Menü

Gezeitensedimente für Dithmarscher Kohl

Landwirtschaft

Kalkmarsch ist Boden des Jahres 2009

Prof. Dr. Monika Frielinghaus freute sich in der Berliner Landesvertretung Schleswig-Holsteins über die am Internationalen Tag des Bodens wachsende Zahl an Veranstaltungen und zunehmender Teilnehmerzahl. Zum fünften mal hat das Kuratorium Boden des Jahres eine Wahl getroffen, um einen der Lebensraumvertreter besonders in das Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Böden funktionieren jedoch nur, Infotafeln in der Laenderverrtetungwenn sie gesund und fruchtbar sind – aber diese Ressource ist endlich. Wasser- oder Luftverschmutzung bemerken die Menschen eher, als die Verschmutzung des Bodens. Daher soll die Auswahl „Boden des Jahres“ helfen, den Verbrauchern ein Bodenbewusstsein zu schaffen. In den Entwicklungsländern haben die Menschen eine direkteren Bezug zum Boden und sie merken, wenn etwas nicht stimmt. Dort wo der Boden nicht mehr funktioniert, gibt es kein sauberes Trinkwasser mehr oder Überschwemmungen, so Dr. Frielinghaus. Mit täglich 113 Hektar versiegelter Fläche ist die Bundesrepublik noch weit von dem Ziel entfernt, den täglichen Bodenverlust auf unter 30 Hektar zu senken.
Agrar- und Umweltminister Dr. Christian von Boetticher aus Schleswig-Holstein lenkte die Aufmerksamkeit auf die Altlasten. Alleine sein Land hat bereits 70 Millionen Euro für die Bodensanierung aufgewendet. Die Zeiten der industriellen Revolution und nach dem Zweiten Weltkrieg haben den Boden so beansprucht, dass die heutige Generation noch damit zu kämpfen hat. Die moderne Zeit fügt mit PCB und Dioxine aktuelle Sünden hinzu, die aus den Elbsanden wieder entfernt werden müssen und letztlich in die Nahrungskette gelangen. Bis in die 1970er Jahre hinein habe es noch kein Umweltgesetzbuch gegeben und erst ein Jahrzehnt später hat eine erste Bodenschutzkonzeption zu ersten Besserungen geführt. Die europäische Union will mit dem Bodenschutzgesetz deutliche Verbesserungen einführen, Dr. Boetticher verstehe jedoch die Ängste, dass mehr Bürokratie auf die Bauern und Behörden zukomme. Der Agrarminister denkt jedoch mehr gerade an die mittel- und osteuropäischen Länder, die im Bodenschutz noch weit hinter Deutschland zurückstehen. Für diese Länder wäre ein einheitlicher Bodenschutz eine wichtige Rahmenrichtlinie.
Besonders begrüßt hat Dr. Boetticher die Klasse 9d von der Theodor-Storm-Schule in Husum. Die Schulklasse hat das Bodenrätsel auf der Landesgartenschau in Schleswig-Holstein gewonnen und sich damit eine Klassenfahrt nach Berlin verdient. Das Lösungswort ist der Boden des Jahres: Kalkmarsch.

„Zuerst ein Bild der Marschgegend überhaupt. Der Anblick der Marsch ist erheiternd. Ich kenne sie ja von Jugend auf, bin mitten in ihr gebohren. Aber da ich sie jezo nach zwanzig Jahren wieder sehe, wirkt sie auf mich mit einem ganz neuen Eindruck. Einer von meiner Gesellschaft, der sie vom erstenmal sah, staunte jeden Augenblick über das grosse, feiste Vieh, das bis an den Bauch im Grase steth, und über das stark gegränzte Korn, das zum Theil nicht gemähet werden kann, sondern mit der Sichel geschnitten werden muss. Es sind vorzüglich gesegnete Äcker“
Q: Prof. Tetens (s.u.)

Boden durch Ebbe und Flut
Bislang sind die Böden des Jahres terristischen Ursprungs gewesen. Doch in diesem Jahr hat das Bodenkuratorium sich einen Boden ausgesucht, der an der Nordseeküste liegt. Ja, durch die Nordseeküste entstanden ist. Und er ist eng mit der Siedlungsgeschichte und des Überlebenskampfes der Küstenbewohner verknüpft. So heimatkundlich die Kalkmarsch in Erscheinung tritt, so überregional sind dennoch die Anbauerzeugnisse: Dithmarschen ist das größte zusammenhängende Kohlanbaugebiet Europas. Die Weiß- und Rotkohlköpfe, rund 80 Millionen Stück jedes Jahr, landen bundesweit auf allen Tellern. Doch bis es soweit kommen konnte ist Literaturgeschichte:
„Wenn im Herbst die Fluten höher stiegen und manch einmal die Arbeit eingestellt werden musste, dann ging er nicht mit den anderen nach Hause, sondern blieb an der abfallenden Seeseite des Deiches sitzen und sah stundenlang zu, wie die trüben Nordseewellen immer höher an die Grasnarbe des Deiches hinaufschlugen. Nach langem Hinstarren nickte er wohl langsam mit dem Kopfe oder zeichnete, ohne aufzusehen, mit der Hand eine weiche Linie in die Luft, als ob er dem Deiche einen sanfteren Abfall geben wollte. Manchmal hatte er eine Faust voll Kleierde mitgebracht und knetete im Schein der dünnen Umschlittkerze allerlei Deichmodelle.“ Es war der junge Hauke Haien, dem Theodor Storm im Schimmelreiter ein Denkmal gesetzt hat.

Nordseebildung und Gezeiten
Noch weiter zurück: Vor rund 240 Millionen Jahren senkte sich der Boden der heutigen Nordsee ab und wurde erstmals mit Meerwasser überflutet. Die letzten drei Eiszeiten banden wieder viel Wasser und der Meeresspiegel lag rund 100 Meter unter dem heutigen Niveau. Die Küstenlinie der Nordsee verlief noch Ende der Weichseleiszeit vor 10.000 Jahren nördlich der heutigen Doggerbank. Vielfach zog sich das Wasser weit zurück und kam wieder. Das Wattenmeer im Küstenbereich bildete sich etwa 4000 v. Chr. und wurde immer wieder verschlungen.
So wie sich heute Nordfriesland zeigt, ist das nur der Rest der ursprünglich viel weiter nach Westen reichenden Küstenlinie. Die Inseln Sylt, Amrum und Föhr sind Überreste der sandigen Geestlandschaft. Der Meeresspiegelanstieg ist von starken Sedimentationsvorgängen begleitet gewesen.
Dithmarschen hatte einen steileren Küstenverlauf, so dass die nacheiszeitlichen Flutwellen den Geesthang brachen und parallel zur Küste Nehrungen bildeten. Dort lagerten sich die Meeressedimente ab. Ein breiter Marschengürtel entstand.
Die Marsch ist eigentlich der Name für die Flachlandschaft der Küste und für das Watt. Doch hat sich daraus auch der Name für den Boden abgeleitet, sagte Prof. Dr. Rainer Horn von der Deutschen Bodenkundlichen Gesellschaft und Bodenwissenschaftler der Universität Kiel.

„Der Boden in Dithmarschen ist wie in allen Marschen lehm- und tonartig; nicht überall gleich, und hier im Durchschnitt sandscharig wie sie es nennen, das ist, merklich mit Sande vermischt. Denn nach der grösseren oder geringeren Menge unterscheidet man das schere und leichte Marschland. Doch ist auch die leichte Marsch noch ein guter fruchtbarer Boden, worauf Gersten, Waizen, Erbsen, Bohnen und Rapssaat, die bekanntlich die vornehmlichsten Feldfrüchte der Marschen sind, ganz vortrefflich gedeihen. Von dem Haber, der sonst für minder gehalten wird, geht auch etwas aus dem Lande, aber Rokken baut man selten mehr als zu eigenen Gebrauch.“
Q: Prof. Tetens (s.u.)

KalkmarschWer vom Meer aus Eiderstedt landeinwärts überfliegt sieht unter sich den Wechsel vom Watt über die Rohmarsch, die Kalkmarsch dann die Kleinmarsch bis hin zur Knickmarsch. Das entspricht der Genese über die Zeit. Watt ist der jüngste Boden, die Knickmarsch der älteste. Die Zeittafel bei Eiderstedt weist sie aus dem Jahr 1611 aus. Die Kleimarsch ist von 1699 und die Kalkmarsch von 1937.
Zeitlich kleinteilig im großen Spiel von Ebbe und Flut. Zweimal am Tag bringen die Gezeiten den Wasserspiegel über das Land, Foraminiferen und Kieselalgen sedimentieren über dem Boden ab und machen ihn ausgesprochen kalkhaltig. Hunderte von Jahre, Tausende von Jahre lang. Noch rund 8.000 v. Chr. konnten die Menschen trockenen Fußes nach England gehen. Etwa 4.000 bis 5.000 v. Chr. hat der Anstieg des Meeresspiegels nach der Eiszeit den Basistorf am Küstensaum gebildet. Das war etwa 1300 v. Chr. abgeschlossen. Danach bildete sich darüber die Marsch.

Wer nicht deichen will, muss weichen
Die Rohmarsch allerdings ist noch immer mit salzigem Meereswasser durchschwemmt. Durch den Deich hat der Mensch daraus die Kalkmarsch gemacht., die Abtrennung des Landes vom Meer. Überall an der Nordseeküste gibt es Säulen mit den Angaben der Sturmfluthöhen. Als es noch keine Deiche gab, lebten die Menschen auf Warften, Erhöhungen in der Marsch. Die ersten Stackdeiche hielten kleinere Fluten ab. Doch die beiden großen Mandränken von 1362 und 1634 haben sich tief in das Bewusstsein der Küstenbewohner gegraben. Mehr als 100.000 Menschen sollen 1362 ertrunken sein – nicht weil die Flut sehr hoch war, sondern weil sie weit in das Land hineinreichte. Hauke Haien ist dann die Symbolfigur für den immerwährenden Deichbau geworden. Der Kampf der Menschen gegen die Flut – und für das fruchtbare Land.
Das Land hinter dem Deich beginnt zu entsalzen. Pro Jahr sind es rund 10 Zentimeter. Weil die kalkhaltigen Sedimente übrig bleiben ist der Boden ausgesprochen fruchtbar. Mit 97 Bodenpunkten reicht er an die Schwarzerdeböden der Magdeburger Börde und der Köln-Bonner-Bucht heran.
Auch deshalb versuchen die Menschen an der Nordseeküste, Land zu gewinnen. Köge heißt es in Schleswig-Holstein, Polder bei den Holländern. Gelegentlich findet man noch Windmühlen an der Küste, deren eigentliche Aufgabe das Entwässern der Polder ist.

Über die Marschbauern: „Mit den Menschen hier umzugehen, isst mir eine wahre Lust, und das versichere ich mit der grössten Kälte und wieder fester Überzeugung. Sie würden das ebenso finden, wie jeder edle Mann, der den Menschen am liebsten sieht von Angesicht zu Angesicht.“ Zur Zeit des 18. Jahrhunderts erwartete man unterwürfige Blicke der unteren Klasse und Hochmut der oberen. Wer solche Erwartungen in Dithmarschen hegte, der solle wegbleiben. Denn: „Es gibt hier weder Adel, noch Leibeigenen, noch städtische Bürger“. Knechte, Mägde, Tagelöhner gehörten damals zur dienenden Klasse, aber „Sie werden gut ernährt, und gut bezahlt, sind völlig frei, müssen aber auch stark arbeiten.“
Q: Prof. Tetens (s.u.)

Beste Erträge, aber sensibel
Nicht nur der Kalk macht die Kalkmarsch so fruchtbar. Dieser Boden hat ein optimales Porenvolumen für Sauerstoff und Wasser sowie Nährstoffe. Alles gut durchwurzelbar. Dr. Horn zeigte anhand von Alles ueber BoedenErnteerträgen, dass die Kalkmarschen die höchsten Erträge in Schleswig-Holstein erzielen. 13 bis 14 Tonnen Getreide gegenüber neun Tonnen je Hektar auf der Geest. Die Kalkmarsch ist auch ein Grundwasserboden. Auch wenn es ein trockenes Jahr gibt, finden die Pflanzen in 70 bis 100 cm Tiefe immer noch Grundwasser. 15 Prozent der Landefläche sind Marschen, davon 26 Prozent Kalkmarsch.
Wenn die Bauern aber auf Humus und Kalkgehalt nicht aufpassen, dann entkalkt die Marsch und wird zur Kleimarsch. In Hundert Jahren entkalken etwa 10 Zentimeter – wenn danach die Versauerung eintritt, ist die Knickmarsch entstanden.
Wegen des hohen Porenvolumens ist der Boden aber auch anfällig auf Verdichtung. Schon kleine Schlepper mit 3,6 Tonnen Achslast drücken das Porenvolumen bei einer Überfahrtdauer von zwei Sekunden deutlich zusammen. Dr. Horn hat das für die Gemüseberater in Dithmarschen einmal messen lassen. Die Bauern, die das zu oft machen, sehen im Frühjahr auf ihren Feldern das Wasser stehen: Staunässe.

Lesestoff:
Alles über die Böden des Jahres finden Sie bei der deutschen Bodenkundlichen Gesellschaft www.dbges.de.
Schleswig-Holstein hat verschiedene Bodenerlebnispfade (Tiergarten Schleswig, Hof Siek in Bothkamp, Hof Kubitzberg bei Altenholz und im ErlebnisWald in Trappenkamp: www.naturpilot-sh.de.
Die Böden Schleswig-Holsteins: Entstehung, Verbreitung, Nutzung, eigenschaften nd Gefährdung; Landesamt für Natur und Umwelt des Landes Schleswig-Holstein; 3. Auflage März 2008; ISBN: 3-937937-03-X; www.lanu-sh.de
Boden des Jahres 2007 auf Herd-und-Hof.de
Empfehlungen:
Bantelmann, A.: Die Landschaftsentwicklung an der schleswig-holsteinischen Westküste, dargestellt am Beispiel Nordfriesland. Heide 1966.
Kramer, J.: Kein Deich - Kein Land - Kein Leben. Geschichte des Küstenschutzes an der Nordsee. Leer 1989
„Bemerkungen über die einländischen Marschen über das Eigene ihrer verschiedenen Bezirke und den Karakter ihrer Bewohner Reisebeschreibung Herrn Professor Tetens 1788“: http://www.ub.uni-bielefeld.de/cgi-bin/navtif.cgi?pfad=/diglib/aufkl/schleswholstprovber/022882&seite=00000358.TIF&scale=6

Roland Krieg; Fotos: roRo; Bodenprofil: DBGES

Zurück