Klimaanpassung auf ganzer Lebensbreite

Landwirtschaft

Netzwerk Klimaanpassung für Berlin-Brandenburg

Wetter ist nicht gleich Klima. Ein heißer Sommer wie 2003 lockte Familien an den Badesee, in diesem Juni ist der Regenschirm ein wichtiger Begleiter. Vor kurzem flutete mit 100 mm Niederschlag innerhalb von zwei Stunden ein Fünftel der Jahresregenmenge die Stadt Frankfurt an der Oder. Ahnt der Bürger wirklich schon, was ihm der Klimawandel beschert, oder nimmt er die Ereignisse nur in losem Zusammenhang wahr? Und wie vage sind die Vorstellungen, sich darauf einzustellen zu können?

Logo Inka BBINKA BB startet in fünf Jahre Anpassungsforschung
Für Prof. Dr. Hubert Wiggering, Direktor des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) ist der Klimawandel bereits konkret und sieht Änderungen in der politischen Diskussion. Auf dem gerade in Italien statt findenden G8-Gipfel werde darüber diskutiert, was noch zu ändern ist, um wenigstens das „Zwei-Grad-Ziel“ zu erreichen – der Mindestwert der Temperaturerhöhung im Klimawandel. Man sei bereit, diese zwei Grad „in Kauf zu nehmen“ und generierte das Wort „Klimaanpassung“. Was kann man tun, um sich auf welche Auswirkungen einzustellen?
Berlin und Brandenburg sind eine bundesweite „Typregion“, auf die der Klimawandel besonders wirkt. Das subatlantische Klima bringt nur 500 bis 600 mm Jahresniederschlag, die Böden sind leicht und sandig, Wasser knapp und die Metropolenregion Berlin-Potsdam ist dicht besiedelt, während die Uckermark eine der am dünnsten besiedelten Regionen der Bundesrepublik ist.
Die Landwirtschaft wird Lebensmittel produzieren, soll Bioenergie bereit stellen, die chemischen Industrie fordert Pflanzen für die stoffliche Nutzung und Biodiversität sowie der Erholungsanspruch der Städter fordern Naturschutzregionen ein. Die einzelnen Regionen stehen nicht nur unter der Herausforderung, ihre Nutzungsziele unter dem Druck des Klimawandels erfüllen zu müssen, sondern auch im Wettbewerb der Landnutzung untereinander.
Wie das in seiner Gesamtheit bewerkstelligt werden kann will in den kommenden fünf Jahren das „Innovationsnetzwerk Klimaanpassung Region Brandenburg-Berlin“ (INKA BB) erforschen.

„Ein großes Projekt“
Dr. Andrea Knierim aus dem ZALF-Institut für Sozioökonomie sagt, es ist „ein großes Projekt“. Groß nicht nur in seiner räumlichen Ausdehnung über die drei Planungsregionen Lausitz-Spreewald, Berlin bis in die nördliche Uckermark, sondern auch groß in seiner inhaltlichen Tiefe und Zahl der Beteiligten. 13 Forschungseinrichtungen aus Berlin und Brandenburg sind an INKA BB beteiligt. Hinzu kommen 20 Interessensverbände wie der Landesbauernverband Brandenburg und Unternehmen wie der LMBV, der die Bergbaufolgelandschaften in der Lausitz betreut. Auf kommunaler Ebene sind 20 Behörden dabei.
Das Projekt wird vom Bundesforschungsministerium mit 18 Millionen Euro gefördert und versteht sich im Wesentlichen als Netzwerk, das die regionalen Akteure zusammen bringen will, so Dr. Verena Toussaint vom ZALF-Institut für Sozioökonomie. INKA BB will Informationen vermitteln, hat aber auch klassische Forschungselemente für neue Erkenntnisse.
Insgesamt besteht das Projekt aus den drei Handlungsfeldern Netzwerkentwicklung, Landnutzung und Wassermanagement. Die Beteiligung der Sozioökonomie zeige, dass die 24 Teilprojekte zu einem ganzheitlichen Ergebnis führen sollen. Die Projekte reichen von einem telemedizinischen Hitzewarnsystem der Charité ins Haus von Herz-Kreislauferkrankten bis zur geeigneten Sortenwahl bei der Aussaat auf dem Feld. Wie können sich die Bauern ähnlich wie bei der Hagelversicherung unternehmerisch gegen die Risiken des Klimawandels absichern, wo findet Berlin Anreicherungsflächen im Grundwasserspeicher um den reichlichen Winterregen für die Sommermonate zu speichern, und leidet der ökologische Landbau besonders unter den Klimaveränderungen?

Vom Detail zum Großen
Für Prof. Wiggering ist es wichtig, dass INKA BB alle Ebenen der Betroffenen einbezieht und sich nicht auf ein einzelnes Element, wie beispielsweise der CO2-Speicherung widmet. Trotzdem sind Details wichtig. Die reduzierte Bodenbearbeitung sorgt für mehr Porenvolumem, mehr Humus und damit höherer Wasserspeicherkapazität. Auch kann mehr Wasser in den Boden eindringen. Doch gegen Starkregen von 100 mm Niederschlag verhindert auch diese Bearbeitungsform eine Erosion nicht. Intelligente Landnutzungssysteme sollen die Wasserbilanz zwischen Sommer und Winter ausgleichen helfen und möglicherweise das Mikroklima so verbessern zu helfen, dass die negativen Klimaauswirkungen schwächer ausfallen.
Konfliktpotenzial besteht zwischen Administration und Markt. Anpassungsstrategien, Landmanagementplanung und Vorschriften zur ganzjährigen Vegetationsfläche auf den Feldern - hier treffen Wünsche auf reale Forderungskataloge, wie sie der Deutsche Bauernverband gerade in Stuttgart verabschiedet hat: Mehr Markt, weniger Vorschriften und eine eigene Naturschutzstiftung.
Doch Dr. Karsten Lorenz vom Landesbauernverband Brandenburg sieht darin keinen Widerspruch. Die Bauern warteten bereits auf wissenschaftliche Lösungen aus der Agrarforschung, ihren Anbau auch unter den Zeichen des Klimawandels dauerhaft zu sichern. Sie wollen ökonomische Alternativen aufgezeigt bekommen.
INKA BB ist eine Kombination aus Wissenschaft und Praxis und gerade die Einbeziehung der ländlichen Akteure sichere die Transformation des Wissens, so Prof. Dr. Klaus Müller vom ZALF-Institut für Sozioökonomie. Der Wissenstransfer in die Praxis ist quasi das dritte Handlungsfeld des Projekts.

Lesestoff:
Mit dem Projektstart am 09. Juli ging auch die Internetseite www.inka-bb.de online

Roland Krieg

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