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Kleiner Käfer - Großes Problem

Landwirtschaft

Maiswurzelbohrer im Ortenaukreis

Am Montag vor einer Woche wurde in einer Pheromonfalle im Landkreis Ortenau in Baden-Württemberg ein Diabrotica virgifera virgifera gefunden. Ein unscheinbarer kleiner Käfer, der jedoch in den USA einen jährlichen Schaden von rund einer Milliarde Dollar verursacht. Weltweit werden etwa 20 Millionen Hektar Mais, davon über 13 Millionen in den USA, befallen. 5,2 Millionen ha Mais werden mit Insektiziden gegen den Westlichen Maiswurzelbohrer behandelt. Damit, so die Biologische Bundesanstalt (BBA), richten sich weltweit die meisten Insektizidapplikationen gegen diesen Käfer. Im Südosten Europas, wo er sich bereits dauerhaft ausgebreitet hat, belaufen sich die Pflanzenschutzaufwendungen bereits auf 300 Millionen Euro pro Jahr.

Jet-Set Beetle
Eingeschleppt wurde der Käfer aus den USA erst zu Beginn der 1990er Jahre nach Jugoslawien. Von dort hat er sich über Ungarn, Kroatien, Rumänien und der Ukraine in Osteuropa natürlicherweise ausgebreitet Diabroticahat. Bis zu 24 Kilometer kann der kleine Käfer im Einzelflug zurücklegen. Seinen Weg nach Italien, der Schweiz, Frankreich oder Großbritannien hat er mit anthropogenen Transportmitteln zurück gelegt, woher auch sein Spitzname „Jet-Set Beetle“ herrührt. Der Fundort in Baden-Württemberg Lahr-Hugsweier hat einen Flughafen und die Pheromonfalle in der sich der Käfer befand, ist lediglich 600 Meter von der Landebahn entfernt. Und im Ortenaukreis wird auf über 60 Prozent der Ackerfläche Mais angebaut. Nach Weizen und Gerste bilden Silo- und Körnermais mit 145.000 Hektar, das sind 17,5 Prozent der Ackerfläche in Baden-Württemberg, die drittwichtigste Feldfrucht.
Die natürliche Ausbreitung in Europa lässt sich nach Angabe der BBA nicht mehr aufhalten. Das der Maiswurzelbohrer jetzt zum ersten mal in Deutschland gefunden wurde war nur eine Frage der Zeit. Im benachbarte Elsass wurde der Käfer bereits vor vier Jahren gefunden.
Das Tier mit den charakteristisch langen Fühlern nascht gerne von den Narbenfäden des Mais und vom Pollen. Den Hauptschaden aber richten die Larven an. Die Weibchen legen bis zu 1.000 Eier in den Boden, die dort überwintern. Anfang Juni bis Anfang Juli entwickeln die Larven das erste und zweite Larvenstadium und fressen an den Wurzelhaaren und zarten Wurzeln. Sie beginnen sich in die Wurzel hineinzufressen und können sie vollständig zerstören. Bis zu 80 Prozent der Pflanzen können abknicken und der Ertragsausfall liegt zwischen 10 und 90 Prozent.

Sofortmaßnahmen nach EU-Regeln
Drei bis fünf Prozent der Eier werden auch in andern Kulturen abgelegt und Untersuchungen zeigen, dass Larven auch an Winterweizen, Sommergerste und andern Gräsern überleben können. Welches Gras den Larven aber ein „Überlebensreservoir“ bieten kann, steht nach Angaben der BBA noch nicht fest.
Wegen des großen Schadpotenzials gibt es eine Meldepflicht und einen Maßnahmekatalog nach 2003/766/EG, die 2006 noch ergänzt wurde. Neben der sofortigen Bekämpfungsaktion und einem verstärktem Monitoring wird um den Fundort für mindestens drei Jahre eine Befalls- und Sicherheitszone im Umkreis von einem bzw. fünf Kilometer eingerichtet. In diesen Zonen sind Maßnahmen wie Verbringungsverbote für Maispflanzen und Ernte, Erntebeschränkungen, bestimmte Fruchtfolgen oder Behandlungsauflagen anzuwenden, um eine Ansiedlung des Käfers zu verhindern.
Peter Hauk, Minister für Landwirtschaft und Ländlichen Raum in Baden-Württemberg sagte: „In einem ersten Schritt wird nun mit einer Verdichtung der vorhandenen Fallen der genaue Befall erhoben. Da der Maiswurzelbohrer auch gerne mit dem Flugzeug fliegt, besteht die Möglichkeit, dass der Käfer ein Einzelexemplar war. Abhängig von diesen Ergebnissen werden wir die weitere Strategie festlegen.“
Das BBA schätzt die jährliche Schadenshöhe bei 1,6 Millionen Hektar Maisanbau in Deutschland auf 25 Millionen Euro – sollte der Käfer hier heimisch werden.
Grundsätzlich gibt es zwei Szenarien für die Bekämpfung: Großflächiger Einsatz von Insektiziden oder grundsätzliche Umstellung der Kulturverfahren.

Die wirksamste Bekämpfung
Die allermeisten Eier werden von den Weibchen in den Maisfeldern abgelegt. Finden die Larven im nächsten Jahr keinen Mais vor, weil ein Fruchtwechsel stattgefunden hat, sterben sie ab. 0,21 Prozent der Eier durchlaufen eine zweijährige Diapause, überwintern also zweimal hintereinander. Ihnen die Futtergrundlage zu nehmen, verlängerte die Maisfolge auf drei Jahre. Sollte dann nicht generell der Kulturanbau umgestellt werden, zumal in Baden-Württemberg das Erscheinen des Maiswurzelbohrers teilweise schon zu einer Verteufelung des Maisanbaus geführt hat? Werden die Maismonokulturen nicht noch intensiviert, weil Biogasanlagen mehr Mais auf den Feldern fordern? Zum Wohle des Diabrotica?
Darüber sprach Herd-und-Hof.de mit Dr. Martin Böhringer, Referent für den Pflanzenschutz im Landwirtschaftsministerium Baden-Württemberg:

Quarantäneschädling
Dr. Böhringer unterscheidet zunächst die unterschiedliche Bewertung des kleinen Käfers mit den großen Auswirkungen. Die EU-Verordnung bezeichnet ihn dort als meldepflichtigen Quarantäneschädling, wo er bislang noch nicht aufgetaucht ist. Wo er, wie beispielsweise in Ungarn oder Ostösterreich verbreitet ist, hat sich das Insekt in die Drei Käfer auf einem BlattPflanzenschutzroutine des Maisanbaus eingereiht. Die strengen Maßnahmen zur Ausrottung seines ersten Auftritts beinhalten bereits die Einhaltung von Fruchtfolgemaßnahmen, so dass Mais erst wieder im dritten Jahr auf der Befallsfläche angebaut werden darf. Zusammen mit der Sicherheitszone umfasst der „Sicherheitsbereich“ einen Radius von sechs Kilometern, was eine Fläche von 12.000 Hektar umfasst. Die drastischen Maßnahmen im Verbund mit dem Begriff der „Ausrottung“ weckt negative Assoziationen, die manchen Wirbel im Land verursacht haben.
Das hat zwei Ursachen. Zum einen befinden sich die deutschen Maisbauern noch in der glücklichen Situation, mit Ausnahme des Maiszünslers, keine wirklichen Schaderreger in ihr Anbaukalkül einbeziehen zu müssen. Zum andern erregt das erste Auftreten auf der Bühne mehr Aufmerksamkeit, als spätere Wiederholungen. Das war, so Dr. Böhringer, in Frankreich genauso.

Invasive Arten
Für die Experten ist der Auftritt des Maiswurzelbohrers in Deutschland nur eine Frage der Zeit gewesen. Seit seiner Verfrachtung nach Jugoslawien kann das kleine Tier mit Hilfe des Windes bis zu 40 Kilometer im Jahr weiter wandern und hat seinen Weg östlich um die Alpen herum nach Norden angetreten. Dr. Böhringer beschreibt noch einmal den Weg des Tieres bis nach Polen und ging davon aus, dass der Käfer auch gegen die Hauptwindrichtung über die Oder nach Brandenburg oder von Tschechien zuerst nach Bayern eindringen würde.
Jetzt aber „landete“ er am Euroairport Lahr. Warum das Tier auf seiner Westroute von Flugplatz zu Flugplatz reist und dabei auch Reiseflughöhen von bis zu 10.000 Meter überstehen kann, haben die Pflanzenschutzexperten noch nicht klären können.
Das Tier hätte, so Dr. Böhringer, ja auch am Flughafen Stuttgart ankommen können. Dort hätte es wesentlich weniger Wirbel verursacht, weil wesentlich weniger Mais angebaut wird und das Ausweiten von Fruchtfolgen kein Problem darstellt. Dass das gefundene Exemplar auch tatsächlich über den Flughafen angereist ist, sei zwar ein starkes Indiz, aber leider kein Beweis. Es könnte auch als Larve in Lahr geboren worden sein.

Im eigenen Interesse
Der intensive Maisanbau im Landkreis Ortenau hat für die Bauern eine große Bedeutung. Sowohl für den Körnermais, als auch für Silomais bestehen langfristige Anbauverträge. Eine Ausdehnung der Fruchtfolge sei nicht einfach umzusetzen. Sie müssten auf andere Flächen ausweichen. Derzeit gäbe es bei den Bauern Unruhe, weil sie sich die Frage nach der Finanzierung der Bekämpfungsmaßnahmen stellen.
Eigentlich ist es klar: Wer seine Einkommenslage nicht gefährden will, der muss darauf bestehen, dass auch bei zukünftigen neuen Marktanforderungen pflanzenhygienische Grundlagen eingehalten werden. Das ist aber nicht Aufgabe der Pflanzenschutzexperten, möglicherweise nicht Aufgabe der Politik, aber bestimmt Pflicht für die Standesvertretung, ihren Bauern beizustehen.

Lesestoff:
Mehr über Biologie und EU-Bekämpfungsstrategie gibt es bei der Biologischen Bundesanstalt für Landwirtschaft unter www.bba.bund.de
Rund 13.000 Arten sind durch legalen, illegalen Handel und durch Klimawandel ständig auf Wanderschaft. Das haben internationale Experten vor zwei Jahren auf einer Fachtagung an der TU Berlin zu invasiven Arten ausführlich besprochen und diskutiert.

Roland Krieg

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