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In jeden Topf ein Huhn

Landwirtschaft

Broiler: Verbesserte Haltung reicht nicht aus

Als Herbert Hoover 1928 den Amerikanern bei der Präsidentschaftswahl „ein Huhn in jeden Topf“ versprach, war die Bedeutungsentwicklung der Hühner noch nicht absehbar. Heute ist Huhn in den USA das meist verzehrte Fleisch und platziert sich in Deutschland hinter Schweinefleisch auf den zweiten Rang.
Das hat einen Grund: In kurzer Zeit können viele Tiere auf engem Raum gehalten werden. Ein Masthähnchen wird bereits nach 40 Tagen geschlachtet.

Lahmendes Geflügel
Diese Möglichkeiten haben dazu geführt, dass weltweit über 20 Milliarden Broiler in vergleichbaren Industrieanlagen gehalten werden. Die heute im PLoS veröffentlichte britische Studie hat dabei gezeigt, dass ein Bündel von Parametern auf das Fundament der Tier, ihre Beine, negative Auswirkungen hat: Toby Knowles, Veterinärmediziner der Universität Bristol kommt im Auftrag des Ministeriums für Umwelt, Ernährung und Ländlichen Raums zu dem Ergebnis, dass 27,6 Prozent der untersuchten Broiler eingeschränkte Bewegungsabläufe aufweisen und 3,3 Prozent sich kaum noch auf den Füßen halten können.

Pododermatitis
Eine der häufigsten Fußerkrankungen bei Puten und Broilern ist die Fußballendermatitis oder auch Pododermatitis. In Schweden und Dänemark dienen auf dem Schlachthof solche Fußballenläsionen in einem Monitoringprogramm als Qualitätsmerkmal für die Haltung. Jutta Berg von der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft hatte im vergangenen Jahr eine Arbeit zur Gesunderhaltung der Broilerzehen veröffentlicht. Dabei spielte die Einstreu eine Rolle. Bei Stroh und Holzspänen tritt die Pododermatitis häufiger als bei feiner Einstreu auf, weil die Wasseraufnahme und Härte der Einstreu dort am größten ist.
Nach: Landbauforschung Völkenrode 2/2007 (57): 171-178

Mit Hilfe von Betriebsbesichtigungen, Videoanalysen und einem Fragebogen für die Betriebsleiter wurden 51.000 Tiere untersucht und Haltungsparameter ermittelt, die auf den Bewegungsapparat Einfluss haben. Freiwillig haben fünf große Masthähnchenhalter in England teilgenommen, die über 50 Prozent der britischen Broiler produzieren. Die repräsentative Studie hat zum ersten Mal die Auswirkungen von Haltungsparametern in konventionellen Systemen dargelegt, um Risikofaktoren zu ermitteln, Beinkrankheiten zuvorzukommen. Eine Selektion beinkranker Tiere hat zu keiner Verbesserung der Herdengesundheit geführt.

Licht, Futter und Populationsdichte
Wie auch in anderen Studien vorher haben die Engländer einen saisonalen Einfluss auf die Beinschwäche gezeigt. Im März sind die Herden gesünder als im September. Mit zunehmendem Alter werden die Fundamente anfälliger. Die Veterinäre bedienten sich dabei einer Skala von 0 (vollständig normal) bis 5 (unfähig aufrecht zu stehen). Werden ganze Weizenkörner verfüttert, dann verbessern sich die Haltungsnoten, weil die Tiere langsamer verdauen und weniger zunehmen.
In der Masthähnchenhaltung gibt es ein breit angewandetes Lichtregime zwischen einer und 8,5 Stunden Abdunkelung in einer 24-Stunden-Periode. Jede Stunde mehr Dunkelheit verbessert die Standfestigkeit, weil die Tiere in dieser Zeit weniger fressen. Mit jedem zusätzlichen Kilogramm Geflügel auf einem Quadratmeter nimmt die Bewegungsfähigkeit des Fußapparates ab. Allerdings nicht, weil die Tiere nicht genug Bewegung hätten, sondern weil die Ammoniakkonzentration und die Feuchtigkeit der Einstreu Beinschwächen hervorrufen.

Hauptfaktor Zucht
Eine Verbesserung der Faktoren wirke, so die Studie, immer negativ auf die täglichen Zuname und damit auf die Produktivität. In den vergangenen Jahrzehnten stand in der Zucht einseitig die Ökonomie im Vordergrund, die Produktionskosten zu reduzieren. Die Wachstumsrate hat sich in den letzten 50 Jahren bei den Broilern von 25 auf 100 Gramm am Tag verdreifacht. Außerdem sind dicke Hähnchenbrüste bei den Haltern gefragt. Vor 20 Jahren hatte das Brustfleisch lediglich einen Anteil von zehn Prozent am Schlachthuhn. Heute sind es bereits 21 Prozent und Züchter John Hardiman aus Arkansas prognostizierte im National Geographic sogar 30 Prozent für die Zukunft. Dabei werden die Tiere nicht wesentlich größer.

Vorschriften Masthühner
Die EU hatte bereits 2005 einen Entwurf zur Haltung von Masthühner vorgelegt, weil dieser Bereich ohne Schutzbestimmungen für die Tiere gewesen ist. Im Mai 2007 wurde er angenommen. Ab 500 Mastplätze dürfen in zwei Schritten nur noch 33 bzw. 39 kg Geflügel auf einem Quadratmeter gehalten werden. Bei besonders guter Haltung sind 42 kg erlaubt.
Der Tierschutzbund hatte das als faulen Kompromiss bezeichnet, weil 42 kg Geflügel letztlich 26 Tiere auf einem Quadratmeter bedeuten. Aus Tierschutzgründen dürfe eine Besatzdichte von 25 kg nicht überschritten werden.
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Letztlich mündet dann auch der Verbraucherwunsch nach Chicken Nuggets darin, dass heute die meisten konventionell gemästeten Tiere aus nur noch zwei Zuchtlinien stammen. Eine von den beiden in England verwendeten Zuchtlinien kann die Standfestigkeit der Tiere verbessern. Im gleichen Ausmaße wie die Reduzierung der Tierdichte auf 18.5 kg/m2. So kommt Dr. Knowles zu dem Schluss: “Unsere Forschung hat gezeigt, dass der größte Risikofaktor für Beinschwächen und -krankheiten bei den Parametern liegen, die mit der Wachstumsrate verbunden sind.“

Grundlage: robustere Rassen
Zwischen den Betrieben und zwischen den Betriebsbesuchen zeigt die Statistik Unterschiede, so dass der Komplex Beingesundheit nicht durch einen Parameter allein verbessert werden kann. Für eine Balance zwischen ökonomischen Bedürfnissen und moralischen Verpflichtungen könne die EU-Mindestvorschrift zum Schutz von Masthühner aus dem Mai 2007 sorgen, so die Studie. Damit hätte die EU den Ernst der Lage erkannt und Besatzdichten jenseits von 39 kg/ m2 ab 2010 verboten. Darüber hinaus sehen die englischen Veterinäre in der Haltungsbestimmung einen Anreiz für Züchter, robustere Rassen zu verwenden. Das halten sie auch deswegen für wichtig, weil die meisten Verbraucher die Haltungsbedingungen für Mastgeflügel noch immer nicht genau kennen.

Lesestoff:
Die Studie ist heute online in der Public Library of Science (PLoS) erschienen: Knowles TG, Kestin SC, Haslam SN, Brown SN, Green LE et al. (2008): Leg Disorders in Broiler Chickens: Prevalance, Risk Factors and Prevention. PLoS ONE 3(2):e1545.doi10.1371/journal.pone.0001545 (www.plosone.org)

Roland Krieg

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