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Globalisierung gestalten

Landwirtschaft

Agrarhandel fair und frei

Das aus 25 Verbänden bestehende Agrarbündnis hat traditionell zu Beginn der Internationalen Grünen Woche den „Kritischen Agrarbericht“ herausgegeben, der in diesem Jahr den Schwerpunkt Agrarhandel und Globalisierung trägt.

Tobias Reichert von Germanwatch blickte in seinem Beitrag auf das vergangenen Jahr zurück. Die Zahl der Hungernden ist zwar erstmals seit 2014 wieder angestiegen, doch überwiegend in den Ländern, die wegen Kriegen und Konflikten keine bürgerliche Ordnung mehr aufrecht erhalten können. Reichert kritisiert, dass die Weltgemeinschaft beispielsweise bis August 2016 nur zu 40 Prozent ihren humanitären Aufgaben nachgekommen ist. Daraus resultiert der Anstieg der Migrationsflüchtlinge, deren Wanderung mittlerweile bis in die Industrieländer reicht und die Versäumnisse vor die Haustür der Satten bringt.

Dort wächst ein anderes Problem der Welternährung heran: Das der Übergewichtigen und adipösen Menschen. Hunger und Übergewicht sind für Reichert zwei Seiten derselben Medaille: Eines ungleichen Handels, der weder die Bedürfnisse der Satten, noch die der Armen berücksichtigt.

Auch die neue Afrikapolitik der Bundesregierung fällt durch, weil sie wie die Entwicklungspolitik seit Dekaden die Bedürfnisse der Armen nicht erfülle. Zumindest verbal erneuert sich die Entwicklungshilfe, wenn Afrika zugestanden wird, dass der Kontinent sich selbst ernähren kann. Dafür müssen aber regionale Wertschöpfungsketten und bäuerliche Strukturen gefördert und erhalten werden.

Palmöl gerät mehr und mehr auf die Streichliste des Europaparlamentes. Der Stoff, der vom Tank bis zum Lippenstift vielfältig im Norden eingesetzt wird, zerstört in Malaysia und Indonesien die Regenwälder. Zertifizierungen alleine helfen nicht, schreibt Dr. Bernhard Walter von Brot für die Welt in seinem Beitrag. Doch dahinter verbergen sich noch immer Landkonflikte und Menschenrechtsverletzungen. Suffizienz, eine effektiverer  Nutzung von Ressourcen, steht zu wenig auf der politischen Agenda des Nordens.

Bernd Voss

Selbst die neueste und modernste Technik muss nicht zu einem fairen Ausgleich führen. Wird die Digitalisierung der Landwirtschaft als Optimierung des Ressourceneinsatzes vermittelt, kann das nach Stig Tanzmann (Brot für die Welt) und Bernd Voß von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL; Foto)) in unregulierter Form die Bauern weltweit in neue Abhängigkeiten führen. Gerade Fusionen im Agrargewerbe, die zusätzlich mit einer Datenhoheit Produktionsweisen vorschreiben können, kontrollieren am Ende auch Verarbeiter und Vermarkter. Abhilfe könnte ein UN-Wettbewerbsrecht schaffen. Im Rahmen der Agenda 2030 wurde entsprechend ein Technology Facilitation Mechanism diskutiert. Die Digitalisierung ersetze, auch im Norden, nicht die Notwendigkeit einer Agrarwende, erläuterte Bernd Voß. Initiativen für die ärmsten Länder, wie die der EU, alles außer Waffen (EBA) zoll- und mengenfrei einführen zu dürfen funktioniere als Entwicklungshilfe nicht, weil die Mengen zu klein sind. Außerdem werden beispielsweise im Biobereich 90 Prozent der internationalen Umsätze in Nordamerika und Westeuropa generiert. Das zeige eigentlich nur, dass auch bei fairen Wertschöpfungsketten nicht alles bei den Bauern vor Ort ankommen, sagte Voß zu Herd-und-Hof.de.

Clemens Gebriel

Wie in Europa haben auch die Kleinbauern im Süden ein Nachfolgerproblem. Nach Clemens Gabriel von den Demeter-Jungbauern brauchen Junglandwirte eine wirkliche Perspektive für die Arbeit auf dem Land und auf dem Betrieb. Der Ausblick auf nur ein bisschen mehr Geld mache die Landwirtschaft nicht wirklich attraktiver. Sowohl im Norden als auch im Süden gehe die Politik das Thema falsch an. Zwar ist auch im aktuellen Entwurf für die Gemeinsame Agrarpolitik der EU ein Junglandwirte-Programm vorgesehen, aber gefördert werden nur die, die bereits Junglandwirte sind. Die Dunkelziffer derjenigen, die gar nicht erst eine Perspektive angeboten bekommen und die Abbrecherquote sei hoch. Doch genau dort, im Entscheidungsfindungsprozess sollte die Politik mit der Förderung beginnen, wenn sie etwas erreichen will. Das gelte umso mehr für den Süden, wo Millionen Arbeitsplätze im Außer-Landwirtschaftlichen Bereich fehlen.

Lesestoff:

Der kritische Agrarbericht 2018 www.kritischer-agrarbericht.de

Roland Krieg; Fotos: roRo

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