Frischer Wind in der Agrarlehre

Landwirtschaft

Sanfte Revolution Hohenheimer Agrarstudenten

Nachhaltig und zielstrebig macht sich derzeit eine Studierendengruppe aus Stuttgart-Hohenheim auf den Weg, das Studium der Agrarwissenshaften grundlegend zu verändern. Interdisziplinärer und ethischer soll die Lehre werden.
Fundament der zehnköpfigen Gruppe internationaler Agrarwissenschaftler ist der Bericht des Weltagrarrats, der im Frühjahr des Jahres eine grundlegende Wende in der globalen Agrarwirtschaft gefordert hatte. Mitautorin Dr. Anita Idel hat sich bereits als Impulsgeberin für alle Folgediskussionen zur Verfügung gestellt.

FRESH
Beim Essen haben sich die 10 Gründungsmitglieder kennen gelernt. Beim Essen kamen die Studierenden aus Kanada, Sri Lanka, Libanon, Griechenland und Deutschland ins Gespräch und erkannten, dass sich dort alle Probleme der modernen Welt kristallisieren: Die Welternährungs-Problematik, der Kulturverlust durch das Aussterben der Vielfalt traditioneller Nutzpflanzen oder die immensen ökologischen Auswirkungen der Lebensmittelproduktion. Die Agrarwissenschaftler kannten die Lösung: „FRESH“ - Food Revitalisation & Eco-Gastronomic Society of Hohenheim.

Masterplan
Am 28.11. findet ab 09.00 Uhr der erste Strategietag im Euroforum (Kirchnerstraße 3 in 70593 Stuttgart) der Uni Hohenheim statt. Noch am gleichen Abend sollen die ersten Ergebnisse für einen Masterplan der neuen Lehre vorliegen. Die Studierenden tagen zusammen mit Professoren und Nichtregierungsorganisationen.
Die Ergebnisse der Konferenz sollen anderen Agrarinstituten in Deutschland zugesendet werden und Nicht-Agrarwissenschaftler FRESH Logowerden miteinbezogen, da das Problem der Welternährung vielfältig angegangen werden müsse, so die Gruppe.
Beispielsweise könnte die Biotechnologie mit einem neuen Lehrmodul über die sozialen Auswirkungen angereichert werden: „Das Studium soll den ethischen Aspekt mehr betonen und interdisziplinärer ausgerichtet werden“, sagt FRESH-Mitbegründerin Dorothee Klemann.
Insgesamt wird es vier Themenworkshops geben: Management Natürlicher Ressourcen, International Trade and Local Knowledge & Women in Agriculture.
Noch zwei weitere Projekte sind in Planung: Eine Aktion, um für eine Mensa ohne Käfigeier zu werben, und der Bau eines Backhäuschens, in dem die Studierenden selbst Brot backen können, um den Ursprung und das Gefühl fürs Essen zurückzuerhalten. „Es ist offensichtlich, dass sich die heutige Situation verändern muss“, sagt Pavlos Georgiadis, „wenn wir es wagen, uns wieder mit unserem Essen zu verbinden, unseren Teller mit unserem Planeten zu verbinden, gibt es eine Zukunft.“

„Neue Weltordnung der Landwirtschaft“
In den letzten Jahren hat das Interesse an der Landwirtschaft einen stetigen Boom erfahren, weil sie nicht mehr nur Butterberge produziert, sondern neben der Nahrung auch Energie und Rohstoffe für das tägliche Leben zur Verfügung stellen soll. Nach wie vor ist der Agrarbereich der Schlüsselsektor im Kampf gegen Hunger und Armut – wenn auch zu oft vernachlässigt.
In der letzten Woche hat die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) zu tiefgreifenden Reformen des Agrarmarktes und zu massiven Anstrengungen im Kampf gegen Hunger aufgerufen. 2009 sollen die Staatschefs auf einem Gipfeltreffen mit einer „neuen Weltordnung der Landwirtschaft“ den Handel nicht nur freier, sondern auch fairer gestalten, verlangte FAO-Generaldirektor Jacques Diouf. Bis 2050 müssen neun Milliarden Menschen ernährt werden. Dazu müsse die Nahrungsproduktion verdoppelt werden.

Breites Echo
Es gehe nicht darum, die Agrarlehre grundlegend zu verändern, sagte Manuel Hilscher am Dienstag am Telefon zu Herd-und-Hof.de. Es gehe darum, die Inhalte des Weltagrarberichtes stärker in die Lehre einzubringen. Bei der Strategietagung bilden die Professoren das Bindeglied zwischen der Gruppe und der Lehre. Sie moderieren auf den Workshops, bei denen es darum geht, aktuelle gesellschaftliche Dialoge in den aktuellen Lehrplan zu integrieren. Beispielsweise unterliege Fair Trade Konzepten, die in der Lehre gar nicht auftauchen. Zukünftig sollen diese an die Agraruniversitäten geholt und gelehrt werden.
Zwar habe es bei einige Professoren anfangs Befürchtungen gegeben, dass FRESH die gesamte Lehre umwerfen könnte – aber die Studierenden nahmen das zum Anlass die Agrarprofessoren mit ins Boot zu holen. Die Workshops sollen auch dazu dienen, auszuloten, wie schnell Themen Ernährungskrise oder Flächenproblematik in den Lehrplan aufgenommen werden können.
Nicht nur die Lokalpresse beginnt über Fresh zu berichten, die Gruppe hat auch bereits aufmunternde Zuschriften von Professoren von anderen Agraruniversitäten erhalten. Es gibt offenbar Inhalte, die nicht nur den Studierenden fehlen.

Lesestoff:
Die „Revolution im Agrarstudium“ hat eine eigene Webseite: www.fresh.uni-hohenheim.de

Roland Krieg

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