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Hier wächst die ENERGIE

Landwirtschaft

Biogastagung auf der Grünen Woche

> Die Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR) aus Gülzow wurde heute Vormittag von der Teilnehmerzahl an ihrer Tagung über Biogas überrascht. Trotz Umzug in einen größeren Saal, gab es eine Warteliste für die Teilnehmer, die sich nicht rechtzeitig angemeldet hatten. Damit spiegelt die Veranstaltung den Boom wieder, der zur Zeit für nachwachsende Rohstoffe existiert und vor allem für den Bereich des Biogas. Der Anteil regenerativer Energien stieg in Deutschland im Jahr 2003 von 2,9 auf 3,1 Prozent. Während das Potenzial für Wasserkraft bereits als ausgeschöpft gilt, bieten alle anderen Bereiche noch ausreichend Wachstumspotenzial, so Hauptgeschäftsführer Dr. Andreas Schütte von der FNR. Biogas liefert umgerechnet rund 1,1 Terrawattstunden Energie. Alle regenerativen Energien zusammen schaffen 44,31 TWh: die Hälfte durch Wasser, 18,5 TWh durch Wind, 1,7 TWh durch biogene Festbrennstoffe ? und danach kommt bereits das Biogas.
Die FNR stellt Bauern auch Tafeln zur Verfügung, die mit dem Slogan ?Hier wächst die ENERGIE? auf die neue Bepflanzung der Felder aufmerksam machen und informieren soll.

Biogas ist nicht neu
Prof. Dr. Hermann Schlagheck vom Verbraucherministerium führte zu Begin aus, dass Biogas alles andere als eine neue Energiequelle ist. Als Verwertung von Gülle kennt die Landwirtschaft die Technik bereits länger. Doch eine Ausweitung der Nutzung fand durch fehlende wirtschaftliche Rahmenbedingungen schnell ein Ende. Daher ist das Erneuerbare Energien-Gesetz, das Vergütungssätze für Strom liefernde Biomasse festlegt, nicht hoch genug zu bewerten. Vorteilhaft ist auch, dass bislang die gesamte Wertschöpfung in der Hand der Bauern liegt. Der Anbau der Rohstoffe und das Fahren der Anlagen fordern jedoch auch höhere Managementkenntnisse. Von den mittlerweile über 2.000 Anlagen sind die meisten jedoch dezentral für die Strom- und Wärmelieferung hofeigener Gebäude aufgestellt. Wärme für das Hallenbad anstelle für den Schweinestall sieht Prof. Schlagheck als zukünftige Herausforderung. Hoffnung setzt er auch in die mögliche Einspeisung des Biogas in das bestehende Erdgasnetz, auch wenn es technisch dafür erst noch aufbereitet werden muss. Seine Ministerium stellt für die Forschung und Förderung rund 350 Millionen Euro zur Verfügung. Allerdings sieht er auch eine ungünstige Tendenz: In viehstarken Regionen führt der Anbau nachwachsender Rohstoffe bereits zur Landverknappung und damit zu steigenden Pacht- und Kaufpreisen.

Vorteil Biogas
Dr. Schütte zählte die Vorteile des Biogas als Teil der erneuerbaren Energien auf: Es erzielt den Bauern ein zusätzliches Einkommen und verwertet Reststoffe, wie beispielsweise Gülle. Das Einkommen wird unabhängig von Agrarmärkten erzielt, erhöht die Vielfalt der bestehenden Fruchtfolgen und schützt Klima und Ressourcen. 1991 waren es gerade einmal 120 Anlagen, die es in der Bundesrepublik gab. Heute sind es über 2.150. Und es steigt nicht nur die Anzahl, sondern auch die Größe der Anlagen. Früher waren es meist weniger als 100 kW ? heute erzielen die meisten Anlagen Größenordnungen zwischen 300 und 500 kW. In Deutschland umfast die bebaute Fläche mit nachwachsenden Rohstoffen mittlerweile mehr als eine Million Hektar und ist mit damit größer als für Zuckerrüben und Kartoffeln zusammen.

Züchtung macht Spaß
Dr. Walter Schmidt von der KWS Saat GmbH aus Einbeck stellte in seinem Referat die Faszination Züchtung heraus, der die Pflanzenbauern bei den neuen Herausforderungen aus der Praxis erliegen. Mais erzielt heute einen Ertrag von rund 150 dt/ha. In zehn Jahren sollen es etwa 300 dt/ha sein. Das entspräche einem Biogaszuwachs von umgerechnet 5.000 auf 10.000 Kubikmeter/ha. Die Pflanzen müssen sich ?permanent und drastisch verändern?, so Schmidt.
Mais hat das Problem, dass das Massewachstum bei der Blüte aufhört. Bis dahin werden die Blätter als Assimilationsapparat kräftig ausgebildet und danach nicht mehr benötigt. Das Ziel der modernen Industriepflanze muss ein weiteres und höheres Massenwachstum sein, was durch die Verschiebung der Reife und Blüte zeitlich nach hinten erreicht werden kann. Daher nutzen die Züchter natürliche spätreife Sorten aus Frankreich und Italien, die allerdings wegen der Spätreife eine weniger intensive Jugendentwicklung haben: Die Blattmasse ist wegen der kälteren Temperaturen in Deutschland zu Beginn des Wachstums deutlich geringer. Mittlerweile haben die Forscher die deutschen und die mediterranen Linien gekreuzt und spätreife, kältetolerante Maislinien hervorgebracht. Diese über 10.000 Linien haben eine wüchsige Jugendentwicklung der Blätter. Zur weiteren Steigerung wurden dann peruanische Sorten aus der Ursprungsregion des Mais importiert. Der peruanische Mais ist bis zu 5 Meter hoch und hat im Durchmesser 16 cm kinderarmstarke Stängel. Das Jahr 2003 hat gezeigt, dass eine sehr trockene Witterung dem Mais schadet. Um das auszugleichen wurden nach der Masseentwicklung ungarische Maissorten eingekreuzt.
Trockentolerante Sorten sind die einzigen, die in Ungarn wachsen. Diese und noch in Deutschland ohne Düngung entwickelte ?low-input ? Sorten? mit einem sehr ausgeprägten Wurzelwerk bilden die variantenreiche Ausgangssituation für masseentwickelnde und auf Deutschlands Klima angepasste Industriepflanzen.
Die ersten Ernteergebnisse zeigten bereits Erträge von 260 dt/ha, wobei Spätreife und Kältetoleranz zusammen einwirken mussten. Nur Ein Faktor alleine konnte diese Ernten nicht erreichen. Wird in der Maiszüchtung auch die Vaterlinie entsprechend bearbeitet und kommen so beide Elterngenerationen aus diesen Hochleistungssorten, dann erreichen die Erntemengen bereits die 300 dt/ha, die erst in zehn Jahren dauerhaft anvisiert werden. Im intensiven Bewässerungsbau liegen die Maiserträge sogar bei 320 dt/ha. Damit liegt der limitierende Faktor des Ertrags nicht mehr in der Pflanze selbst begründet, sondern in der Wasserverfügbarkeit. Die Züchtung in Niedersachsen entdeckt sogar alte, fast vergessene Sorten wieder. Rübsen sind aus der marktorientierten Landwirtschaft fast verschwunden. Für die Biomasseproduktion wird sie erneut genutzt. Vor dem Winter können 5 ? 6 Tonnen Biomasse pro Hektar geerntet werden und die Pflanze treibt wieder aus, so dass im April eine zweite Ernte von noch einmal 8 Tonnen erzielt werden kann. Raps steht hingegen noch im Mai auf dem Feld und blockiert die Folgefrucht einen Monat länger.

Rahmenbedingungen für den Naturschutz
Florian Schöne vom Naturschutzbund Deutschland e.V. sieht in der Verwendung von nachwachsenden Rohstoffen die einzige Möglichkeit, das ehrgeizige Ziel den CO2-Eintrag bis 2050 um 80 Prozent zu reduzieren. Naturverträglichkeit muss durch Mais, Miscanthus, Raps, Erbsen oder Rübsen nicht ausgeschlossen sein. Allerdings macht es einen Unterschied, wenn nachwachsende Rohstoffe in ausgeräumten Bördelandschaften angebaut werden und dort die Vielfalt der Landwirtschaft und Natur erhöhen, oder ob beispielsweise Niedermoorstandorte extra für den Anbau umgebrochen werden müssen. Das gilt es auf jeden Fall zu verhindern. Unter diesen Bedingungen kann der Flächenanteil in Deutschland auf 2,5 Millionen Hektar anwachsen. Auf den Flächen mit Miscanthus-Gras gibt es sogar eine höhere Anzahl Vögel, als in manch anderer Kultur. Mischkulturen von Energiepflanzen sind durchaus positiv zu bewerten, wenn auch auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Mineraldünger verzichtet wird. So genannte Kurzumtriebsplantagen, die Biotope als Randstreifen mit Energiepflanzen vernetzen, erhöhen die Vielfalt der Kulturlandschaft, so der Naturschützer. Zwei Ausschlüsse muss er allerdings auch deutlich formulieren: Der Anbau nachwachsender Rohstoffe darf nicht zu einer Degradierung des Bodens durch intensive Bearbeitung führen und die Verwendung von gentechnisch veränderten Pflanzen bedeute ?den Teufel mit dem Beelzebub austreiben?. Dies gefährde das positive Image der Biomassepflanzen. Die Energiewende auf dem Acker gehört für ihn zur Agrarwende, die mit der laufenden Reform durchgeführt wird.

Energiepflanzen gehören in die Fruchtfolge
Prof. Dr. Konrad Scheffer von der Universität Kassel prophezeit sogar 4 Millionen Hektar Energiepflanzenanbau in Deutschland, was rund ein Drittel der Ackerfläche bedeuten würde. Die Energiepflanzen eignen sich hervorragend als Zweitpflanze für die Felder und erhöhen die Vielfalt der Landwirtschaft, die überwiegend, auch in manchem Ökoanbau, Getreide als Leitkultur aufweist. Bodenerosion wird vermieden, weil die Saat direkt in die Stoppeln der Vorfrucht gelegt werden kann. Zu den erlaubten Mitpflanzen zählen in der Biomassekultur auch die ansonsten unbeliebten Unkräuter und Ungräser, sofern sie mitgeerntet werden, bevor die Samen reif werden. Es zählt ja nur die Biomasse. Daher müssen die Unkräuter nicht mit chemischen Mitteln bekämpft werden, sondern werden mitgenutzt. Nur bei Klettenlabkraut, das die Ernte erschwert und bei Windhalm, der im Folgejahr ganze Getreidefelder vernichten kann, müssen Ausnahmen gemacht werden.
Energiemais hat mit den Entwicklungen der KWS auch ganz andere Vorteile. Spätreife Sorten wachsen länger und nehmen daher mehr Stickstoff während der Vegetationszeit aus dem Boden auf. Es verbleiben zudem auch keine Pflanzenreste mehr auf dem Feld, die eingearbeitet werden müssen. Dabei mineralisiert ansonsten der Stickstoff und wird in der Regel im Winter in das Grundwasser eingetragen. Energiepflanzen lösen dieses ökologische Problem auf ökonomische Art, fasst Dr. Scheffer zusammen.
Die KWS zeigt auch in vielen Versuchen, dass Energiemais zusammen mit Sonnenblumen angebaut werden kann. Die positiven Wirkungen aus diesem Mischanbau sind noch gar nicht alle erforscht, sagt Scheffer. Es gibt dabei ein gehöriges Potenzial der Selbstregulierung bei Schädlingen und Unkräutern, was den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln unnötig macht. Allerdings hat er noch eine Warnung parat: Die momentane Euphorie darf die Bauern nicht gutgläubig werden lassen: Biogasanlagen, die 5.000 Euro pro kW kosten sind keine lohnende Investition. Da muss mittlerweile scharf gerechnet werden.

roRo

[Sie können sich alle bisherigen Artikel zur Grünen Woche im Archiv mit dem Stichwort ?IGW 2005? anzeigen lassen.]

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