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„Gegen den Markt kommen Sie auf Dauer nicht an“

Landwirtschaft

Interessanter Milchmarkt – Aber nicht für alle Bauern

Zwischen 1984 und 2015, der Zeit der Milchquote, hat die Zahl der Milcherzeuger in Deutschland von 370.000 auf 78.000 abgenommen. Der Strukturwandel hat Geld gekostet, der Versuch ihn aufzuhalten auch. Seit Ende der Milchquote haben bis heute weitere 9.000 Milchbauern aufgegeben, die meisten innerhalb der zweijährigen Milchpreiskrise. Das es europaweit nicht noch mehr wurden hat die EU mit zwei Hilfspaketen eine Milliarde Euro gekostet und Deutschland mit Entlastung der Sozialversicherung und Umsetzung der Gewinnglättung weitere 600 Millionen Euro. Das Ergebnis: Die Kosten für die Quotenadministration werden zwar eingespart, aber mit 350.000 Tonnen Magermilchpulver lagert 30 Prozent der Jahreserzeugung in den privaten und öffentlichen Lägern. Seit den 1990er Jahren der höchste Bestand, der auch mal wieder aufgelöst werden muss. Selbst der Weltmarkt bietet keine verlässliche Größe. Kein Experte auf dem 8. Berliner Milchforum wagte eine Marktprognose für die zweite Jahreshälfte. Die Erzeugung von Käse nimmt viel Milch auf und der Export konnte im letzten Jahr deutlich gesteigert werden. Das allerdings haben die Neuseeländer ebenfalls bemerkt. Und wenn die deutschen Molkereien mehr Schokolade produzieren? Da liegen die Schweizer Produkte bereits im Regal. Die Schweizer haben ihren Auslandsabsatz im letzten Jahr um 4,3 Prozent auf 122.034 Tonnen steigern können. Die Neusaaländer haben mit China den Markt im Bliick, wo die meisten deutschen Molkereiprodukte 2016 hingingen. Insgesamt eine teure und komplexe Gemengenlage.

Das Umfeld auf dem Binnen- und Weltmarkt wird sich nicht ändern. Staatssekretär Peter Bleser aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium prognostiziert längere Preistäler als kürzere Preispeaks. Und er prophezeit, dass sich Hilfsaktionen wie in den beiden letzten Jahren in Größenordnung und Aufwand nicht mehr wiederholen werden. Die Diskussion um die nächste Förderperiode der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP 2020) stellt öffentliche Hilfen dieser Art generell infrage. „Ich will nicht in den Krisenmodus zurück“, sagte Bleser und gibt damit nicht nur jeglichem Quotenmodell, sondern auch der überbordenden Staatshilfe im Krisenfall eine Abfuhr.

Es bleiben nur wenige Möglichkeiten übrig, die am 27. März auf dem nächsten Milchgipfel im Berliner Ministerium diskutiert werden: Die Gründung von Erzeugerorganisationen, Produkte mit geschützter Herkunftsbezeichnung und die unternehmerischen Preisabsicherung über die Warenterminbörse, bei der die Landwirte Unterstützung durch die Molkerei bekommen sollen, so Bleser. Die vom Bundeskartellamt kritisierten Lieferverträge und Kündigungsfristen stehen ebenfalls auf der Tagesordnung. Die Molkereien werden um die Gründung einer Branchenorganisation nicht herum kommen. Deren Weigerung und die Bildung einer „Interessensgemeinschaft“ blutet den Erzeugersektor nur weiter aus. Die Molkereien hätten nach Bleser die Möglichkeiten einer Branchenorganisation noch nicht erkannt. Es gehe nicht um Mengendisziplin und Preisfestlegung. Sie kann die Marketinghilfen aus der EU in Höhe von 200 Millionen Euro nutzen, sie kann Rahmenbedingungen wie spezielle Lieferverträge zu „GVO-freier“ Milch setzen und Allgemeinverbindlichkeiten wie 0,1 Cent pro Liefereinheit Milch für Werbung definieren.

Vor diesem Hintergrund habe das Ministerium mit der kürzlich erst verabschiedeten Novelle des Wettbewerbsrechtes, wie dem Anzapfverbot, weitere Grundlagen geschaffen. Jetzt aber ist die Branche selbst gefordert, die unternehmerische Verantwortung für den Markt zu übernehmen. Bleser: „Gegen den Markt kommen Sie auf Dauer nicht an.“ Das heißt: Wer sich nicht bewegt, der verliert. Das heißt aber auch: Erzeuger und Molkereien müssen mit dem Lebensmitteleinzelhandel selbst den Modus Operandi finden. Wollen die Landwirte Unternehmer sein, sollen sie sich auch so verhalten. Peter Stahl, Vorsitzender des Milchindustrie-Verbandes, sagt es so: Die Zahl der Kühe bleibt nahezu gleich, die Milchleistung steigt und damit die Produktivität. Der Konsum in der EU stagniert. Wer jetzt einen Milchviehbetrieb übernehmen soll, müsse sich die Frage stellen, ob er auch mit 28 Cent zurechtkommen könne. Sonst, so bleibt als Schlussfolgerung übrig,  wird er zum nächsten Hilfsbedürftigen.

Globale Milchtrends

Der neuen US-Präsidenten Donald Trump und der Brexit zeigen das Fortschreiten protektionistischer Handelsbeziehungen. Frankreichs verpflichtende Herkunftskennzeichung mache da keinen Unterschied. Nach Ansicht der European Dairy Federation findet das Pariser Vorbild Gefallen in Litauen, Polen, Rumänien und Finnland. Die Milchkrise hat nach der Marktexpertin Monika Wohlfahrt von der Zentralen Milchmarkt Berichterstattung (ZMB) mit einer Steigerung der Milchmenge von 0,2 Prozent das schwächste Wachstum in Europa seit 2009 hervorgebracht. Anfang 2017 gab es 4,2 Prozent weniger Milch als im Vorjahreszeitraum, der saisonale Anstieg bis März liegt aktuell noch immer 2,7 Prozent darunter. Die Niederlande spielen in der EU eine Sonderrolle, da sie mit einem Plus von einer Millionen Tonnen Milch stärker gewachsen sind als der EU-Markt. Im Rahmen der Phosphat-Begrenzung wird die Zahl der Milchkühe wieder sinken. Doch die wirklichen Auswirkungen auf den EU-Milchsektor zeichnen sich noch nicht ab. Die Zahl der deutschen Betriebe nahm in allen Bundesländern ab, während die Zahl der Milchkühe in Baden-Württemberg und in Niedersachsen gestiegen ist. Auswirkungen des Anbindeverbotes werden besonders Niedersachsen und Bayern treffen. Dort sind 18 und 51 Prozent der Anbindestallungen vorhanden. Das Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung wird in seinen Effekte in diesen Regionen wüten.

Der Blick auf den Weltmarkt erlaubt nur eine kleine Entlastungen. Die Nachfrage nach Milchprodukten wächst wieder, aber zeigt sich verlangsamt. Die Währungen der Schwellenländer haben zwischen 40 und 80 Prozent gegenüber dem US-Dollar 2010 verloren, die Länder mit Erdölexporten leiden unter den niedrigen Ölpreisen. Der Frischmilchkonsum geht in Deutschland zurück. Die Veredlung allerdings kann punkten. Galt das Milchfett vor einigen Jahren noch als Sorgenkind der Branche, ziehen die Preise an. Zum einen hat die Züchtung reagiert und den Fettgehalt der Milch gesenkt. Die Verbraucher suchen bei Käse und Milch aber wieder stärker die Vollfettgehalte. Der Verbrauch an Käse hat im letzten Jahr um 1,4 Prozent in der Selbstbedienung und um 0,1 Prozent an der Frischetheke zugenommen. Butter wird mit Natürlichkeit verbunden und hat ihr Image als Brotaufstrich deutlich verbessert. Der Marktanteil der Mischfette steigt und bietet für das Nutterfett eine neue Absatzgelegenheit . Verbraucher fragen neue Nischenmärkte wie Heumilch und GVO-freie Milch nach.

Langfristig wird der Markt wieder wachsen, prognostiziert Wohlfahrt. Die Stärke des Wachstums allerdings wird von den Exportmärkten definiert. 15,8 Prozent der Molkereiprodukte gehen ins Ausland. Vor allem nach China, Saudi-Arabien, in die Schweiz, nach Südkorea und Japan. Die Exportmengen nach Russland sind seit dem Embargo mittlerweile erfolgreich  in die USA, nach Japan und in die Schweiz umgeleitet worden.

Roland Krieg

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