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Kleinbauern brauchen Geflügel

Landwirtschaft

Komplexe Ansätze im Kampf gegen H5N1 notwendig

In Deutschland ist es um die Vogelgrippe ruhiger geworden und aufgetretene Fälle in Nutztierbeständen wurden in Europa durch rigoroses Ausmerzen ganzer Herden beseitigt. Mit ganz anderen Dimensionen und wirtschaftlichen Auswirkungen haben Bauern in Entwicklungsländer zu kämpfen, in denen seit 2003 rund 200 Millionen Stück Geflügel getötet wurden.

Existenzen in Afrika bedroht
Der jüngste Todesfall einer jungen Frau in Djibuti zeigt, dass das Vogelgrippevirus H5N1 in seiner hochpathogenen Form (HPAIV) auch Somalia erreicht hat und sich auf dem afrikanischen Kontinent ausbreitet. Für Karin Kortmann, Staatsekretärin aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ist das Grund zur Besorgnis. In der jüngsten Ausgabe des Fachmagazins „entwicklung & ländlicher raum“, die sich ganz dem Thema Vogelgrippe widmet, beschreibt sie, dass Bauern ihre von Seuchen bedrohten Tiere lieber verstecken als sie den Veterinären „auszuliefern“. Hühner und Enten gehören als „Abfallverwerter in Haus und Hof quasi zum Inventar der Familie“. Durchlässige Grenzen und informeller Geflügelhandel helfen, die Krankheit zu verbreiten, weswegen das französische CIRAD ein neues Programm gestartet hat, mehr Transparenz in den Handel zu bringen. Denn, so Kortmann weiter, gerade in Regionen mit schwachen Gesundheitsdiensten könnte das Virus auch längere Zeit unerkannt bleiben und die Gefahr für eine Mensch zu Mensch Übertragung steigen.
Das Bundeslandwirtschaftsministerium legt besonderen Wert auf eine nachhaltige Bekämpfungsstrategie, denn „insbesondere in kleinteiligen Produktionsstrukturen und Selbstversorgerbetrieben können seuchenhygienische Maßnahmen dazu führen, dass die Geflügelproduktion ohne Alternative vernichtet wird“, so Dr. Gerd Müller, Staatssekretär aus dem Landwirtschaftsministerium (BMELV). Während hingegen die Industrieländer mit der „Stamping-out-Strategie“ den Krankheitsherd schnell tilgen wollen, um schnell wieder am internationalen Handel teilnehmen zu können, wird in Ländern mit kleinbäuerlicher und extensiver Geflügelhaltung neben dem Töten der erkrankten Tiere eher die flächendeckende Impfung empfohlen, unterscheidet Dr. Karin Schwabenbauer aus dem BMELV. Ein flächiger Verlust der Geflügelpopulation würde die Nahrungsversorgung ganzer Regionen gefährden.

Wirtschaftstarkes Geflügel
Die Statistiken der Food and Agricultural Organisation FAO zeigen , dass 1994 weltweit rund 50 Millionen Tonnen Geflügelfleisch produziert wurde. 2003 waren es bereits 76 Mio. Tonnen, wobei der Anstieg vor allem in den Entwicklungsländern zu verzeichnen ist: Im diesen neun Jahren wuchs dort die Produktion von 23 auf 41 Millionen Tonnen an. Auch die Zahl der gelegten Eier hat eine rasante Entwicklung vor sich. Wurden 1985 noch 13,4 Mio. Tonnen Eier weltweit gelegt, waren es im Jahr 2000 bereits 32,1 Millionen Tonnen. Für 2015 prognostiziert die FAO etwa 51,8 und für 2030 rund 70,9 Mio. Tonnen Eier.
Das liegt vor allem daran, dass Geflügel leicht zu halten und wirtschaftlich äußerst produktiv ist – bei niedrigstem Aufwand. Jochim Otte von der Pro-Poor Livestock Policy Initiative (PPLPI) der FAO hatte im Februar 2006 die Effizienz für vietnamesische Kleinbauern berechnet. Da legt eine Henne rund 70 Eier im Jahr, wovon 50 im bäuerlichen Haushalt selbst verzehrt werden. Der Aufzuchterfolg für Küken liegt bei nur 60 Prozent und die Sterblichkeit in den ersten 10 Wochen bei 60 und dann bis zur 30. Woche immer noch einmal bei 20 Prozent. Aber: die Tier und Eier erzielen äußerst gute Preise. Ein Ei bringt 1.400 vietnamesische Dong und ein ausgewachsenes Huhn 40.000 Dong. So erzielen 12 Hennen bei allen berechneten Verlusten und Aufwänden für Herdenergänzungen ein Monatseinkommen von 310.000 Dong. Das sind 19,3 US-Dollar und entspricht dem Niveau des normalen ländlichen Monatslohns.
Die Hinterhofhaltung ohne wirtschaftlichen Input erzielt nach Jochim Otte eine Verzinsung von 700 Prozent. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Tiere schnell zu Geld gemacht werden können, um eine Arztrechnung zu bezahlen oder Schulgebühren. So bleibt es nicht aus, dass die meisten Tiere in Vietnam in kleinen Herden gehalten werden, wie die folgende Tabelle zeigt:

Herdengröße:

< 50

50 – 99

100 – 249

250 – 999

1.000 – 2.999

> 2.999

Anzahl Herden nach Tierbestand

95,5 %
7,9 Mio. Herden

4 %

1 %

0

0

0

Anzahl Tiere nach Herdengröße

56 %
> 118 Mio. Tiere

11 %

4 %

3 %

2 %

24 %

nach: www.fao.org/ag/pplpi.htm

Allerdings ist die kleinbäuerliche freie Hinterhofhaltung bedroht, denn das vietnamesische Department of Livestock Production beginnt diese Form zu unterbinden. Die Hinterhofhaltung soll von 72 Prozent in 2005 auf 43 Prozent bis 2015 zurückgeschraubt werden. Die Haltung von Wassergeflügel soll im gleichen Zeitraum von 93 auf 48 Prozent zurückgehen. Mit dieser Umstrukturierung soll das Risiko minimiert werden, dass die Krankheit sich ausbreiten kann und da die verbleibenden Farmen mindestens ein Dach oder eine Einzäunung haben, werde damit die Sicherheit vor dem Viruseintrag, die Biosicherheit, erhöht. Dazu hat die FAO auch entsprechende Papiere mit Beschreibungen für Südostasien entwickelt.

Biosecurity published by FAO

Q: FAO

Was ist zu tun?
Solange es keine wirksame Kontrolle und Bekämpfung des HPAIV in den Entwicklungsländern gibt, wird die Bedrohung für das europäische Geflügel immer fortwähren – und die Gefahr einer Pandemie bei Menschen. Die erste Geberkonferenz in Peking im Januar 2006 hat 1,9 Milliarden US-Dollar zusammen getragen. Das Geld soll in Ausbildung und den Aufbau von Veterinärdiensten fließen. Schulungen und Beratungen für die Bauern und Aufklärung sind erste Wahl, denn beispielsweise in Nigeria sollen die ersten Gerüchte kursieren, dass HPAIV eine europäische Verschwörung sei. In Benin ist die Hälfte der Geflügelfarmer bereits aus dem Geschäft ausgestiegen, weil die Menschen kein Geflügelfleisch mehr essen – ohne das im Land HPAI nachgewiesen wurde.
Die Vogelgrippe in Afrika und Asien zu bekämpfen bedeutet daher auch in erster Linie, den Armen auf dem Land zu helfen.
Wie das genau gehen soll, darüber beraten heute und morgen internationale Experten auf dem Berliner Workshop „Ernährungssicherung und Geflügelproduktion – was lehrt uns die Aviäre Influenza?“. Die Tagung wird vom BMELV in Zusammenarbeit mit dem BMZ veranstaltet und will Empfehlungen erarbeiten, nachhaltige Strategien zu entwickeln, mit den Gefahren der Vogelgrippe um zu gehen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Interessen der kleinbäuerlichen Betriebe, Aspekte der Ernährungssicherung sowie die Erhaltung tiergenetischer Ressourcen.
Der Workshop hat sich im Rahmen der www.policies-against-hunger.de aus den Berliner Konferenzen über das Recht auf Nahrung weiter entwickelt.
[s. auch das Dauerthema Vogelgrippe auf der Startseite von Herd-und-Hof.de
Den zweiten Teil finden Sie hier.

VLE

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