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Food Security only with Seed Security

Landwirtschaft

Tropentag 2017 an der Uni Bonn

Seit 19 Jahren trifft sich die wissenschaftliche Welt auf dem Tropentag, der in diesem Jahr an der Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn noch bis zum Freitag stattfindet.

Einer der ersten Workshops beschäftigte sich mit den Systemen der Saatguterzeugung und zeigte die Mannigfaltigkeit der Systeme auf. Die Wissenschaftler der Universität Bern von der Hochschule für Landwirtschaft, Forstwissenschaft und Ernährung berichteten von ihren Erfahrungen aus dem Tschad, aus Nepal und Mali.

Eigenes Saatgut im Vordergrund

Die Bedeutung der Saat zeigte Dr. Urs Scheidegger anhand des Wandels von den Entwicklungs- zu den Industrieländern. Im Süden verwenden die Bauern noch zwischen 60 und 100 Prozent ihr eigenes Saatgut. Sie behalten einen Teil der Ernte für die nächste Aussaat zurück. Im Norden sind es maximal 60 Prozent und viele Landwirte kaufen ihr Saatgut jährlich hinzu.

Qualitätskontrolle

Damit einher steigt die Bedeutung der Qualitätskontrolle der Samen. In ausgeklügelten Systemen wie in Deutschland testen Züchter neue Sorten vieljährig, bevor sie registriert werden und auf den Markt kommen dürfen. Damit verbunden sind Qualitätsparameter wie Keimfähigkeit, Saatgut, frei von Krankheiten und unerwünschten Samenverunreinigungen sowie eine sichere Genetik. Dieser Aufwand wird in Deutschland über das Z-Saatgut garantiert. In den USA und Indien kommt Saatgut mit einem „Trusted Label“ auf den Markt, auch die FAO labelt wertvollen und geprüften Samen.

Das Korn für Markt und Saat

Daraus haben sich formelle Saatguterzeugungssysteme entwickelt, bei denen die Landwirte meist am Ende der Wertschöpfungskette stehen. Im Süden stehen die Betriebssorten meist am Anfang der nächsten Saat im Folgejahr. Die Landwirte wählen die Sorten aus eigener Erfahrung aus und sind vor allem kostenfrei.

In Nepal tauschen Landwirte in der Region Lamjung so gut wie gar kein Saatgut aus. Auch nicht mit dem Nachbarn. Dort gilt als schlechter Farmer, wer andere nach Saatgut fragt. In Mali hingegen hat der Austausch von Saatgut einen hohen sozialen Stellenwert. „Seed, as source of life, has to be shared with those who ask“, beschreibt Dr. Fred Ruttande die Situation.

Die Aussaat im Süden besteht oft genug aus verschiedene Sorten, die auch zur gleiche Zeit geerntet werden. In Mali hat jede Familie ihr eigenes Sorghum-Sortensortiment. In den Dörfern werden mehr als zehn verschiedene Sorten angebaut.

Wie weit ein System zur Saatguterzeugung fortgeschritten ist, richtet sich auch nach der Frucht. Rote Rüben und Zwiebeln zeigen selten spontane Mutationen, so dass eine gezielte Zucht für eine Veränderung des Sortencharakters notwendig ist. Meist tauschen Landwirte Sorten mit ihren Nachbarn und Freunden. Die sind allerdings kaum registriert, nirgends beschreiben und ohne sichtbare Qualitätsfortschritte.

Ertrag ist nicht alles

Nathalie Oberson hat eine erste Verbesserungsstufe im Tschad beschrieben. Dort werden in ihrem Projektgebiet elf Erdnusssorten, 16 Sorten Millet-Hirsen und 38 Sorten Sorghum angebaut. 2016 wurden alle Sorghum-Sorten auf ausgesuchten Betrieben ausgesät und durch die Farmer nach den herkömmlichen Kriterien wie Trockentoleranz und Krankheitsresistenz selektiert. Im Folgejahr wurden zwischen vier und zehn Sorten auf Versuchsstationen „getestet“, was einem kleinen Landessortenversuch gleichkommt. Im nächsten Jahr folgt die Zertifizierung von Sorten und 2019 der Verkauf.

So hat Oberson mit ihrer Arbeit innerhalb von vier Jahren ein kleines Zuchtprogramm aufgebaut. Sie hat für ihre Arbeit die Farmer nach ihren Kriterien für eine Selektion neuer Sorten befragt. Bauern und Bäuerinnen verteilen Kriterien nach unterschiedlicher Gewichtung und stellten den Ertrag nicht an erster Stelle.

Für die Frauen ist die Süße des Halms der bis zu 2,50 Meter großen Sorghumpflanze entscheidend, weil sie den für umgerechnet 10 Eurocent auf dem lokalen Markt als „Zuckerrohr“ verkaufen können.

Die Doppelnutzung des Getreides für die menschliche Ernährung und Vergärung zu Alkohol spielt ebenfalls eine dem Ertrag mindestens ebenbürtige Rolle. Als weitere Kriterien für neue Sorten wurden die Farbe des Korns und die Dreschbarkeit der Pflanze genannt. Ernährungssicherung zeigt sich im Tschad bei den Subsistenzbauern mehr als in der bloßen Ausprägung des Ertrags, sondern in der traditionellen Einbettung der Pflanze in das gesamte Leben  und Wirtschaften der Familie.

Teures Saatgut für veraltete Wirtschaftsweise?

Wichtig für die Landwirte ist der Preis des Saatgutes. In Nepal ist einfaches Saatgut mit einem Vertrauenslabel schon 50 Prozent teurer als das eigene. Zertifziertes Saatgut kostet das Doppelte und Hybridsatgut ist zehnmal teurer. In den Mittelgebirgsregionen Nepals, am Fuß des Annapurna, ist die Topographie so steil, dass die Reisterrassen oft nur ein bis eineinhalb Meter breit sind. Eine weiterführende Mechanisierung ist kaum realisierbar, so dass hochwertigeres und teureres Saatgut sein Potenzial kaum ausspielen kann, führt Rahel Wyss aus. Dafür bieten bessere fachliche Praxis und Verbesserung der Lagerhaltung beispielsweise schon bei den jetzigen Sorten eine Verbesserung der Ernährungssituation.

Neuer Betriebszweig: Vermehrungsanbau

Die Verbesserung der Saatguterzeung bringt neue Einkommensmöglichkeiten auf die Betriebe. Landwirte können mit der Aufgabe der Saatgutverrmehrung ihr Einkommen diversifizieren. In Mali integriert die „Union locale des producteurs de cereales de Dioila“ (ULPC) 2.500 Mitglieder in eine einfache Erzeugung von verbessertem Saatgut. 2016 wurden 380 Tonnen zertifiziertes Saatgut erzeugt und die Union hat mit der Marktstrategie von Mini-Packs Erfolg. Sie bietet hochwertiges Saatgut in 100.Gramm-Verpackungen für Kleinbauern an.

Abseits des Weltmarkts

Die von den Wissenschaftlern beschriebenen Erzeugungssysteme sind abseits des Weltmarktes und für die großen Investoren aus der Agrarchemie uninteressant. Dr. Rattunde schlägt daher den Ländern die Gründung eines „Zentralen Saatgut Komitees“ vor. Das soll Regeln und Vorteile einer externen Saatguterzeugung aufzeigen. „Open access“ für die natürlichen Ressourcen sind dabei genauso wichtig wie das Monitoring. Denn, so Rattunde, Geld ist durch die Förderer wie das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) und der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) genug vorhanden. Es kann aber sowohl zur Kontrolle des Sektors, als aber auch zur Wertschöpfung für die gesamten Kette eingesetzt werden. Die Länder haben es selbst in der Hand, ihre Landwirte zu stärken. Denn, wie es Rahel Wyss formulierte: Food Security is Seed Security.

Roland Krieg

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