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"Ich will mit Milch Geld verdienen"

Landwirtschaft

Ein Brandenburger Bauernhof

>"Der Milchpreis ist seit langem unter Druck." Brandenburgs Agrarminister Dr. Dietmar Woidke beschreibt düstere Aussichten. Schon auf dem Bauerntag in Rostock legten alle Marktbeteiligten ihre Positionen dar, dass jeweils der andere etwas tun muss: Der Bauer mit mehr Quotendisziplin, die Molkerei mit höheren Preisen, der Handel mit weniger Wettbewerb und der Verbraucher mit ehrlichem Einkauf. So lud Dr. Woidke in der Agrargenossenschaft Ranzig im Kreis Oder-Spree, rund 90 Kilometer südlich von Berlin, zu einem Milchgipfel mit Bauern, Handel und Verarbeitern, der keine neuen Erkenntnisse brachte, aber den Anfang machen könnte, für regelmäßige Treffen. Denn leicht lässt sich die mehrarmige Waage auf dem Milchmarkt nicht ins Gleichgewicht bringen.

Kostendeckend reicht nicht
Am erkenntnisreichsten war das schlichte Bekenntnis eines Bauern gewesen, der nichts anderes leisten möchte, als mit Milch Geld verdienen zu wollen. Fast schon als wenn es etwas unverschämtes sei. Vor einigen Jahren erhielt noch 34,1 Cent pro Kilogramm Rohmilch, was einen Gewinn vor Steuern in Höhe von 5,5 Cent je kg mit sich brachte. Davon zahlte er seine Investitionen und die Arbeit. Heute bleiben nur noch 29,7 Cent je kg und er produziert damit Verluste.
Gleichzeitig stiegen die Energiekosten um 20 und die Kosten für Medikamente um 50 Prozent, ohne das er davon jeweils mehr verbraucht. Die Förderung für den Silomais ist die einzige Beihilfe der Milchbauern.
Seine Forderung, nicht nur an die Berufsvertretung, ist kein kostendeckender Preis, sondern einer, der auch Gewinn abwirft. Das muss das Ziel sein, um investieren zu können. Er sieht Erzeuger, Handel und Verarbeiter mit gleichen Interessen ausgestattet: an der Milch verdienen zu wollen. Aber es funktioniert nicht.
Ganz marktwirtschaftlich fordert er: Wenn, da in Zukunft die Quoten weiter steigen werden, die Menge den Preis bestimmt, warum passt man dann die Menge nicht dem Bedarf an? Damit zielte er auf die 120 Prozent Eigenversorgung in der EU. Seine Kritik wird aber noch deutlicher: Ausgleichszahlungen sollen nicht ausgegeben werden, "um Betriebe am Leben zu erhalten, sondern um Lebensmittel zu produzieren." Der Bauernverband schätzt die bestehende Zuckermarktordnung und die durch die Änderung hervorgerufenen Proteste deswegen höher ein, weil man mit Zuckerrüben Geld verdienen kann - mit der Milch nicht.

Dörfliche Großstruktur
Bernhard Groß, geschäftsführender Vorsitzender der Agrargenossenschaft Ranzig eG führte vor dem politischen Zusammentreffen über seinen Hof. 1.267 ha Ackerland, 100 Hektar Grünland und 325 Hektar Grünland von der Mutterkuhhaltung und Rindfleisch GmbH. Die Fläche erstreckt sich über sechs Gemeinden und weist mit 26 Bodenpunkten die gefürchteten Brandenburger Skatböden auf (18, 20, -). Bei einer durchschnittlichen Ackerzahl von 26 (die besten Böden rund um Magdeburg und der Köln-Bonner Bucht haben 100) und 520 mm Niederschlag ist der Betrieb ein typischer Grünlandbetrieb. Zu den 600 Milchkühen hält er jedoch noch 500 Sauen und 2.500 Mastschweine. Dafür gibt es eine eigene Landfleischerei mit Geschäften in Ranzig, Frankfurt/Oder und Fürstenwalde sowie einem Verkaufswagen. Für das Dorf und die Umgebung ist die Agrargenossenschaft der Mittelpunkt und bietet 55 Arbeitsstellen, 12 in der Landfleischerei und 16 Ausbildungsplätze.
In der baulich eingeordneten Industriehalle befinden sich die Milchkühe auf Tiefstreu mit großem Bewegungsangebot. Die Tiere sind erstaunlich ruhig und mustern die Pressevertreter, die in einem großen Haufen durch den Stall geführt werden - keine Aufgeregtheit, keine Scheu. Sie tun das, was die Bauern von ihnen erwarten: sie kauen wieder.

Spitzenleistung
Die Futterration ist der Leistung und der modernen Wissenschaft angepasst: Mais- und Luzernesilage sowie Biertreber sorgen für Energie und Protein. Fett und Rapsschrot sind so eingekapselt, dass der Pansen es nicht auflösen und verdauen kann. Sie gelangen bis in den Dickdarm, denn dort wirkt es am effektivsten. Traditionelles Grundfutter ist mit 0,7 kg Stroh wenig vertreten. Anders sind allerdings Tagesleistungen von durchschnittlich 29 kg Milch pro Tier nicht möglich. Die aktuelle Spitzenleistung liefert Nr. 663 mit 16.200 kg Milch in 330 Melktagen.

Spitzentechnik
Zwei Männer können alle Kühe in der Zeit zwischen 04:00 und 07:30 sowie 15:00 bis 18:30 melken. Dafür gibt es ein eigenes Gebäude, in dem ein Melkkarussell untergebracht ist. Es hatte ein paar Tage gedauert bis sich die Tiere daran gewöhnt haben, aber mittlerweile wird reibungslos gemolken. 36 Kühe kommen in das Karussell, dass elf Minuten für eine langsame Runde braucht. Ein Melker bereitet das Tier mit Stimulation und Vormelken vor, der Kollege steht am Ende des Kreises und sorgt nach. Da der Schließmuskel der Zitze durch das Melken geöffnet wird, werden die Spitzen mit einer Jodlösung gedippt. Ein kleiner Film sorgt dafür, dass keine Bakterien hineingelangen. Bernhard Groß ist stolz, dass hier noch ganz traditionell von Hand gedippt wird.
Kühe mit hoher Milchleistung brauchen länger als elf Minuten Rundfahrt. Vier Plätze, bevor das Tier eigentlich wieder raus sollte, aber immer noch gemolken werden muss, verringert sich die Drehgeschwindigkeit um 50 Prozent und bleibt schließlich ganz stehen, wenn auch das noch nicht ausreichen sollte.
Die Melkwerkzeuge werden mit Klarwasser, Desinfektion und Luft gereinigt, bevor es wieder an die nächste Kuh kommt. Damit werden nach Betriebsangaben 99,7 Prozent aller Keime getötet. Der Erfolg hängt an der Stallwand: Die Deutsche Landwirtschaftliche Gesellschaft (DLG) hat der Agrargenossenschaft Ranzig das "Weiße Band der Milch-Elite" verliehen. Das gibt es nur für fünf hintereinander liegende Jahre mit ausgezeichneter Qualität. Im Gegensatz zu vielen anderen Betrieben, scheinen Eutererkrankungen keine Rolle zu spielen. Nur ein Prozent der Tiere leidet darunter, was sich in der Milch mit der außergewöhnlich niedrigen Zellzahl von 235.000 wieder spiegelt.
Die Tiere werden während des Melkens genauestens kontrolliert: Für den Stall haben sie einen Schrittzähler, dessen Ergebnis mit dem elektrischen Leitwert der Milch und der Gesamtmenge verglichen wird: Alle drei Parameter geben einen ersten Hinweis darauf, wann eine Kuh zu rindern beginnt. Die Endkontrolle liegt natürlich beim Menschen, bevor der Besamungstechniker gerufen wird.
Das saubere Melkhaus, die Tiere und ein kleines Büro mit Computer spiegeln die Anforderungen an den modernen Bauern wieder: Biologie und Technik erfordern hohe Qualitäten an die Fähigkeiten der Mitarbeiter - und Bedarf an guten Landwirten gibt es immer, sagt Bernhard Groß.
Gegenüber Herd-und-Hof.de verriet der Vorsitzende auch, dass seine Tiere etwa 4,2 Laktationen lang genutzt werden. Der Bundesdurchschnitt liegt bei etwa 2,6 Jahren. Auch wenn die Tiere nicht raus auf die Weide kommen - unglücklich sahen sie nicht aus.

Bauernsorgen
Bernhard Groß hatte im Stall verschieden gefüllte Behälter vorbereitet: Um sich in einer Dorfschänke einen halben Liter Bier leisten zu können, muss er 10 Liter Milch auf seinem Hof gewinnen. Für ein Maß auf dem Münchener Oktoberfest müssen es schon 30,7 Liter sein. Und 29,3 Liter schafft seine Durchschnittskuh pro Tag.
Die großen Betriebe haben die gleichen Sorgen wie die kleinen Betriebe. Und offenbar gibt es Märkte, in denen die Menge eines Produktes seinen schwachen Preis nicht mehr ausgleichen kann. In Ostdeutschland sind die großen Betriebe dörfliche Realität und fester Bestandteil des Arbeitslebens.
Nur die Verwaltung schlägt überall gleichmäßig zu, ob großer oder kleiner, ob konventioneller oder ökologischer Betrieb: Der Feuermelder in der Tierhalle hatte zu Beginn eine allseits bekannte rote Fassung um den Knopf, der tief gedrückt werden müsste. Den hat das Bauamt aber nicht abgenommen, weil die rote Fassung nur für die Melder gültig ist, die mit dem Verwaltungskreis verbunden sind. Also musste Bernhard Groß die Fassung in eine blaue tauschen. Als wenn es sonst nichts gäbe.

roRo

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