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„Koexistenz von klassischer Züchtung und Genom Editing“

Landwirtschaft

Nachhaltige Landwirtschaft mit neuen Züchtungstechniken

Das im September vorgestellte Projekt pilztoleranten Weizens mit neuen Züchtungstechniken (Pilton) hat für die rund 60 beteiligten Verbänden deutlich mehr als nur eine ackerbauliche Zielstellung. Die neuen Züchtungstechniken, die unter anderem ohne Fremdgene auskommen und sich nicht von natürlichen Mutationen unterscheiden lassen, sind nach Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) dem Gentechnikgesetz zuzuordnen, Wissenschaftler laufen dagegen Sturm.

Der Grain Club in Berlin hat im Auftrag von 16 Verbänden am Montag eine Diskussionsreihe gestartet, um mit allen Beteiligten und Interessenten ins Gespräch zu kommen. Züchter, Landwirte, Händler und der Lebensmittelhandel wollen Transparenz bei der Idee, mehr nachhaltige Landwirtschaft mit den neuen Züchtungstechniken zu erreichen.

Klare Regularien

Das Urteil des EuGH ist für Dr. Sabine Jülicher von der Generaldirektion Sante der EU-Kommission keine Überraschung gewesen. Wie viele Elemente in der Landwirtschaft, sind Pflanzenschutzmittel und Zusatzstoffe einem Rechtsrahmen und festen Regularien unterworfen. Es gebe viele Erwartungen an die Genom-Editierung und die Wissenschaftler sind sicher enttäuscht über den Ausgang. Aber es gebe auch ein Interesse der Kommission, einen möglichst großen Instrumentenkoffer für die künftigen Herausforderungen zur Verfügung zu haben. Ob das Genom-Editierung dazu zählt, wird eine Studie zeigen, die im April 2021 veröffentlicht wird. Das Thema polarisiere zwischen den Mitgliedsstaaten und Interessensverbänden. Der Blick auf die europäischen und nationalen Forschungsprogramme zeige ein hohes Forschungsinteresse an CRISP/Cas9.

Friedliche Koexistenz

„Die ersten Pflanzen für das Projekt Pilton stehen bereits im Gewächshaus“, berichtete Dr. Jon Falk, Geschäftsführer der Biotec GmbH von der Saaten-Union. Die Stoßrichtung des Projektes ist interessant, bekannte der Schweizer Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Urs Niggli, der mittlerweile sein eigenes Institute of Sustainable Food & Farming Systems leitet. Die Züchtungstechnologie gehöre zur nachhaltigen Landwirtschaft, aber nachgeordnet. Die Agrarökologie stelle einen umfassenderen Ansatz für die Beurteilung der Technologie dar. Die konventionelle Landbewirtschaftung nutze viel Stickstoff und Phosphor, Antibiotika und chemischen Pflanzenschutz. Sie habe sich dadurch von betriebsfremden Stoffen abhängig gemacht. Der Ökolandbau und die integrierte Produktion geben der Pflanzenzüchtung wieder einen höheren Stellenwert, um die Betriebsmittelabhängigkeit zu verringern. Die Klassische Züchtung habe noch Fortschritte offen, die erschlossen werden können: „Ich bin der Meinung beide Wege sollen in einer friedlichen Koexistenz verfolgt werden“, erklärte Niggli. Der pilztolerante Weizen sei ein nachhaltiges Element der Nachhaltigkeit. Aber Niggli will auch die Anbausysteme wieder komplexer machen, um der Krankheitsvorbeugung, wie sie im Ökolandbau vorangestellt ist, mehr Gewicht zu geben. „Da hat die konventionelle Landwirtschaft gravierende Fehler gemacht und wertvolle Biotope innerhalb der Landwirtschaft beseitigt. Das sind Ansätze, die müssen wir dringend verfolgen.“

Die Frage nach der Landbewirtschaftung

„Was sind unsere Nachhaltigkeitszeile, was ist wichtig für uns?“ fragte Jülicher. Die Strategie Farm-to-Fork zeige einen guten Ansatz auf, wie mit neuen Züchtungstechnologien der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduziert werden kann. Und das Pilton-Projekt sei daher geeignet, der Idee ein praktisches Beispiel zur Seite zu stellen. Das funktioniere nach mehrheitlichem Prinzip nur mit Einbeziehung aller Mitgliedsstaaten und Interessensgruppen. „In diesem Umfeld muss man einen Konsens und einen Weg nach vorne finden.“ Die Kommission werde einen Vorschlag machen – aber erst nach Vorstellung der Studie. Kurzfristige Änderungen für eine schnelle Zulassung der neuen Züchtungsmethoden werde es nicht geben, sagte Jülicher.

Eine Chance geben

Jon Falk will mit den neuen Züchtungsmethoden neue Wege gehen. Das Gentechnikgesetz ist in die Jahre gekommen, Wissenschaftler und Züchter haben an Erfahrungen gewonnen und weltweit sei nirgends eines der „worst-case-Szenarien“ eingetroffen, die zu Beginn der grünen Gentechnik an die Wand gemalt wurden. Die Feldzerstörungen hätten auch dazu geführt, dass der Gegenbeweis nie hat angetreten werden können. Dann nütze auch das Gentechnikgesetz nichts, das vor realen Gefahren schützen soll. Pilton wird ohne Freisetzungsversuche nie marktreife Sorten vorlegen können.

Sabine Jülicher versteht die Feldzerstörungen der Vergangenheit als Reaktion, bei denen es vielleicht um enttäuschte Erwartungen gehe. Im Vordergrund stehe nicht das Gentechnik-Regularium. Die gesellschaftliche Komponente werde in der Kommissionstudie mit berücksichtigt.

Mit und ohne fremde Gene

Jülicher hofft, dass das Thema Feldzerstörung durch die Nicht-Nachweisbarkeit beendet wird. Der Verein Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) hatte vor einigen Wochen zusammen mit anderen Organisationen behauptet, ein Verfahren für den Nachweis von CRISPR/Cas9 gefunden zu haben. Die Kommission formuliere noch an einer Antwort an den VLOG. Sofern keine fremden Gene verwendet werden, ist derzeit keine Methode geeignet, die Herkunft der Mutation festzustellen, berichtet Jülicher aus dem Brief vorab.

Auch das Projekt Pilton kommt ohne Fremd-DNS aus. Jon Falk geht es speziell um diese Wege, die künftig den klassischen Kreuzungen mit Selektion gleichgestellt werden sollen. Die Ökoverbände werden nach Niggli mit Züchtungsprotokollen und Zertifikaten das Thema Wahlfreiheit aufrecht halten können. Bei Importen ist nach Jülicher der Importeur in der Verantwortung, auf die Herkunft zu achten. Erst auf der zweiten Ebene sind die Mitgliedsländer mit ihren Kontrollen am Zuge.

Weltweit marktreife GE-Pflanzen

Deutschland und Europa diskutieren. Die Welt dreht sich weiter. Für die erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit verfügbare Züchtungstechnik sind bereits viele Zulassungen in Richtung Markt unterwegs, schreibt der Herausgeber von scienceindustries Switzerland, Jan Lucht, in seinem Newsletter von Ende Oktober. Bereits seit 2018 gibt es in den USA Sojabohnen mit einem ernährungsphysiologisch gesünderen Fettsäuremuster. In einem Übersichtsartikel in der wissenschaftlichen Zeitung „Frontiers in Plant Science“ hat das Julius Kühn-Institut zum Stichtag Juni 2019 insgesamt 140 genomedierte Nutzpflanzen weltweit als „marktorientiert“ eingestuft. Der Großteil der Pflanzen wurde mit CRISPR/Cas9 editiert, gefolgt von aufwändigeren Verfahren wie TALENs oder Zinkfinger. Bei 43 Prozent der Reis-, Tomaten-, Getreide-, Mais- und Kartoffelsorten wurden agronomische Eigenschaften, bei 35 Prozent der Sorten Qualitätseigenschaften verändert. Auf Platz drei stehen mit 23 Prozent Verbesserungen bei Schädlings- und Krankheitstoleranz. Eine Herbizidtoleranz folgt mit lediglich elf Prozent auf Platz vier.

Lesestoff:

Projekt für Landwirte und gegen Vorbehalte: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/mit-pilton-gegen-vorbehalte.html

Roland Krieg

© Herd-und-Hof.de Nutzungswünsche: https://herd-und-hof.de/impressum.html

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