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Klimawandel: Idylle Europa?

Landwirtschaft

Klimawandel senkt Erträge in Ostdeutschland

Einen Tag vor der MeLa lud der Landesbauernverband Mecklenburg-Vorpommern traditionell zum Kongress nach Güstrow. In diesem Jahr ging es um das Thema „Märkte, Energienachfragen und Klimawandel – Neue Herausforderungen für die Landwirtschaft“. Dabei geht es Bauernpräsident Rainer Tietböhl vor allem um die Versachlichung der Diskussion, die in der Öffentlichkeit zuletzt Teller gegen Tank ausspielte und die Kuh als Klimakiller brandmarkt.

Idylle Europa?
28 Jahre nach dem legendären „Grenzen des Wachstums“ des „Club of Rome“ hat Dennis Meadows 2004 in seinem Nachfolgebericht immer noch die gleiche Überanspruchung der Ressourcen bemängelt. Die Appelle, Ressourcen zu schonen, haben nicht gefruchtet. Die Menschen Uwe Moellernutzen Wasser, Boden und Luft, als gäbe es 1,2 Erden. Für die Zukunft muss die Ökonomie um den Faktor 10 dematerialisiert werden, warnte Uwe Möller vom „Club of Rome“ in Güstrow.
Die künftigen Gesundheitskosten könne man heute in jedem Schwimmbad schon ablesen, weil die Menschen zu viel essen. Der demographische Wandel bringe die Rente erst ab 75, das „ist so sicher wie das Amen in der Kirche“. Trotzdem spricht Möller von einer scheinbaren Idylle Europa, weil die Auswirkungen der Ressourcenbeanspruchung und des Klimawandels in den Entwicklungsländern zunächst drastischer sind. Es ist ein Unterschied, wenn steigende Lebensmittelpreise in Deutschland durch Subventionen wieder erträglich gemacht werden, gegenüber Entwicklungsländern, in denen ganze Familien nur einen Dollar am Tag zum Leben haben. Dort wirken Preissteigerungen ganz anders.

Kohlendioxidbilanz und Lebensmitteletat:
Entstehung CO2 je Kopf/Jahr durch Lebensstil. Indien: 1 Tonne; China: 3 Tonnen; Deutschland: 10 Tonnen; USA: 20 Tonnen. Nachhaltig für die gesamte Welt sind 3 Tonnen.
Im Durchschnitt gibt ein Deutscher 12 Prozent seines Etats für Lebensmittel aus. Im Brötchen beansprucht der Rohstoffanteil des Getreide wertmäßig acht Prozent des Gesamtpreises, bei Bioethanol als Treibstoff sind es 53 Prozent.
Im Durchschnitt gibt ein Mexikaner 40 Prozent seines Etats für Lebensmittel aus. In den Tortillas beansprucht der Rohstoffanteil Mais wertmäßig 72 Prozent des Gesamtpreises.
Nach Prof. Heißenhuber

Welcher Ressourcenverbrauch der demografische Wandel in Deutschland künftig bringt, sei zunächst einmal nicht so wichtig, denn obwohl sich die Bevölkerungsentwicklung in Indien und China beruhige, stehen mit Nordafrika und dem Nahen Osten die nächsten Nachfragemärkte vor der Tür.
Regionale Änderungen täuschten darüber hinweg, dass Lösungen im Weltmaßstab gefunden werden müssen. „Die Zukunft der Welt entscheidet sich nicht, wie die deutschen Rentner leben“, so Möller.
Mit 300 Kilogramm Getreide pro Kopf und Jahr können auch neun Milliarden Menschen auf der Erde leben, würden aber wohl weniger zufrieden sein. Aber neun Milliarden Menschen mit Fast Food zu ernähren, sei schlichtweg nicht möglich. Auch der Transfer der hochindustrialisierten Landwirtschaft in den Süden ist auf Grund der Ressourcenbeanspruchung unmöglich. Überlebensfähig ist der ländliche Raum nur mit einer kleinstrukturierten und genossenschaftlich geprägten Agrarwirtschaft. Die Industrienationen haben in der Vergangenheit verpasst, die Entwicklungsländer zur Förderung ihrer Landwirtschaft und des ländlichen Raum zu drängen.
In Europa und in Deutschland müsse die scheinbare Idylle durch „Offenheit“ aufgebrochen werden. Die Politik sei nicht in der Lage, den Menschen die Wahrheit zu sagen, dass „ein Schnitzel mit 50 Prozent Wasseranteil für 98 Cent“ auf die Dauer nicht tragfähig ist. Möller fordert einen gesellschaftlichen Dialog über Lebensstile, über Lebensentwürfe der Menschen, von was und wie sie leben wollten. Es gebe eine Fülle an Lösungen, die Balance für alle Menschen zu finden – man müsse nur endlich damit anfangen.

Ostdeutschland: Ertragsverlust, aber Gunstregion
Das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) wird am Freitag eine Studie vorstellen, die im Auftrag der Bodenverwertungs- und -verwaltungsgesellschaft (BVVG) durchgeführt wurde und bis auf alle Landkreise in Ostdeutschland heruntergebrochen Klima- und Ertragsänderungen aufzeigt. Dr. Frank Wechsung hat einige Ergebnisse bereits in Güstrow vorgestellt.
Dr Frank WechsungDas der Klimawandel eine Temperaturerhöhung in Deutschland mit sich bringt, ist unter den Klimaexperten unbestritten. Die Prognose der Niederschlagsentwicklung ist weniger sicher, denn es gibt Regionen, in denen die Vorhersage mal mehr und mal weniger Regen prophezeit. In Ostdeutschland wird die Jahressumme der Niederschläge in etwa gleich bleiben, so die Studie. Innerhalb des Jahresverlaufs hingegen ändert sich die Verteilung. Was im Sommer weniger abregnet, fällt im Winter mehr. Daher sind Sommerfrüchte, also auch der Mais, eher benachteiligt, als die Wintersaaten, die von der winterlichen Bodenfeuchte zehren können.

Kohlendioxideffekte auf das Pflanzenwachstum:
Die Luft in Gewächshäusern wird seit langem schon zusätzlich mit CO2 angereichert. Die Gartenbauern machen sich den CO2–Effekt nutzbar: Pflanzen können bei einer höheren Konzentration besser wachsen. Die heutige Kohlendioxidkonzentration der Atmosphäre ist limitierend für die Photosynthese, die mit ihrer Aktivität das
Biomassewachstum steuert. Also wird auch ein steigender CO2-Gehalt in der Luft das Pflanzenwachstum stimulieren, was in der Vergangenheit prähistorische Kulturen begünstigt hat (Anstieg von einer niedrigeren Konzentration aus der letzten Eiszeit heraus).
So „düngt“ das CO2 die Pflanzen und wird sogar noch dadurch verstärkt, dass die Pflanzen bei erhöhtem Kohlendioxid in der Atmosphäre ihre Blattöffnungen (Stomata) nicht so weit zu öffnen brauchen und damit die Verdunstungsrate senken können. Hier geben allerdings Wissenschaftler einen weiten Reduktionsbereich zwischen zehn und 45 Prozent an.
Die Effizienz der besseren Kohlendioxidverarbeitung in der Pflanze ist aber wesentlich von der N-Vesorgung abhängig: Also von der Stickstoffdüngung, die beispielsweise wegen der Lachgasemission als ungünstig beurteilt wird.
Q: s.u.

Die Ertragspotenziale in Ostdeutschland werden sich unterschiedlich entwickeln. Am Besten kommen die Mittelgebirgsregionen und die Küste davon. Damit die Berechnungen bis auf die Landkreise heruntergebrochen werden konnten, mussten „robuste“ Daten aus der Statistik genommen werden. Auf Fruchtfolgeeffekte oder den ökologischen Landbau wurde nicht im einzelnen eingegangen, sind aber in den Daten enthalten, so Dr. Wechsung zu Herd-und-Hof.de.

Wie sich die Ertragszahlen mit und ohne CO2-Effekt auf die neuen Bundesländer auswirken zeigen eine Grafik und eine Tabelle aus dem MeLa-Tagungsband.

Insgesamt sieht jedoch die Prognose für Ostdeutschland nicht schlecht aus. Zwar gehen die Erträge zurück, aber Mitteleuropa wird beim Klimawandel noch als Gunstregion „davonkommen“. Für den klimabedingten Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen sieht Dr. Wechsung keinen Grund.
Alleine die Direktsaat kann mit Bodendeckung und vermindertem Oberflächenabfluss sowie der Minderung von Erosion viel für die hydrologischen Verhältnisse tun. Wer nachweisen kann, dass er mit der Direktsaat die Grundwasserneubildung fördert, könne sogar leichter Genehmigungen für zusätzliche Beregnungsanlagen erhalten, so Dr. Wechsung.

Biomasse: Förderung fördert Diskussion
Die Diskussion zwischen Teller und Tank brachte Prof. Dr. Dr. Alois Heißenhuber, Betriebswirtschaftler der Technischen Universität München, auf die betriebliche Entscheidungsebene.
Wenn ein Barrel Rohöl 100 US-Dollar kostet und dem Benzinpreis von 1,50 Euro entspricht, muss ein Liter Ethanol mindestens 0,60 Euro kosten. Zu diesem Preis wird das brasilianische Ethanol im europäischen Häfen gelöscht. Damit ein deutscher Ethanolhersteller konkurrieren kann, darf Ethanolweizen nicht mehr als 16,50 Euro je 100 kg kosten.
Dr Alois HeissenhuberSolche Beispielsrechnungen dienen Prof. Heißenhuber, um eines klar zu machen: Ob Weizen, die Zuckerrübe oder der Mais auf dem Teller, im Futtertrog oder im Tank landen, entscheidet der Betriebsleiter alleine anhand des Preises. Auch nur aus diesem Grunde hat Brasilien Ende der 1970er Jahre Benzin durch Ethanol aus Zuckerrüben ersetzt.
Je höher der Preis der fossilen Brennstoffe wird, desto günstiger wird der Einsatz erneuerbarer Energien. Verzerrend auf die Diskussion wirken allerdings Subventionen. Deutschland und Österreich haben mit einer Grundvergütung und zusätzlichen Boni die höchsten Einspeisevergütungen für Biogas in Europa. Dänemark beispielsweise kommt nur auf ein Drittel des deutschen Wertes. Dort gibt es keine Diskussionen über Teller und Tank. Die Nahrungsmittelproduktion erwirtschaftet den Bauern immer noch die höchsten Erträge.
Der Ökonom stellt auch in Frage, ob denn die Bioenergie wirklich im Tank vergeudet werden müsse. Wärmeproduktion ist viel effizienter und wettbewerbsfähiger als die Kraftstoffproduktion. Schließlich ist dem Ertrag durch die Energiebilanz (wie viel spare ich ein) der Klimabeitrag (wie viel trage ich zum Klimawandel bei) gegenüberzustellen.
Da liegen Biodiesel, Ethanol und Biogas mit CO2-Vermeidungskosten zwischen 150 und über 400 Euro je Tonne ganz hinten. Die Hackschnitzelheizung für die Wärmeproduktion liegt um den kostenneutralen Nullpunkt herum. Entgegengesetzt verläuft die Förderungsintensität.

Fünf Thesen für die Landwirtschaft
Agrarminister Dr. Till Backhaus fasste in seinen fünf Thesen für die „Landwirtschaft 21“ die Ergebnisse der drei in Mecklenburg-Vorpommern durchgeführten Regionalkonferenzen zusammen.
Man müsse sich damit abfinden, dass die Landwirtschaft sich dem freien Weltmarkt öffnen werde und dieses den großen Betrieben Chancen bietet. Eine Alternative für diesen Weg gebe es nicht.
Der bisherige Abbau der Marktordnungen habe zu keiner Verarmung der Agrarstruktur geführt, denn es gebe in MV mehr Agrarbetriebe als noch 1998 und trotz entkoppelter Förderung habe sich die Mutterkuhhaltung etabliert.
Dr Till BackhausSeit 1990 haben die Betriebe in MV fast sechs Milliarden Euro an Direktzahlungen erhalten, wobei vieles davon im Handel, im vorgelagerten Bereich hängen geblieben ist und über niedrige Preise an die Verbraucher weitergereicht wurde. Die Kürzungen im Health Check der Agrarreform müssten „aber per se nicht schlecht sein“, denn es wollen im ländlichen Raum immer mehr nicht landwirtschaftliche Betriebe mitverdienen.
Die Bauernweisheit „Hat der Bauer Geld, hat´s die ganze Welt“ gelte nicht mehr. Für das 21. Jahrhundert gilt, dass der ländliche Raum eine strukturelle Vielfalt brauche und die Zukunft in einer Querschnittsaufgabe der Landespolitik liegt. Vieles von dem, was die Agrarfinanzierung heute mache, komme Backhaus vor, als würde es nur von einer in die andere Tasche umverteilt. „Das ist wenig zukunftsfähig“, so der Minister.

Die Kuh ist kein „Klimakiller“
Jeremy Rifkins hatte mit seinem Buch „Planet der Rinder“ das Augenmerk auf die Tierhaltung gelenkt. Das für den Menschen die Einschränkung des Fleischverzehrs gesünder ist und die Veredlung von durchschnittlich sieben pflanzlichen Kalorien in eine tierische einen enormen Flächenverbrauch produziert, bleibt unbestritten.

Würden alleine in China die 1,3 Milliarden Menschen pro Jahr fünf Kilogramm mehr Fleisch verzehren, was etwa einer Bulette am Tag entspricht, braucht man 6,5 Milliarden Kilo zusätzliches Fleisch. Für jedes Kilo Fleisch braucht man durchschnittlich sechs Kilo Getreide, also, schon auf Tonnen gerechnet, insgesamt 39 Millionen Tonnen Getreide. Macht bei einer Ernte von drei Tonnen Getreide je Hektar einen zusätzlichen Flächenbedarf von 13 Mio. ha Land. Zum Vergleich: Deutschlands landwirtschaftliche Nutzfläche beträgt 12 Mio. ha.
Q: Klaus Dieter Jany; 11.05.08; Tagung Agrarwirtschaft in Berlin

Kürzlich jedoch gelangte das Rind wieder einmal als Klimakiller in die Presse. Nicht nur Agrarwissenschaftlern tut das weh, die ansehen müssen, dass Methanlager unter der Meeresoberfläche neugieriger machen, aber die natürliche Methanproduktion der Wiederkäuer Verachtung findet. Die Kanadier propagieren schon länger über ihre Milchboards, dass die Betriebe das Methan für die Energiegewinnung auffangen sollen.
Auch geschichtlich gehören Mensch und Kuh zusammen. Der Mensch hat seinen Weg über die Welt aus den afrikanischen Savannen gemacht und nicht von ungefähr Wiederkäuer vom Grasland domestiziert. Der Mensch hat ein biologisches Problem: Er ist energetisch gesehen ein Konsument, also auf die Produktion von Nahrungsenergie auf Produzenten angewiesen.
Wiederkäuer sind ausgesprochen gut in der Lage, Gras in für die Menschen verwertbare Nahrung zu verwandeln. Für eine reine vegetarische Ernährung ist der menschliche Darmtrakt zu kurz. Wiederkäuer können sogar so genannte NPN-Verbindungen nutzen, so ein Beitrag auf dem MeLa-Kongress. Das sind „stickstoffhaltige Verbindungen nichteiweißartiger Natur“, wie beispielsweise Amide, Alkaloide oder Nitrate, die in wirtschaftseigenem Futter reichlich vorhanden sind. In Weidelgras können sie bis zu sechs Prozent des für den Proteinaufbaus notwendigen Stickstoffs ausmachen.
Das Podium dachte noch einen Schritt weiter: Was würde mit dem Grasland geschehen, würde die Rinderhaltung eingestellt? Der Umbruch von Grasland erhöht die Treibhausgasemission.

Lesestoff:
Das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung können Sie im Netz unter www.pik-potsdam.de besuchen
Die gesellschaftspolitischen Herausforderungen für die Änderung der Lebensstile und Ökonomien sind unter www.globalmarshallplan.org aufzufinden.
Quellen für die Kohlendioxideffekte des Klimawandels:
Schaller M, Weigel H.: Analyse des Sachstands zu Auswirkungen von Klimaveränderungen auf die deutsche Landwirtschaft und Maßnahmen zur Anpassung; Landbauforschung Völkenrode; Sonderheft 316; ISSN 0376-0723
Kattke, Jens: Zur Bedeutung von Stickstoff für den CO2-Düngeeffekt; JLU Giessen http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2002/794
Stöber, Sandra: Einfluss von erhöhtem atmosphärischen CO2 auf die N2-fixierende Symbiose von Trifolium repens L. und Rhizobium leguminosarum biovar trifoli; Universität Hohenheim http://opus.ub.uni-hohenheim.de/volltexte/2007/207

Roland Krieg; Fotos: roRo

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