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Krustenschinken und Kirschpfeffersauce

Landwirtschaft

Harfenklänge und Heufest zur 14. Brandenburger Landpartie

Was einst an einem Sonntag mit einem Ausflug aufs Land begann, hat sich mittlerweile zu einem zweitägige Event ausgeweitet. Mehr als Der Adler grüßt seine Gäste100.000 Ausflügler aus Brandenburg und Berlin sowie märkische Gäste waren während der Landpartie seitdem zwischen Uckermark und Lausitz, zwischen Elbe und Oder unterwegs. Am kommenden Wochenende bereits zum 14. Mal.
Am 14. Juni eröffnen um 11:00 Uhr Ministerpräsident Matthias Platzeck, Agrarminister Dr. Dietmar Woidke und Jann Jakobs, Bürgermeister der Stadt Potsdam auf dem Obstbetrieb Marquardt in Satzkorn das ereignisreiche Wochenende.

Landeshauptstadt mit Ackernutzung
Vor fünf Jahren wies Potsdam noch 800 ha landwirtschaftliche Nutzfläche auf. Durch Eingemeindungen sind es mittlerweile mehr als 4.600 ha Acker- und Grünöland sowie Obstbaubetriebe. So viel landwirtschaftliche Nutzfläche hart keine andere Landeshauptstadt, sagte Bürgermeister Jann Jakobs am Mittwoch auf dem Obstbaubetrieb Marquardt. Da passt die Brandenburger Landpartie hervorragend zum Themenjahr „Provinz und Metropole“. Potsdam sei ja sowieso „nicht arm an touristischen Attraktivitäten“, so Jakobs, und kann dennoch mittlerweile mit produktiven Betrieben wie in Satzkorn, Fahrland und dem Reitersportzentrum in Uetz neue Facetten anbieten.

Herausspaziert
Die Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau (FÖL) Berlin-Brandenburg lädt besonders auf die 38 teilnehmenden Bio-Betriebe ein. Geschäftsführer (FÖL) Michael Wimmer: „Bio steht ja für die Verbraucher in erster Linie für eine regionale Herkunft und kurze Wege. Da ist es nahe liegend, auch die heimischen Bio-Erzeuger bei der Brandenburger Landpartie kennen zu lernen.“ Die Angebote von der ökologischen Wildtierhaltung bis zum Bio-Kräutergarten sind in dem Landpartie-Katalog ebenfalls vorhanden.

Seit 2005 dient das Integrierte Ländliche Entwicklungskonzept“ (ILEK) auch als Grundlage für die Landeshauptstadt, wobei bereits die Kulturscheune und Schlossbrücken in Marquardt saniert wurden. Für die nächste Grüne Woche bereitet Potsdam eine Präsentation vor.

Krustenschinken mit Kirschpfeffersauce
Speziell für die Brandenburger Landpartie hat Joseph Hajnal, Joseph Hajnal an der KirschpfeffersauceKüchenchef der Fahrländer Mühlenbaude, ein Menü kreiert: Krustenschinken in 14 Kräuter und Gewürze eingelegt, wartet auf Schattenmorellen, die in der Pfanne zusammen mit Zwiebeln, Pfeffer und Fleischsud, Rotwein und Orangensaft vor sich hinbruzzeln. Bis die Mischung aus 14 Kräutern und Gewürzen abgestimmt ist, müsse man viel experimentieren, sagt Hajnal zu Herd-und-Hof.de. Aber dann passt es irgendwann. Auf Entdeckungsreise geht der Koch auch in alten Kochbüchern. Dort hat er ein selbst von Einheimischen vergessenes Rezept für ein leckeres Dessert wieder entdeckt: Fahrländer Apfelgrütze. Joseph Hajnal bietet es den Gästen wieder an: kleine Apfelstücke, angeschmort in Weißwein und Zitrone. Die aufgefüllte Milchcreme ist mit Zimt, Zucker und Eierlikör abgeschmeckt. Sahne und ein Schuss Schokolade krönen das alte, wieder entdeckte Rezept. Mit regionalen Produkten.

Auch Haupterwerbsbetriebe öffnen die Tore
Insgesamt erwarten 245 Gastgeber in über 200 Orten ihre Gäste. 35 Betriebe, wie der Alpaka-Hof Schorfheide in Servest (Barnim) oder der Schwalbenhof Görsdorf in Tauche nehmen erstmals teil. Besucher können nicht nur große Milchviehbetriebe wie in Ranzig besichtigen, sondern auch kleine Familienbetriebe, wie den Milchschafhof Jarick im Kolkwitzer Ortsteil Kackrow im Landkreis Spree-Neiße, der seine Hoffeste mit seinen Kunden aus der Direktvermarktung familiär gestaltet.
Die Berliner Harfenistin Dagmar Flemming führt auf dem Hof Hildebrandt in Freyenstein mit fünf Harfen auf eine musikalische Reise durch acht Jahrhunderte. In Blüthen im Landkreis Prignitz finden die ersten Brandenburger Spinnmeisterschaften statt.

Preise schlimmer als Trockenheit
Das Obstgut Marquardt wurde 1991 neu gegründet und umfasst 107 Hektar, beschäftigt sechs feste und 12 Saison-Arbeitskräfte. Mit über 50 ha nehmen Äpfel den größten Teil der Obstanpflanzungen ein. Es folgen Kirschen (14,2 ha Sauer- und 13,6 ha Süßkirschen und drei Hektar Pflaumen. Neuanpflanzungen für Kirschen und Äpfel umfassen 20 ha.
Betriebsleiter Manfred Kleinert sorgt sich nicht sonderlich um die noch anhaltende Trockenheit. Schlimmer, so sagt er zu Herd-und-Hof.de sind die für Dünger, Pflanzenschutzmittel und Diesel gestiegenen Kosten. Als innovative Einsparungen wurde für eine Apfelintensivanlage eine Tropfbewässerung aufgebaut. Eine Anlage für weitere acht Hektar ist in Planung. Diese Bewässerung führt nicht nur zu effizientem Wassereinsatz, erklärt Kleiner, es geht auch um die gezielte und sparsame Ausbringung von Dünger und Pflanzenschutzmitteln.
95 Prozent der Ernte werden direkt vermarktet. Der Ab-Hof-Verkauf steht dabei an erster Stelle. Äpfel, Kirschen und Pflaumen aus Satzkorn gibt es auch auf Wochenmärkten und in der Selbsternte. Bei einer Anmeldung führen Sachverständige gegen einen geringen Obolus über den Obstlehrpfad.

LandpartieDie Landpartie entwickelt sich immer weiter. Nicht alle Betriebe haben an beiden Tagen geöffnet. Vor allem die produktiven Betriebe müssen bereits für einen Tag einen großen Aufwand betreiben, Gäste zu empfangen und Arbeitspersonal von der täglichen Arbeit zu befreien. Der Landesbauernverband wünscht sich jedoch noch mehr Betriebe aus der Primärproduktion, die ihre Stalltore öffnen und auf die Äcker führen. Gerade angesichts der aktuellen Milchpreisdiskussion bietet die Landpartie die beste Gelegenheit, sich mit den Bauern auszutauschen. Eigentlich wollen die Bauern ihre Sorgen und Nöte, Erlebnisse und Wünsche an die Verbraucher bringen. Aber umgekehrt können die Verbraucher auch die Gelegenheit nutzen, ihr Haushaltsbudget den Landwirten offen zu legen. Agrarminister Dr. Dietmar Woidke: „Der Milchstreik der deutschen Bauern hat viele Menschen daran erinnert, dass Milch und Honig nicht von alleine fließen, sondern harte und ehrliche Arbeit zur Voraussetzung haben, die in den Landwirtschaftsbetrieben 365 Tage im Jahr geleistet wird.“ Die Landpartie durchbricht die Anonymität der Erzeugung und der Produktion, sagte Woidke weiter. Weil viele Kunden ihre Solidarität mit den Milchbauern bezeugten, gibt es am kommenden Wochenende die Gelegenheit einmal nachzufragen, wie viel bei den Bauern auch tatsächlich ankommt.

Regionaler Absatz braucht Affinität
Die Landpartie bringt nicht nur Bauern und Konsumenten ins Gespräch, sondern soll auch die regionale Wirtschaft ankurbeln. Regionale Produkte werden leichter gekauft, wenn Konsumenten bereits eine Affinität zum Produkt, der Landschaft oder gar dem Betriebe haben, erklärt Christian Böttcher, CMA-Beauftragter für Brandenburg. Die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft möchte in ihrer Neuausrichtung die Präsenz bei den Konsumenten deutlicher hervorheben und nahm zum ersten Mal an der Pressepräsentation teil. Unterstützt hat sie die Landpartie schon lange.

Immer mehr Berliner kennen die Brandenburger Produkte „von hier“, dem Regionalitätenstand bei Kaiser´s. Mittlerweile hat sich die Produktpalette von 50 auf 65, die Zahl der teilnehmenden Betriebe von 10 auf 20 erhöht, teilt Dr. Lehmann Herd-und-Hof.de mit. Der Handel ist mit der Entwicklung sehr zufrieden, denn in Berlin soll sich das Projekt besser entwickeln als in München. Gerd Lehmann verrät, dass Hamburg mittlerweile aufmerksam geworden ist und Vergleichbares plant. Vor kurzem gab es ein Fachgespräch der Teilnehmer, um über die Weiterentwicklung der Standards und Aufnahmekriterien zu reden. Im Vordergrund standen Gentechnik und artgerechte Tierhaltung. Mittlerweile ist auch der erste Berliner Betrieb, ein Hersteller für Bio-Mozzarella, dabei. Alle Betriebe haben mittlerweile im Internet eine Visitenkarte hinterlegt: www.vonhier.com

KirschpfeffersauceOffene Türen gibt es bis in den letzten Brandenburger Winkel. Doch der Schwerpunkt liegt in den Regionen, die über die Direktvermarktung bereits bekannt sind und geeignete Infrastrukturen aufgebaut haben, stellt Dr. Gerd Lehmann, Hauptgeschäftsführer von pro agro, dem Verband zur Förderung des ländlichen Raums, fest. In diesem Jahr besuchen die Veranstalter wieder über 100 Betriebe und analysieren, was für das nächste Mal verbessert werden kann. So hat sich die Arbeitsteilung als sehr wichtig erwiesen. Vielfach haben sich Einzelveranstaltungen zu ganzen Dorffesten weiter entwickelt. Dabei verringert sich der Aufwand für die einzelnen Betriebe und sichert auch kleineren Firmen die Teilnahme. Und es gibt eher die Vielfalt des ländlichen Lebens wieder.

Lesestoff:
Sie können sich mit der Broschüre der 14. Brandenburger Landpartie Ihr ganz persönliches Wochenende planen. Das Heft dient mittlerweile den Gästen nicht nur als Planer für die Landpartie, sondern auch gleich als Urlaubsplanung für das ganze Jahr. Die Broschüre gibt es im Internet unter www.landpartie-brandenburg.de. Berliner finden Sie geheftet und kostenfrei im RegioPunkt des Bahnhof Friedrichstraße

Roland Krieg; Fotos: roRo

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