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Los geht´s - Landwirtschaft

Landwirtschaft

DLG-Unternehmertage in Magdeburg

Zwischen Ernte und neuer Bestellung hat die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) zu ihren Unternehmertagen nach Magdeburg geladen. Mit dem Motto „Los geht´s“ soll das neue Handeln in Umbruchzeiten eingeleitet werden.

Mehr Disruption als Evolution

DLG-Präsident Hubertus Paetow blickte kurz in die Vergangenheit. Landwirte sind mit ihren Betrieben immer neuen Herausforderungen ausgesetzt gewesen. Ging es jedoch bis vor einigen Jahren noch meist um produktionstechnische Themen und Marktentwicklungen, hat die Disruption die Landwirtschaft eingeholt. „Mit dem kleinen betriebswirtschaftlichen Besteck“ können die Betriebsinhaber nicht mehr reagieren. „Wir müssen die Radikalität unseres Handelns an die Radikalität der Umbrüche anpassen“, forderte Paetow.

Was meint er damit?

Der Klimawandel ist das beherrschende Thema. Die Reaktionen auf den letzten Bericht des Weltklimarates [1] jedoch zeigten, dass Autoren und mediale Reaktionen auseinander liegen. Die Medien haben die Landwirtschaft mehrheitlich als Verursacher des Klimawandels beschrieben. Die Wissenschaftler des IPCC haben sich eigentlich mehr mit den Folgen des Klimawandels auf die Landwirtschaft auseinandergesetzt. Die „nachhaltige Intensivierung“ als Forderung des IPCC mehr ertrag auf weniger Fläche für mehr Menschen zur Verfügung zu stellen sei die große Herausforderung in der Landwirtschaft. Nach Paetow sind international abgestimmte Maßnahmen notwendig. Der brennende Regenwald in Brasilien hingegen zeige, wie weit die Menschen davon noch entfernt sind.

Dünge-Verordnung

Genervt zeigte sich Paetow von der „never-ending Story“ der Dünge-Verordnung. Die Endlosschleife führt er auf die mangelnde Einigung auf ein gemeinsames Ziel zurück. Technisch und biologisch sind die grundlegenden Zusammenhänge zwischen Düngung und Grundwasserbelastung erforscht. Einige schwarze Schafe bringen aber den ganzen Berufsstand in Verruf. Innovationen können weitere Mittel für eine ordentliche Düngung sein. Paetow stellt sich dabei Echtzeitsensoren für den Grundwasserschutz vor, die an jedem Standort die Auswaschung messen und daraufhin die Düngestrategie ändern. Schon einfachere Maßnahmen würden helfen. Nach Paetow wird noch die Hälfte des Wirtschaftsdüngers in Deutschland breitwürfig ausgebracht. Die Politik könnte mit gezielten Anreizen für moderne Ausbringungstechnik große Effekte erreichen.

Veränderte Gesellschaft

Die schwierigste Aufgabe sei aber die veränderte Einstellung der Gesellschaft zur Landwirtschaft. Die Diskussion um Glyphosat wurde „ohne Rücksicht auf faktische Zusammenhänge“ geführt. Weder wurde auf die Nachhaltigkeit der Produktion, noch auf die Wirtschaftlichkeit geachtet. Die politische Begleitung dieser Kampagnen erhöhen das Risiko, wie das Beispiel der Biogasanlagen zeige. Erst wurden die Anlagen als neues Ackergold gehypt, jetzt werden sie „dem Zeitgeist geopfert“. Für Paetow sind das Folgen, sobald sich die Politik in den Markt einmische.

Den meisten Diskussionen liegen keine Visionen, sondern pure Ablehnung zugrunde. Daraus solle die Branche ihre Lehren ziehen und der Gesellschaft eine „positive Vision“ entgegenstellen. Denn: „Los geht´s!“

Politische Begleitung

Sachsen-Anhalts Landwirtschaftsministerin Prof. Claudia Dalbert (Bündnis 90/Die Grünen)  hört das gern. „Ein „weiter so wie bisher“ sei nicht möglich, ergänzte sie die Rede von Paetow. Vor allem ihr Bundesland hat nach dem Hochwasser 2017 bereits im zweiten Jahr hintereinander eine Dürre zu ertragen. 2018 gab es mit 360 mm Niederschlag einen neuen Allzeitnegativrekord. Der Jahresdurchschnitt liegt bei 550 mm. In diesem Jahr hat es von Juni bis August statt der erwarteten 174 Liter pro Quadratmeter lediglich 115 Liter gegeben. Die Betriebe erwarten Hilfe von der Politik. Dalbert will die Agrarförderung umbauen und beispielsweise die betrieblichen Risiko- und Krisenmanagementsysteme erweitert. Eine Klimaanpassungsstrategie mit einem ausgewogenen Wassermanagement stehen rund um Magdeburg im Fokus der neuen Politik. Erst im Februar hat der Landtag mit dem Handlungsfeld „Land- und Forstwirtschaft / Landnutzung / Ernährung“ eines von insgesamt von Bereichen im Klima- und Energiekonzept Sachsen-Anhalt (KEK) aufgelegt.

Im Juli dieses Jahres hat der Landtag die Düngeverordnung umgesetzt und vor dem Hintergrund der neuerlichen Diskussion mit Brüssel bleibt Dalbert nichts anderes übrig, als bis Ende September auf die Einigung zu warten. Die Ministerin spricht sich für das Verursacherprinzip aus.

Wie bei der Tierhaltung will das Land die Beratung für die Landwirtschaft fördern. Um eine Zielvorgabe für das Bundesland zu haben, hat sie die Diskussion um das Leitbild Landwirtschaft 2030 angestoßen. Allerdings stieg der Landesbauernverband aus der Diskussion frühzeitig aus [2].  „Los geht´s“ versteht die Ministerin als Antwort der Branche auf die neuen gesellschaftlichen Anforderungen.

Wie realistisch ist der Aufbruch?

Andreas Lieke von der LBB Ländliche Betriebsgründungs- und Beratungsgesellschaft mbH aus Göttingen wagte mit einem Blick auf die „Großwetterlage“ eine Einschätzung der gesamten Branche. Am Beispiel eines Milchviehbetriebes hat er über einen Zeitraum von 17 Jahren aufgezeigt, dass die Grundrente zuletzt erstmals unter den Flächenkosten gefallen ist. Die Margen auf den Betrieben sinken. Mit Blick auf die Daten des Situationsberichtes des Deutschen Bauernverbandes konnten im Wirtschaftsjahr 2017/18 nur noch 25 Prozent aller Betriebe Eigenkapital von mehr als 20.000 Euro bilden. Die Verschuldung der Betriebe steigt, sie weisen sowohl „ökologische als auch soziale Defizite“ auf. Die Betriebe können sich Standards oberhalb des gesetzlichen Minimums kaum mehr leisten.  

Bislang konnten Betriebe ihren Kapitaldienst noch über einen Flächenverkauf absichern. Doch mittlerweile sammeln Banken erste Erfahrungen beim Abwickeln von landwirtschaftlichen Betrieben. Ein organisches Betriebswachstum mit sorgsamer Flächenzupacht sei kaum noch möglich. Es mehrten sich die Anzeichen, dass Finanzierungen nicht mehr an eine Grundschuld gebunden sind, sondern an die noch verfügbare Kapitaldienstfähigkeit. „Die Großwetterlage schmeckt nach Strukturwandel“, sagte Lieke.

Dennoch muss es weiter gehen. Die Unternehmer müssen die eigenen Daten exakt analysieren, um Reserven zu heben. Landwirte brauchen neben ökonomischen und ackerbaulichem Knowhow erweiterte Kompetenzen. Dazu zählen die Bereitschaft des lebenslangen Lernens und die Beweglichkeit im Kopf.

Höhere Effizienz in betrieblichen Abläufen, geringere Stückkosten, höhere Löhne zur Sicherung der Facharbeitskräfte und Eigenkapital sind die Werkzeuge für die betriebliche Zukunft.  „Finde Deine Nische“ und arbeite mit der Ernährungswirtschaft zusammen“, lautet Liekes Merkspruch. Aber auch: Viele Betriebe suchen diese Zukunft, doch schaffen es nur noch die 20 Prozent der Besten.

Lesestoff:

[1] Die vergessenen Städte: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/landnutzung-und-klima.html

[2] Umstrittenes Leitbild in Sachsen-Anhalt: https://herd-und-hof.de/landwirtschaft-/umstrittenes-leitbild-landwirtschaft-in-st-fertig.html

Roland Krieg

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