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Hunger: Wege aus der Sackgasse

Landwirtschaft

Fokus ländlicher Raum

Der von der FAO vorgestellte Welthungerbericht ist eindeutig: Im Jahr 2009 hungern 1,02 Milliarden Menschen oder sind mangelernährt. Seit 1970 ist das die höchste Zahl an hungernden Menschen und wenn sich nichts Entscheidendes ändert, wird das Millennium Entwicklungsziel, die Zahl der Hungernden bis 2015 auf 420 Millionen Menschen zu reduzieren, nicht erreicht. So das Fazit der UN Ernährungsorganisation.

Viele Wege statt einer Einzellösung
Nicht nur seit Jahren, sondern seit Jahrzehnten „gewöhnen“ wir uns an diese Meldungen. Und solange der Norden satt ist, scheint der Siedepunkt für eine Politikumkehr noch nicht erreicht.
Die absolute Zahl der Hungernden ist seit 40 Jahren relativ konstant geblieben, die Relation zur Gesamtbevölkerung ist verbessert: 1970 gab es insgesamt nur 3,3 Milliarden Menschen, heute sind es doppelt so viele.
Dazwischen lag die so genannte „Grüne Revolution“. Der kürzlich verstorbene Agrarwissenschaftler Norman Borlaug legte mit seinem „Mexikoweizen“ Anfang der 1960er Jahre den Grundstein für eine Verdreifachung des Ertrages innerhalb von 10 Jahren. Borlaug hatte dem Weizen ein Gen zum Zwergwuchs eingesetzt, so dass der Halm schwerere Ähren tragen konnte. Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre haben die verbesserten Sorten nach gängiger Meinung eine akute weltweite Hungerkrise verhindert.
Das mag Dr. Jaques Diouf, Generaldirektor der FAO, im Hinterkopf gehabt haben als er nach dem Treffen des High Level Expert Forum am 13. Oktober sagte: „Landwirtschaft wird keine andere Wahl haben, als produktiver werden zu müssen.“ Der Ökolandbau, so Diouf weiter, hilft, Hunger und Armut zu verringern, sollte daher weiter gefördert werden, „kann jedoch nicht die schnell wachsende Bevölkerung allein ernähren.“ 2050 werden 9,1 Milliarden Menschen auf der Erde sein.
Die Folgen der Grünen Revolution, Überdüngung, Monokultur und Überschuldung, weil sich die Bauern die Betriebsmittel nicht leisten können, hatte die Menschenrechtsorganisation FIAN Anfang dieser Woche im Fokus, als sie die Abkehr von der intensiven Landbewirtschaftung forderte.
Die Zeit zwischen 1970 und heute hat gezeigt, dass ausreichend Nahrungspotenzial vorhanden ist – aber schlecht verteilt oder ökonomisch unerreichbar. Der aktuelle Welthungerindex der Welthungerhilfe weist Länder aus, die ihre Ernährungssituation in den letzten zehn Jahren haben verbessern können: Kuwait, Tunesien, Fidschi, Türkei, Angola, Ghana, Nicaragua und Vietnam.
Hingegen gibt es Länder, die sich noch einmal verschlechtert haben: Äthiopien, Kongo, Eritrea, Sierra Leone, Burundi und der Tschad.
Es geht also – aber offenbar nicht überall.

Der Norden ist nicht alleine „schuld“
Die wachsende Ernährungsunsicherheit ist nicht durch Mindererträge entstanden, so der Welthungerbericht, sondern durch hohe Lebensmittelpreise in den heimischen Märkten, zu niedrige Einkommen und gestiegene Arbeitslosigkeit. Die Finanzkrise dürfe aber nicht als Ausrede gelten, denn die FAO weist darauf hin, dass schon vor der Finanz- und Lebensmittelpreiskrise die Nahrungsunsicherheit angestiegen ist. Das zeigt nach Interpretation der FAO, dass die bis dahin eingeschlagenen Wege der Entwicklungshilfe ineffektiv waren.
„Die Ideologie der neoliberalen Globalisierung ist gescheitert“, kommentiert Heike Hänsel, entwicklungspolitische Sprecherin der Linken, den FAO-Bericht. Aber günstiger als in Brasilien kann kaum ein anderes Land Biodiesel herstellen, der Mittlere Osten wird kaum mehr in der Lage sein, sich selbst zu ernähren und ist auf Importe und Vertragsanbau angewiesen.
„Foreign Direct Investment“ (FDI) und Vertragslandwirtschaft können richtig ausgestaltet eine Hilfe für den ländlichen Raum sein. Das stellte die UN-Organisation für Handel und Entwicklung UNCTAD in Berlin vor.
Wer über die Ernährungskrise redet, rede über Macht, sagte Flavio Valente, Generalsekretär von FIAN im Sommer in Berlin: Wer auf kleinen Betrieben Wohlstand erzielen will, müsse die Lebensmittelpreise hoch setzen. Dazu brauche man in den Städten höhere Löhne und weniger Arbeitslosigkeit.
Die Machtfrage stellt sich aber nicht nur in Europa und Nordamerika. „Good Governance“ vor Ort ist genauso wichtig, sagen afrikanische Nichtregierungsorganisationen. Menschen in Demokratien und sozialer Marktwirtschaft hungern weniger.

Welt-Landfrauentag
Heute ist Welt-Landfrauentag und der Deutsche Landfrauenverband hat zur Unterstützung der Bäuerinnen aufgerufen: „Erfolge bei der weltweiten Bekämpfung von Armut und Hunger können nur durch eine effektive Unterstützung der Landfrauen und deren Projekte erzielt werden“, erklärt Präsidentin Brigitte Scherb. 80 Prozent der Nahrungsmittelproduktion liegen in den Händen von Frauen, in einigen afrikanischen Ländern sind 60 Prozent der Frauen allein für den Familienhaushalt zuständig. Trotzdem fehle ihnen der Zugang zu Bildung, Landbesitz und Krediten.
Das Frauen der Schlüssel beim Kampf gegen den Hunger zukommt, teilt auch die Welthungerhilfe. Der Welthungerindex ist mit den Daten aus dem Global Gender Gap Index von 2008 korreliert. Darin geht es um die vier Punkte „wirtschaftliche Teilhabe, Bildung, politische Teilhabe und Gesundheit“. Dort wo die Alphabetisierungsrate bei Frauen hoch ist und sie einen schlechteren Zugang zu Bildung haben, ist auch der Hunger am größten. Hohe Hungerquoten sind auch mit ungleichen Gesundheitsbedingungen verknüpft.

Die wirkliche Bedrohung kommt erst noch
Derzeit gibt es also wohl noch Lösungen, den Hunger zu besiegen, aber Jacques Diouf bemerkt, dass die Zeit knapp wird: Der Klimawandel könnte die landwirtschaftlichen Erträge in Afrika um 30 Prozent, in Asien um 21 Prozent senken. Hinzu kommt, dass Bodenwissenschaftler seit Jahren klagen, dass die Menschheit jährlich etwa 20 Millionen Hektar Land veröden lässt: Versalzung und Erosion sowie Schwermetalle zerstören Böden unwiderruflich und sind hausgemacht. Und dabei, so wieder Diouf, muss die landwirtschaftliche Produktion um 70 Prozent gesteigert werden, um alle neun Milliarden Menschen zu ernähren.
Wenn diese Schere zu weit auseinander gegangen ist, bleibt für Diskussionen um FDI, Ökolandbau oder Demokratie keine Zeit mehr.

Lesestoff:
Den Welthungerbericht finden Sie unter www.fao.org
Den Welthungerindex gibt es bei www.welthungerhilfe.de
Informationen zu Landfrauen gibt es bei www.landfrauen.info
NRW verfolgt einen kommunalen Ansatz für die Entwicklungshilfe.

Roland Krieg

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