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„Innovationen erfordern Mut“

Landwirtschaft

BLE-Innovationstage in Bonn

Zum siebten Mal bereits stellte die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) auf einer Tagung in Bonn die neueste Forschung für die Landwirtschaft vor. Zum ersten Mal ist mit Julia Klöckner die oberste Ressortleitung vertreten gewesen. „Es geht um Innovationen zum Nutzen der Pflanzenproduktion, der tierischen Erzeugung und zum Nutzen der Landwirtschaft insgesamt, sagte BLE-Präsident Dr. Hanns-Christoph Eiden zu Tagungsbeginn. Vor allem aber erfordern Innovationen Mut, Durchführungskraft und den Willen, sie umzusetzen.

Beispiele wie der erste Rebenvollernter für Steillagen, weil es immer schwieriger wird, Arbeitskräfte für die aufwendige Handlese zu finden, oder neue Software für die Marktinformationen zum Milchmarkt, aber auch Reformulierungsinnovationen, wenn das Teigstück Berliner mit Weizenfaser 20 Prozent weniger Fett für seine Herstellung braucht und die digitale Erkennung von Lebensmittelm für die sichere Herkunftskennzeichnung sowie intelligente Verpackungen, die Verbrauchern die Frische ihrer Ware anzeigen, sind Abbilder von Innovationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Die über die BLE realisierte Innovationsförderung gilt als Fortschrittsmodell, Neues auszuprobieren und bis zur Marktreife zu entwickeln. Alleine das Dürrejahr 2018 hat gezeigt, dass die Optimierung von Ressourcen in der landwirtschaftlichen Produktion eine ständige Aufgabe ist. Von insgesamt 1.800 eingereichten Projekten wurden 600 Verbundprojekte in den vergangenen sieben Jahren realisiert. Dazu waren 350 Millionen Forschungsgelder notwendig.

Julia Klöckner wies in ihrer Rede auf den Etat des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft hin. Darin steckt mit mehr als 900 Millionen Euro der viertgrößte Forschungsetat aller Bundesressorts.  Obwohl Geld wichtig ist, beginnt „Innovation im Kopf“, betonte Klöckner und wandte sich in ihrer programmatischen Rede zum Thema Innovation gegen die Forschungsvorbehalte, die in gesellschaftlichen Diskussionen immer wieder hervorgebracht werden. Die Streitereien über neue Züchtungsmethoden, der Vergleich der pfluglosen Bodenbearbeitung mit Gylphosat gegen die wendende Bodenbearbeitung mit mehreren Spritzanwendungen ermüden aus Sicht der Ministerin auch die Forscher. Oft berichten sie gar nicht über ihre Erkenntnisse, weil das „Sender-Empfänger-Modell“ nicht mehr passe. So habe sie selbst die Erfahrung gemacht, Differenzierungen im Urteil des Europäischen Gerichtshofes zu den neuen Züchtungsmethoden gleich als Ablehung der demokratischen Gewaltenteilung angekreidet zu bekommen.

Gerade sie beeilt sich, gesellschaftlichen Gesinnungsdebatten in Sachdebatten umzulenken. Doch genau deshalb sei Forschung notwendig. Am Ende stehen Sachargumente, die für oder gegen eine Innovation sprechen. Am Ende gehe es „um nicht weniger als unsere Zukunft“. Mit Blick auf die zurückliegenden Regierungskonsultationen mit China berichtete sie über den chinesischen Willen, das Land bis 2030 zur „Weltherrschaft im Bereich der digitalen Landwirtschaft zu führen.“ Wer sich gegen Innovationen stemme, der wird sie woanders nicht aufhalten, lautet ihr Resümee.

Die moderne Landwirtschaft mit zahlreichen Erfindungen widerspreche aber dem bei Verbrauchern vorhandenen  romantischen Bild des Agrarbereiches. Auf der einen Seite nutzen Konsumenten neueste Automobiltechnik, auf der anderen Seite soll die Bäuerin die Milchkannen quer über den Hof tragen.

Gesellschaftlicher Druck sei vor allem bei denThemen Pflanzenschutz und Tierhaltung vorhanden. Neben den Innovationen müssen die Ergebnisse am Ende auch der Öffentlichkeit mitgeteilt werden. Da sieht Klöckner Defizite außerhalb des Agrarjournalismus. Mit den beiden Portalen Bundeszentrum für Ernährung und Bundeszentrum für Landwirtschaft, die beide aus dem aid Infodienst Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hervorgegegangen und in das BLE umgesiedelt wurden, sei der Anfang gemacht. Dr. Eiden will die Projekte dynamisch weiterentwickeln.

Mehr Mut braucht aber auch die Politik. Im Bereich der Ferkelkastration ist nach fünf Jahren Übergangszeit eine politische Hängepartie entstanden. Ob sich der Koalitionspartner von einem sachlichen Forschungsergebnis überreden lässt, das Tierschutzgesetz der Praxis anzupassen, bleibt offen. In der Vorgängeramtszeit hat auch die flache Hand gefehlt, die einmal laut auf den Tisch geschlagen hätte, um die Erosion der Glaubwürdigkeit an Forschungsbehörden wie dem Bundesinstitut für Risikobewertung oder der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit aufzuhalten. Da hat die Ministerin noch Hausaufgaben zu tätigen.

Roland Krieg

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