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Hunger endet nicht von allein

Landwirtschaft

SARS-CoV-2 verschärft den Hunger in der Welt

Der aktuelle Bericht der FAO zum Hunger in der Welt schreibt neue Zahlen. Gegenüber 2018 hungern mit 690 MillionenMenschen rund zehn Millionen mehr im vergangenen Jahr. In den vergangenen fünf Jahren sind 60 Millionen Hungernde dazugekommen. Seit 2014 steigenden die Hungerzahlen wieder und lassen sich vor allem in den Ländern fest machen, in denen Bürgerkrieg und bewaffnete Konflikte herrschen. Lebensmittelkosten, die über dem verfügbaren Einkommen liegen und unzureichender Zugang zu Nahrung  verursachen zudem Millionenfache Fehl- und Mangelernährung.

Hunger und die Pandemie

Der Bericht von FAO, der Weltgesundheitsorganisation WHO, UNICEF, dem World Food Programme (WFP) und dem Internationalen Fonds für Landwirtschaft (IFAD) warnt, dass fünf Jahre nach der Erklärung der Agenda 2030 den Hunger in der Welt bis 2030 zu beenden (Sustainable Developement Goal SDG 2), das Ziel verfehlt werde. Zumal die Pandemie den Hunger in der Welt verschärft. Das Virus bedroht weitere 130 Millionen Menschen durch soziale Lücken und Arbeitslosigkeit, die in mangelnder Nahrung enden.

In Asien hungern mit 381 Millionen die meisten Menschen, in Afrika (250 Millionen) steigt die Rate weltweit am schnellsten. Es folgen Südamerika und die Karibik mit 48 Millionen Hungernden. Hunger und Mangelernährung verursachen weltweit Kosten in Höhe von 1,3 Billionen US-Dollar im Jahr 2030. Das zeigt nach Ansicht der WHO die Dividende, die das Beenden der Unterernährung, sein kann.  Zumal kalorisch weltweit genug Nahrung erzeugt wird. Lösungen sind Länder- und sogar regionalspezifisch zu finden, heißt es im Bericht. Aber die Verantwortung für eine Transformation des gesamten Ernährungssystems liegt in der Weltgemeinschaft. Handel muss fairer werden, Investitionen müssen in Ernährungs- und Umweltziele fließen. Einfache Dinge wie Lagermöglichkeiten, Infrastruktur und Transportkapazitäten müssen ausreichend aufgebaut werden.

Hunger folgt Armut

Hunger und Mangelernährung sind ein Ergebnis des Lebens unterhalb oder an der Armutsgrenze von 1,90 US$ pro Tag, folgert die Entwicklungsagentur Oxfam. „Angesichts der dramatischen neuen Zahlen kann es in der Hungerbekämpfung kein ‚Weiter so‘ mehr geben“, kritisiert Oxfams Agrarexpertin Marita Wiggerthale. „Diese Hungerkrise wird nicht durch schlechte Ernten, sondern durch schlechte Politik befeuert. Globalvorhaben wie die Grünen Innovationszentren, das Leuchtturmprojekt von Minister Müller, sind wenig geeignet, um die Zahl der Hungernden zu verringern. Entwicklungsminister Müller sollte eine Kurskorrektur vornehmen und Agrarökologie in den Mittelpunkt seiner Hungerbekämpfung auf dem Lande stellen.“

Kleinbauern werden abgehängt

Philipp Mimkes, Geschäftsführer der Menschenrechtsorganisation FIAN Deutschland, kommentiert: „In Ländern des Südens werden rund zwei Drittel aller Nahrungsmittel von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern produziert. Diese werden seit Jahrzehnten in unfruchtbare und abgelegene Gebiete abgedrängt und einem unfairen globalen Wettbewerb ausgesetzt. Die Politik muss endlich umsteuern – weg von konzerndominierten Ernährungssystemen hin zu einer Politik, die die Bedürfnisse von Landwirten und hungernden Menschen ins Zentrum stellt. Wir müssen endlich begreifen, dass Hunger kein Schicksal ist! Hunger ist meist ein Resultat von Diskriminierung und Ausgrenzung“, so Mimkes. Ein Mix aus nationalen Politiken und internationalen Abkommen privilegiert heute einseitig industrielle und konzerndominierte Ernährungssysteme: inputintensive Landwirtschaft, sehr lange Versorgungsketten, globaler Handel, Investitionsabkommen oder marktbasierte Antworten auf die Klimakrise. Auch die aktuellen Corona-Maßnahmen fördern einseitig die industrielle Lebensmittelversorgung.

Hungerprävention beginnt vor der Haustür

„Wir brauchen eine Wiederbelebung lokaler Produktions- und Wirtschaftskreisläufe, um globalen Abhängigkeiten zu entkommen", fordert Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von Misereor. „Wenn wir das SDG 2 noch erreichen wollen, ist ein Weiter-wie-bisher keine Option.“ Um eine gute Ernährung für alle zu ermöglichen, müsste weitaus stärker als bisher auf so genannte holistische Ansätze wie die Agrarökologie gesetzt werden. Diese zielen zum Beispiel darauf, dass sich Gemeinschaften aus lokal verfügbaren Ressourcen selbst versorgen können. Und dass Lebensmittel im Einklang mit der Natur erzeugt werden, um dem Klimawandel gegenüber möglichst widerstandsfähig zu sein. Der UN-Bericht mache die Notwendigkeit der Transformation deutlich: Drei Milliarden Menschen können sich keine ausreichend gesunde Ernährung leisten. Die FAO benennt unter anderem die fehlende Vielfalt im Anbau,  Herausforderungen in den Lieferketten und Handelspolitik als Kostentreiber.

Entwicklungsminister Gerd Müller ist der einsame Rufer in der Wüste: „Nicht nur Krisen und Plagen, auch der Klimawandel und gewaltsame Konflikte zerstören die Lebensgrundlagen der Menschen. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit hat im Zuge des Corona-Sofortprogramms kurzfristig 200 Millionen Euro für Ernährungssicherung mobilisiert. Und wir werden dieses Engagement zusammen mit unseren Partnern weiter substanziell ausbauen. Unsere Sonderinitiative „Eine Welt ohne Hunger“, mit der wir schon jetzt die Ernährungslage für Millionen von Menschen verbessern konnten, werden wir auch im Jahr 2021 aufstocken.“ Für das wenige Geld musste er im Bundestag betteln gehen [1].

Lesestoff:

[1] https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/wir-duerfen-nicht-nur-an-uns-denken.html

Roland Krieg

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