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Haben Bienen eine Pollenallergie?

Landwirtschaft

Seit dem 25. November neue Kennzeichnung

>Im Gegensatz zu Menschen leiden Bienen nie unter einer Pollenallergie. Das Immunsystem der Bienen kann konstruktionsbedingt gar nicht Amok laufen, stellt Prof. Dr. Waldemar Kolanus vom Bonner Institut für Molekulare Physiologie und Entwicklungsbiologie fest.

Immunreaktion
Bei Insekten ist die Immunreaktion angeboren. Ihr Abwehrsystem erkennt die wichtigsten Krankheitserreger an bestimmten Merkmalen, die diese seit Jahrmillionen auf ihrer Oberfläche mit sich herumtragen. Der Nachteil: Ändert ein Bakterium seine Oberflächenstruktur nur genügend stark, dann wird es vom Immunsystem einfach übersehen. „Für uns ist dieses ursprüngliche Abwehrbollwerk nicht leistungsstark genug“, erklärt der Bonner Biochemiker. „Unser Immunsystem ist lernfähig: Es kann sich an neue Gefahren anpassen.“
Mitunter läuft das allerdings schief. Dann attackiert die Abwehr-Maschinerie fälschlicherweise körpereigene Zellen und Allergien und chronische Entzündungen sind die Folge.

Molekulares Fahndungsposter
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat jetzt einen neuen Sonderforschungsbereich bewilligt bei dem „Molekulare Mechanismen und chemische Modulation der lokalen Immunregulation“ untersucht werden. Prof. Kolanus ist Sprecher der beteiligten Wissenschaftler, die untersuchen wollen, wie der Körper die Immunantwort reguliert.
Das Interesse richtet sich vor allem auf die „Antigen-präsentierenden Zellen“. Diese speziellen Fresszellen verdauen die Krankheitserreger und stellen danach die Bruchstücke des Erregers auf ihrer Oberfläche zur Schau. Mit diesem molekularen Fahndungsposter zeigen sie dem Abwehrsystem: „Das ist der Feind, den wir bekämpfen müssen!“ Auf ihrem chemischen Startschuss hin produziert der Körper genau gegen dieses Bruchstück wirkende Immunzellen. Manche davon können aber nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden: „Die meisten dieser autoreaktiven Zellen werden abgetötet, aber nicht alle“, erklärt Kolanus. „Die Immunantwort kann daher auch den eigenen Körper schädigen.“
Die Antwort warum der Körper die Immunantwort nicht wieder herunterfährt, sobald der Eindringling beseitigt ist, vermutet der Experte in der fehlerhaften Kommunikation zwischen den verschiedenen Teilen des Immunsystems. Mit der Forschung wollen die Bonner „herausfinden, wie das funktioniert und ob wir dann gezielt in die Regulation von Immunantworten eingreifen können.“

Allergisches Potenzial
Fünf bis acht Prozent aller Kinder und ein bis zwei Prozent aller Erwachsenen haben eine Lebensmittelallergie, stellt Prof. Dr. Stephan Bischoff vom Lehrstuhl Ernährungsmedizin und Prävention der Universität Hohenheim fest. Experten fragen sich, was einen Menschen zum Allergiker macht und warum ein Protein ein allergisches Potenzial aufweist. Das britische Institute of Food Science & Technology (IFST) erklärt in seinem in diesem Jahr erneuerten Bericht über Lebensmittelallergien, dass Infektionen in der Kindheit wichtig sein könnten, das Immunsystem neu programmiert zu haben, um weniger anfällig auf Allergien zu reagieren. Des Weiteren könne die Essenszusammensetzung die Exposition der Allergene gegenüber dem Immunsystem bestimmen und die Ernährungsgewohnheiten bestimmen das Allergenmuster in verschiedenen Ländern unterschiedlich. Letztlich sind einige Allergene in Obst und Gemüse an allergische Reaktionen gegen die Birke gebunden, so dass deren geographische Verbreitung diese Allergien mitbestimmt.
Das IFST bestimmt Unterschiede: Lebensmittelallergien werden durch bestimmte Proteine verursacht und wirken dann genauso wie oben beschrieben vor allem mit dem Immunoglobulin E (IgE). Lebensmittelintoleranzen beschreiben Wirkungen ohne das Immunsystem und sind Reaktionen auf Histamine oder Amine. Dazu gehört beispielsweise die Laktoseintoleranz, die durch ein fehlendes Enzym im Magen-Darm-Trakt die Laktose nicht verdauen kann.
Bei der Allergie und der Intoleranz gibt es zur Zeit keine Heilung und den Verbrauchern bleibt nichts anderes übrig, als auf die entsprechenden Lebensmittel zu verzichten.

Neue Kennzeichnung
Diese Menschen können jetzt aufatmen, sagt der Hohenheimer Ernährungsmediziner Prof. Bischoff. Mit dem 25. November 2005 endete die Übergangsfrist der EU, das neue Lebensmittelrecht umzusetzen. Deutschland hat es jetzt endgültig verbindlich gemacht. „Bisher gab es abstruse Lücken in der Deklarationspflicht“, so Prof. Bischoff. Allergiker versuchten bisher vergeblich nach allergenen Stoffen, wenn diese sich in einer Zutat versteckten, die weniger als 25 Prozent des Enderzeugnisses ausmachten. „So blieb zum Beispiel verborgen, woraus der verwendete Senf oder die Mayonnaise bestand und statt „Erdbeeren“ lasen sie bislang nur „Fruchtzubereitung“ auf dem Joghurt. Für einen Allergiker reichen jedoch bereits geringe Mengen, um eine allergische Reaktion auszulösen.“
Die am häufigsten Allergien auslösenden zwölf größten Lebensmittelgruppen müssen nun speziell gekennzeichnet werden: Dazu gehören glutenhaltiges Getreide, Krebstiere, Fisch, Erdnüsse und Schalenfrüchte wie Mandel, Wal- und Haselnüsse, Soja, Sellerie, Senf, Sesam, Schwefeldioxid sowie Milch und Eier. „Letztere rufen vor allem bei Kleinkindern die meisten allergischen Reaktionen hervor“, berichtet Prof. Bischoff aus seiner Praxis.
Mit dem neuen Lebensmittelrecht greife der Gesetzgeber eine Forderung auf, mit der Betroffenenverbände schon lange um mehr Sicherheit auf dem Teller rangen. Der Mediziner möchte am liebsten aber Grenzwerte für allergene Stoffe festlegen. Jetzt müssten „selbst geringste Spuren“ angegeben werden, was nach seiner Meinung dazu führt, dass die Hersteller lieber zu viel als zu wenig angeben. Die Folgen seien zum Beispiel Schokoladen mit der Deklaration „kann Spuren von Nuss enthalten“. „Das wird immer dann passieren, wenn die nussfreie Vollmilch-Schokolade über das gleiche Band lief wie die Nuss-Schokolade – obwohl die Vollmilchrezeptur völlig nussfrei ist. So kann es zu einer Überdeklaration kommen, durch die auch wieder Information verloren geht.“
Die gleiche Frage stellt sich auch das IFST. Als Schwellenwert könnte der „lowest observed adverse effect“ (LOAEL) definiert werden. Diese Menge riefe die mildesten Effekte bei höchstsensiblen Menschen hervor. Er ist aber schwierig zu messen, da beispielsweise die allergene Menge für Erdnüsse zwischen 2 und über 50 mg pro Person liegen kann. Insgesamt fehlen noch zu viele Daten, um solche Werte festzulegen. Das Food Allergy Research and Ressource Programme in den USA hat daher den NOEL als Zielwert ins Auge gefasst: „no observed effect level“.

Im Zweifelsfalle: fragen
Der aid Infodienst sieht in der neuen Etikettierung nur eine „Erleichterung“. So können Nahrungsmittel, die vor dem Stichtag hergestellt wurden, ohne Allergenkennzeichnung zeitlich unbegrenzt verkauft werden. Zudem ist unverpackte Ware von der Wursttheke oder auf dem Wochenmarkt von der Regelung ausgenommen. Auch Restaurants und Kantinen müssen allergene Zutaten nicht ausweisen. Mehr über die Allergenkennzeichnung erfahren Sie unter www.was-wir-essen.de.
Das IFST gibt den Verbrauchern folgenden Ratschlag: „Keine Form der Warnung über allergene Inhalte im Lebensmittel wirkt auf den Verbraucher, ohne dass er sich darüber bewusst ist, auf welches Lebensmittel oder welche Inhaltsstoffe er allergisch reagiert. Dieses Wissen kann nur vom behandelnden Arzt kommen. Menschen, die denken sie hätten eine Lebensmittelallergie, schulden es sich selbst, sich darüber testen zu lassen, welche Substanz dafür verantwortlich ist.“

Novel Food
Alle Lebensmittel, die nicht schon bereits vor dem 17. Mai 1997 der menschlichen Ernährung im großen Maßstab dienten, werden als Novel Food bezeichnet. In vielen Ländern müssen diese Lebensmittel auch ihr nicht-allergenes Risiko unter Beweis stellen, wenn sie für den Markt zugelassen werden wollen. Dazu zählen auch die genetisch veränderten Lebensmittel.
Das IFST bemerkt dazu, dass im Gegensatz zu manchen chemischen Toxizitäten, das allergene Potenzial eines Proteins nicht vollständig vorhergesagt werden kann. Gerade von der Norm abweichende IgE-Antworten des Immunsystems sind so komplex, dass eine Risikoanalyse nur auf verschiedene Abschätzungsmethoden basieren kann.

Forschungen über Grenzwerte gibt es in den USA unter www.farrp.org und in Europa unter www.europrevall.org
Statement about Food Allergies: www.ifst.org

VLE

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