Das Land hat die Fischereiabkommen abgeschafft und die Verarbeitung und Vermarktung in die eigene Hand genommen. Das hat ihnen die Wertschöpfung aus der Fischerei um 20 Prozent erhöht, so Jarchau. Ein Problem sei auch die Begrifflichkeit. Die ansässigen Fischer werden zwar in das „Co-Management“ eingebunden, doch verstehen die lokalen Behörden darunter meist die Bildung einer Erzeugergenossenschaft, wohingegen die Beteiligung am Management die richtigere wäre.
Uneins fiel das Urteil über die EU im internationalen Vergleich aus. Während die EU-Abkommen der afrikanischen Fischerei schaden, sagte Peter Breckling vom Deutschen Fischereiverband, dass die Afrikaner lieber eines mit Europa als mit Russland, China, Taiwan oder Südkorea abschließen.

Vorschläge
Die Alternative der Aquakultur ist nicht per se die bessere. Weil in den landgestützten Systemen oder Seegehegen Raubfische wie der Lachs gehalten werden, fischen die Fischer zunächst nur Fischfutter. Pflanzliches Protein als Futterersatz ist derzeit erst noch in der Testphase, so Breckling. Problematisch sind auch Fischfang und Beifangnutzung für Haustiere. Für Aquakultur und Tierfutter sind noch Effizienzlücken zu schließen. Für die afrikanischen Länder sollen „kleinskalige“ Strukturen eingesetzt werden und den Ländern die Möglichkeit bleiben, sich mehr in der Wertschöpfungskette einzubringen. Allerdings trete bei den Verhandlungen ein Gefälle zwischen dem EU-Behördenapparat und den lokalen Behörden auf. Abgelehnt wurde lediglich der Greenpeace-Vorschlag weniger Fische zu essen. Verbraucher sollten aber auf fairen Handel und Zertifikate achten.
Noch ist Zeit für die Konsultation. Cornelia Behm, agrarpolitische Sprecherin der Grünen wünschte sich als Parlamentarierin mehr Öffentlichkeit für das Thema, das komplexer ist als nur die Frage nach Beifang und Maschengröße.

Lesestoff:
Verbraucher können etwas für den ordentlichen Fischfang tun, wenn sie auf die entsprechenden Gütezeichen achten (MSC). Der WWF hat einen Einkaufsführer für nachhaltig gefangenen Fisch herausgebracht: www.wwf.de
Effiziente Aquakulturen können neben Fisch auch Tomaten produzieren: Aquaponik
Die EU fördert Aquakultursysteme und Naturland fördert die ökologische Aquakultur.
Den digitalen Weg zum Grünbuch der EU gibt es hier (deutsche Fassung).

Roland Krieg

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