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Konfliktpotenzial Biomasse

Landwirtschaft

Biomasse im internationalen Kontext

Für fünfzig Liter Biodiesel braucht man 232 Kilogramm Mais. Von dieser Menge Mais, der als Biosprit einen SUV vorantreibt, kann sich ein Mensch auch ein ganzes Jahr lang ernähren. Sowohl Staatssekretärin Karin Kortmann aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, als auch Dr. Claudia Ringler vom Internationalen Forschungsinstitut für Ernährungspolitik, bemühten den Vergleich, um auf das Konfliktpotenzial Biomasse hinzuweisen. Kortmann zwingt auf dem sechsten Kongress „Policies against Hunger“, sich mit diesem Vergleich auseinander zu setzen, wenn man sich dem Thema Biomasse als landwirtschaftliche Einkommensquelle zuwendet. In die Biomasse-Euphorie des vergangenen Jahres vermischte sich 2007 öffentliche Skepsis, die das Heilmittel Biomasse als schlimmer erachtet, als die Krankheit, die es kurieren soll.

Zusammenhänge aufdecken
Regenwaldzerstörung, zunehmende Artenarmut, vermehrter Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Mineraldünger sowie Degeneration des Bodens stehen auf der Negativliste der Biomasse ganz oben. Hinzu kommen soziale Effekte, wie Landvertreibung, steigende Lebensmittelpreise und Hungerlöhne auf den Biomasseplantagen.
So steht auf der Berliner Konferenzagenda das Ziel, nachhaltige Politikempfehlungen auszuarbeiten, um Klimaschutz, erneuerbare Energien und Armutsbekämpfung zusammen zu bringen. Der Anbau von erneuerbaren Energien beinhaltet für die Kleinbauern die Chance in Kooperationen neue Absatzmärkte zu erschließen und Einkommen zu generieren, um der Armut zu entkommen.

Nachhaltigkeit auf Inselstaaten
Kleine Inselstaaten sind für ihre wirtschaftliche Entwicklung fast ausschließlich auf den Import von Energie angewiesen. Erdöl nimmt oft den größten Teil der Importe ein. Die Kosten sind andererseits oft die höchsten der Welt, denn die Inselstaaten haben nur einen begrenzten Inlandsmarkt, nutzen meist nur kleine Kraftwerke und haben die höchsten Transportkosten. Gekocht und geheizt wird überwiegend mit Biomasse, die durch die Insellage nur begrenzt zur Verfügung steht.
Kleine WasserkraftanlageDiesen Problemen begegnet die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) mit Energieeffizienz und Verwendung erneuerbarer Energien. Das können Wind- oder Wasserkraft sein, Gezeitenkraftwerke, Biomasse oder Geothermie.
2001 musste die Dominikanische Republik 90 Prozent seiner Energie importieren. Das meiste in Form von Erdöl oder Kohle. Sechs Prozent des Bruttosozialproduktes mussten dafür aufgewandt werden. 350.000 Haushalte haben keinen Zugang zu Elektrizität und sind für die Verwendung von Biomasse prädestiniert. Fehlende politische Rahmenbedingungen, fehlende Beratung und Erfahrung verhinderten aber den nachhaltigen Ansatz. 2003 half die gtz mit dem „Promoting Renewable Energy“ in vier Kernbereichen, erneuerbare Energie bekannt zu machen, einen Fonds bei der Dominikanischen Regierung einzurichten, kleine Wasserkraftwerke aufzubauen und den privaten Sektor zu beteiligen. Bis 2004 wurde daraus ein Nationaler Energieplan mit Steuererleichterungen und festen Einspeisevergütungen.
aus: Key Factor Energy; gtz Sammlung Factsheets, verschiedene Datierung; Foto: gtz

Alexander Müller, Beigeordneter Generaldirektor der FAO führte Wünsche, Erfordernisse und Nöte zusammen, die aus dem weltweiten Anbau von Biomasse entstehen. Wachstum ist weltweit mit steigender Kohlendioxidemission verbunden. Weltweit wollen rund fünf Milliarden Menschen noch dahin, wo Nordamerika und Westeuropa sind. Hier verbraucht der Durchschnittskonsument rund 10.000 kWh Energie, weltweit sind es 3.200 und in den Entwicklungsländern 1.600 kWh pro Jahr. Bis 2050 kommen rund drei Milliarden Menschen hinzu. Das Bevölkerungswachstum wird sich fast ausnahmslos in Entwicklungsländern und in Städten vollziehen. So wird beispielsweise Äthiopien seine Bevölkerung von 80 auf 180 Millionen Menschen mehr als verdoppeln: Bei maximal gleicher Landfläche und Wasserreserven. Zwischen 60 und 80 Prozent mehr an Lebensmittel muss die Welt in einigen Jahrzehnten von ihren Äckern ernten. Und hier soll noch die Biomasse untergebracht werden, um vom fossilen Energieträger Erdöl wegzukommen. Heute liegt der Anteil der Biomasse an der Primärenergie weltweit bei weniger als einem halben Prozent.
Bei aller globaler Betrachtung zeigen sich jedoch erhebliche regionale Unterschiede. Brasilien ist ein sehr großes Land und weist alle Klimazonen auf. Nach Botschafter Luiz Felipe de Seixas Corrêa hat Brasilien noch 80 Mio. Hektar Landreserven. Nur 60 Mio. ha werden ackerbaulich und 200 Mio. ha für die Viehwirtschaft genutzt. Jedes Prozent Bioethanol mehr, dass in die Wirtschaft fließt, schaffe 45.000 neue Arbeitsplätze, womit das aufgelegte Bioethanolprogramm helfe, die Armut auf dem Land zu beseitigen. Die aufgedeckten Fälle von abhängig gehaltenen Menschen, die auf Sojaplantagen für einen Hungerlohn arbeiten, sehe er schon, wehrt sich jedoch gegen den Begriff der Sklaverei: „Die ist in Brasilien abgeschafft!“.

Markt oder Beihilfe?
Als Lösung für die gleichmäßige und gerechte Entwicklung brasilianischer Kooperationen und für die Zuteilung von Land an die Landlosen sieht der Botschafter den freien Welthandel, bei dem beispielsweise die Europäer ihren Zoll auf brasilianisches Biodiesel abschaffen und aufhörten die eigene Biodieselerzeugung zu subventionieren.
Uncharmant ist der Hinweis nicht, denn brasilianischer Biodiesel aus Zuckerrohr ist bereits bei einem Preis von 30 Dollar je Barrel Erdöl wettbewerbsfähig. Biodiesel aus deutschem Raps braucht hingegen einen Erdölpreis von rund 80 Dollar und für die Energiepflanzen der so genannten zweiten Generation wird es nach Alexander Müller erst rentabel, wenn der Preis über 100 Dollar liegt.
Beimischungszwang, Subvention und Zölle sind für Prof. Dr. Stefan Tangermann von der OECD auch die Treiber negativer Auswirkungen auf die Entwicklungsländer. Während in der Agrarpolitik Quoten abgebaut würden, setze man im Bereich der Biomasse neue fest und stimuliere unnötig den Weltmarktpreis.
Trotzdem nahm Prof. Tangermann dem Schreckgespenst Biomasse den Wind aus den Segeln. Die OECD hat die nächsten zehn Jahre der weltweiten Agrarmärkte untersucht und mit der letzten Dekade verglichen.
Die Lebensmittelpreise steigen derzeit nicht, weil sich auf der Nachfrageseite etwas geändert habe, sondern auf der Angebotsseite. Missernten und der Abbau von Überschüsse treibt die Preise nach oben. Aktuell hat die Biomasse nur einen Anteil von rund zehn Prozent an den steigenden Preisen, wird jedoch künftig eine größere Rolle spielen.

Hauptquelle für die Biomassenutzung in der Dominikanischen Republik ist die Bagasse aus der Zuckerproduktion. Allerdings sind die Anlagen für die Strom- und Wärmegewinnung veraltet und erzielen gerade 20 kWh je Tonne. Das reicht lediglich für den Eigenbedarf. Eine Optimierung des Dampfregimes kann 100 kWh/t erzielen, so dass 80 kWh in das Netz exportiert werden könnten. Die sechs Mio. Tonnen Zuckerrohr könnten auf diese Weise rund fünf Prozent des Stromverbrauches decken.
Ein dominikanisch-schwedisch-englisches Konsortium hat Ende 2006 begonnen zwei staatliche Zuckerfabriken umzurüsten und will 15 Mio. t Ethanol als Treibstoffersatz produzieren. Mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von 200 Mio. US-Dollar soll auch der amerikanische Markt bedient werden.
Für die Energiegewinnung stehen noch Bananenstauden, Reisschalen und -blätter zur Verfügung sowie der Hausmüll in den Großstädten, der einen großen Anteil organischer Masse aufweist.
Die hohen Mineralölpreise haben 2005 die Diskussion erneuert, Biodiesel selbst herzustellen. Viele Kleinunternehmen haben begonnen, gebrauchte Öle aus der Lebensmittelindustrie und dem Hotelgewerbe in Biodiesel umzuwandeln.
nach: Energiepolitische Rahmenbedingungen für Strommärkte und erneuerbare Energie; 23 Länderanalyse gtz; September 2007

Hunger ist den Entwicklungsländern nicht eine Ursache fehlender Lebensmittel, sondern ungleicher Verteilung und fehlendem ökonomischen Zugang. So wirken Anbau und Preis erneuerbarer Energien auch nicht über die Verdrängung von Nahrungspflanzen, sondern über die sinkenden verfügbaren Haushaltseinkommen der Menschen in den Entwicklungsländern. Das Ergebnis mag das gleiche sein – aber der Ansatz zur Vermeidung einer Konkurrenzbeziehung ist anders.
Das zeigen auch die Zahlen aus der Studie. Bis 2016 wird die Getreidemenge, aus der Ethanol gewonnen werden wird, von derzeit 40 auf rund 150 Millionen Tonnen steigen. Weltweit werden aber 1.850 Millionen Tonnen Getreide geerntet, von denen rund 1.500 Mio. t auf den Markt gelangen. Ethanolgetreide nimmt also nur rund 10 Prozent der Getreideproduktion ein – allerdings entspricht das in etwa der Menge, die von den Entwicklungsländern 2016 importiert werden müsste.

Lesestoff:
Die Studie der OECD finden Sie unter www.agri-outlook.org.
Die Szenarien der Universität Utrecht finden Sie unter www.bioenergytrade.org

Roland Krieg

[Sie können sich alle Artikel von Herd-und-Hof.de zur Konferenz unter „pah-6“ in der Suche anzeigen lassen. Alle Präsentationen der Vorträge werden demnächst unter www.policies-against-hunger.de veröffentlicht.]

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