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Klimaschutz und Landwirtschaft

Landwirtschaft

Ökolandbau: Alternative oder Zukunft?

Die Vorbereitung zum Workshop Klimawandel und Ökolandbau wurde ganz frisch vom Klimabericht des IPCC überholt und daher auf der BioFach in Nürnberg zum aktuellsten Konferenzhöhepunkt. So beschreibt Dr. Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) in der Schweiz den Ökolandbau nicht nur als gut für die Gesundheit, sondern auch als gut für das Klima. Mit der Möglichkeit, CO2-Senken zu schaffen kann der Ökolandbau ein Alleinstellungsmerkmal in der Landwirtschaft anbieten, dass sich sogar wissenschaftlich belegen lässt.

Ansatzpunkt Landwirtschaft
Der Klimabericht des IPCC beschreibt die Optionen der Landwirtschaft, um mit einer Minderung der Treibhausgase die Erwärmung der Erde zu verhindern und die Ökosysteme als Lebensgrundlage für die Menschen zu erhalten. Dabei geht es um die Methan-Reduzierung, die aus der Verdauung der Wiederkäuer und von überfluteten Reisböden mit ihren anaeroben Bodenverhältnissen stammt. Auch Stickstoff- und Kohlendioxidemissionen durch veränderte Landnutzung, Verbrennung fossiler Energien und intensiver Landbewirtschaftung sind hausgemacht und können daher durch die Menschen wieder beeinflusst werden.
Um Emissionen zu reduzieren gibt es verschiedene Ansätze: Zum einen müssen die Transportwege und der damit verbundene Einsatz fossiler Brennstoffe reduziert werden. Synthetische Düngemittel und Pflanzenschutzmittel verbrauchen bei ihrer Herstellung ebenso vermeidbare Energie. Aufforstung ist eines der aktuellsten Beispiele für die Schaffung von Kohlendioxidsenken, um das CO2 wieder aus der Atmosphäre zu nehmen. Stickstoff sollte in geschlossenen Kreisläufen verwendet werden, um die Emission in die Atmosphäre zu verhindern. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil der Bedarf an Fleisch steigt und zusätzlich die Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten noch zunehmen wird, betont Andreas Fliessbach vom FiBL.
Der ökologische Landbau kann bei diesen Punkten aushelfen. Ein seit 1978 laufender Dauerversuch in der Schweiz vergleicht die biologisch-dynamische, die ökologische und die konventionelle Landwirtschaft. Durch die Verwendung kompostierbarer Dünger werden im Ökolandbau bis zu 150 kg synthetische Dünger je Hektar eingespart. Zudem kann dadurch der Humusgehalt und damit die Bodenfruchtbarkeit erheblich gesteigert werden. 12 bis 15 Prozent mehr Kohlenstoff werden im ökologischen Landbau im Boden angereichert. In absoluten Zahlen: Bis zu 700 kg CO2. Das Aufnahmevermögen der Böden ist gigantisch. Weltweit können 1.550 Peta-Gramm Kohlenstoff gespeichert werden. Dabei beschreibt ein Peta-Gramm die Menge von 1015 Gramm C. Das ist dreimal mehr als in der Vegetation und zweimal mehr als in der Atmosphäre gespeichert sind. Ein bis zwei Drittel aller Kohlenstoffemissionen könnten durch geeignete Landbewirtschaftung in den Böden aufgenommen werden.
Fliessbach warnte allerdings auch, dass dieser Prozess umkehrbar sei. Ein Verlassen des eingeschlagenen Weges, setze die Stoffe auch wieder frei.
Auch für die Methanemissionen aus den Reisfeldern gibt es Lösungen. Bei fast gleichen Erträgen setzen verschiedene Reissorten unterschiedliche Mengen Methan frei: Hier gibt es Alternativen, ohne auf die traditionelle Anbauweise verzichten zu müssen.

Ökolandbau weltweit
1984 wurde in Costa Rica die CEDECO als Nichtregierungsorganisation gegründet, um ökologischen Landbau und Kleinbauern zu fördern. Jonathan Castro zeigte anhand vom Kaffee- und Gartenanbau, dass in der tropischen Landwirtschaft die gleichen Mechanismen gelten, wie sie in Europa bekannt sind. Das größte Problem bei der Umstellung sind die fehlenden Informationen. Sobald die Bauern bemerken, dass sie weniger Chemikalien einsetzen müssen, ihre Familienmitglieder bei der Produktion integrieren können und dennoch Geld verdienen, sind ausreichend Anreize für die Umstellung auf den Ökolandbau gegeben. Wichtiger Ansprechpartner in Costa Rica sind Frauen, die zu 85 Prozent in unternehmerischen Entscheidungen einbezogen sind.
Ana Meirelles vom Ökologischen Center in Brasilien, das sich 1985 als Nichtregierungsorganisation gegründet hatte, widmet sich überwiegend der Aufgabe, die weltweite Klima-Diskussion auf die Bedürfnisse der Kleinbauern und Verbraucher zu „übersetzen“. Dabei gibt es ein erfolgreiches Schulprojekt, dass eine Unterstützung durch das niederländische Umweltministerium erfährt. Hier basteln Kinder in den Schulen Modelle von Agroforstsystemen, richten Saatgutbanken ein und erhalten Lehrmaterial. „Nina and the Birds“ ist eine Broschüre, die bereits in Umlauf ist. „Nina and the Global Warming“ wird gerade vorbereitet. Die Bücher gibt es portugiesisch und spanisch.
Die Verbraucherbroschüren beginnen mit den beiden Fragen: Kennen Sie die Umweltkosten ihrer Nahrung? Haben Sie Verhaltensweisen, die eine globale Erwärmung fördern?

Mit Ökolandbau aus der Armutsfalle
In größeren Höhen wirken steigende Temperaturen und weniger Niederschlag dramatischer als in der Ebene. Sehen Europäer in schmelzenden Gletschern in den Alpen noch hauptsächlich den Verlust von Skigebieten, so haben tropischen Gletscher eine viel größere Bedeutung. Otmar Schwank von der Schweizer Consultingfirma INFRAS sieht durch den Gletscherschwund in den Kordilleren, in Nordindien und Pakistan die Trinkwasserversorgung von Millionen Menschen gefährdet. Im Sommer sind die Bewässerungsanlagen auf das Schmelzwasser angewiesen. Schon 2050 könnten in den wichtigsten Anbaugebieten der Welt die Erträge um bis zu 30 Prozent zurückgehen. Dabei ist der Klimawandel auch nur ein Teil der Ursache. Hinzu kommen Luftbelastung, allgemein knappe Ressourcen, wie Öl, Gas aber auch Erze, und die Degradation der Böden. Ein Wandel in der Bewirtschaftung müsse jetzt geschehen.
So zeichnet sich das indische Hochland Dekkan durch einen Wechsel von Fluten und Trockenheiten aus. Die Statistik zeige aber, dass in den letzten Jahrzehnten die Niederschläge zurückgehen und die Zahl der Trockenperioden zunehmen. Bauern mit Betrieben über vier acre leiden am stärksten darunter. Sie müssen immer öfter die Landwirtschaft verlassen, was zu einem Verlust an landwirtschaftlicher Produktionsfläche und zu einem Verlust an Wissen führt. Das nicht mehr bewirtschaftete Land verbuscht mit der Zeit. Die Hälfte der 89 Millionen indischen Bauern sind verschuldet, was in den 1990er Jahren zu einer Selbstmordwelle geführt hatte.
Steigen Baumwoll-Bauern auf eine ökologische Produktion um, dann können sie Geld verdienen. Sie brauchen keine Pflanzenschutzmittel mehr zu bezahlen und verschulden sich nicht mehr. Der Boden wird konserviert und der Bewässerungsaufwand verringert sich.

Noch viele Fragen offen
Liegen alle Vorteile auf der Seite des ökologischen Landbaus? Jan Verhagen vom Pflanzenforschungsinstitut der niederländischen Universität in Wageningen möchte die Landwirtschaft in einem Bonus-Malus-System auf internationaler Ebene in ein Abkommen nach Kyoto eingebunden wissen. Wissenschaftliche Evidenz müsse aber auf mehr als nur vereinzelten Experimenten basieren. So gilt es für ein Monitoring von Erfolgen noch zu klären, wo und wie gemessen werden soll: Sollen Emissionen auf Betriebsebene oder auf regionaler Ebene gemessen werden? Vor allem sieht er den Staffelstab für die zukünftige Entwicklung nicht allein beim Ökolandbau. Man werde nicht bei den globalen Zielen unterschiedliche Maßstäbe für den ökologischen und den konventionellen Landbau verwenden können. Daher setzt er den Begriff „ökologische“ in Klammern, wenn er die zukünftigen Aufgaben der Landwirtschaft beschreibt.
Kompostierbare Dünger haben von der Ressourcenersparnis bis zum Bodenleben eine ganze Reihe von Vorteilen. Aber: „Viel hilft viel“, gilt hier nicht. Wird zuviel Mist auf die Felder verteilt, dann kehren sich für die Mikroorganismen die Verhältnisse auch um und sie beginnen unter anaeroben Bedingungen auch Methan zu produzieren. Die Frage, wie hoch das Optimum für die Ausbringmenge sei, konnte Andreas Fliessbach nicht abschließend beantworten. Der Dung soll öfters in kleinen Gaben ausgebracht werden und nicht alles auf einmal.

Lesestoff:
Das FiBL mit vielen Forschungsergebnissen können Sie unter www.fibl.org virtuell aufsuchen.
Die Unterstützung bei den brasilianischen Aufklärungsbroschüren wird durch niederländische Kerk in Actie unterstützt: www.kerkinactie.nl.
Das Centro Ecologico finden Sie im Internet unter www.centroecologico.org.br

roRo

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