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LSV: „Wir rufen zu Tisch“

Landwirtschaft

Land schafft Verbindung auf und vor der IGW

Motto LSV auf der IGW 2020

Innerhalb von 100 Tagen hat die Graswurzelbewegung „Land schafft Verbindung“ sehr viel Aufmerksamkeit bei Medien und Bürgern erhalten. Die rollende Protestbewegung von Vollzeitlandwirten, die ihre Sorgen ohne Funktionäre selbst in die Hand nehmen, hat der Agrarwende ein weiteres Gesicht hinzugefügt. Am Samstag gibt es erneut eine Bauerndemo in Berlin, auf der IGW haben die Vertreter einen Stand und sich im Vorfeld der Messe den Medien gestellt.

Viel erreicht in kurzer Zeit

Die Organisatoren waren auch auf dem Agrargipfel im Bundeskanzleramt und haben bereits ihr Konzept für eine Zukunftskommission abgegeben. Es wird deutlich, das den Landwirten die Hutschnur geplatzt ist, weil sie innerhalb eines kleiner werdenden ökonomischen Korsetts immer mehr Aufgaben und Auflagen zugesteckt bekommen. Warum sich der Unmut in den Straßen regt und nicht über die Landesbauernverbände kanalisiert, hat sicher auch mit dem Gefühl der Ohnmacht zu tun. Der Weg durch die Institutionen ist lang, die Umsetzung einer Idee länger. Nach den großen Medienerfolg der spontanen Proteste zeigt sich in den Worten der Mitstreiter um Dirk Andresen die Erkenntnis, dass Umsetzung der zweite Teil der Geschichte ist.

Da ist Land schafft Verbindung (LSV) angelangt. Forderungen wie faire Preise, realistische Agrarpolitik, Umgang des Handels mit seinen Lieferanten sind die Allgemeinplätze, die auch andere Demonstrationen vor sich her tragen. „Wir sind die Gesichter der Landwirtschaft“, betont Sebastian Dickow. Die Sympathiewelle der Bürger endet daher nicht an den großen Traktoren, mit denen die Landwirte durch die Städte rollen, sondern an der Authentizität der Protagonisten. Derzeit verdeckt der Rückhalt die Verschiedeneheiten zwischen zwei LSV-Organisationen, den Bewegten um die grünen Kreuze herum und den speziell Ökolandbau fordernden Aktivisten.

LSV-Podium auf der IGW 2020
Malte, Martin Schmidt, Sebastian Dickow, Dirk Andresen und Johanna Mandelkow (v.l.)

Wer ist der LSV?

Dafür geht der Protest tiefer und wird von verschiedenen Gruppen mitgetragen, die auf ihr Signet verzichten. Milchbauern des BDM, Ökobauern, Ackerbauern, Spezialisten und Tierhalter aus ganz Deutschland eint das grundsätzliche Problem, das den Landwirten das Geld für die weitere Existenz ausgeht. Wer lediglich 100.000 Euro in seinen Stall investiert verzichtet ohne besondere Entlohnung fünf Jahre lang auf sein Jahreseinkommen, rechnet Dickow vor. So haben Gesellschaft und Tagesmedien die Bauern noch nie betrachtet. Wer Zwischenfrüchte anbaut, die eine Hälfte mit 20 Kilo Stickstoff pro Hektar andüngt, die andere nicht, sieht schon vor dem Winter, welchen Unterschied das macht und wie erfolgreich der Erosionsschutz und die Nährstofffixierung sein wird.

Agrarpolitik beginnt auf dem Acker

Die zwischen den Bundesländern unterschiedliche Gestaltung des Messnetzes für die Grundwasserbelastung, die zur unterschiedlichen Ausgestaltung der roten Gebiete mit Düngeeinschränkungen führt ist eine Wettbewerbsverzerrung innerhalb Deutschlands. Gerade für den Agrarbereich hat die EU kaum eine Umsetzung eines einheitlichen Binnenmarktes erreicht. So darf in Deutschland der Wirkstoff Cyantraniliprole nicht als Beize für Raps verwendet werden. Aber mit diesem Beizstoff ausgestattetes Saatgut darf ausgesät werden. Also fahren die Saatgutfirmen ihre Ware nach Polen, lassen es dort rechtmäßig beizen und transportieren die Samen wieder zurück.

Solch jahrzehnterlanger Irrsinn war bislang lediglich der Fachpresse bekannt. Jetzt zahlen die Landwirte die Zeche. Sie wollen Insekten schützen, sie wollen sauberes Grundwasser erhalten, wenn sie aber entsprechende Maßnahmen durchführen, bekommen sie über die zweite Säule der Agrarpolitik lediglich eine Aufwandsentschädigung. Der Faktor Arbeit wird nicht entlohnt.

Die Politik hat richtig erkannt, dass Verbraucher höhere Preise kaum bezahlen. Auch im Biobereich weichen sie auf preiswertere Alternativen aus, sobald sie im Supermarkt erhältlich sind. Zusätzliches Geld für neue Aufwände steht aber weder in den Länderparlamenten noch im EU-Haushalt zur Verfügung.

Diese Kernbotschaft soll auf den Demonstrationen vermittelt werden. Das ist auch die Kernbotschaft des Ökolandbaus: Faire, für ein auskömmliches Leben ausreichende Preise. Den Landwirten von LSV ist der Ökolandbau „zu speziell“, wie Dickow es formuliert. Er ist nicht die einzige Lösung, denn auch konventionelle Betriebe können nachhaltig wirtschaften. Es geht hier also nicht um Landwirte, die gegen Landwirte demonstrieren, sondern um Landwirte, die für ein faires Einkommen kämpfen. Die einen haben es zum Teil erreicht, andere stehen vor dem Aus.

Preise können nicht einfach nur erhöht werden. Das Spiel mit der Mehrwertsteuer bleibt zweckungebunden, weiß Dickow. Die Länder müssen mehr als ein Prozent des Bruttosozialeinkommens an Brüssel überweisen und eine sektorbezogene Umlagenfinanzierung könnte die Förderung aus den europäischen und nationalen Fördertöpfen sowie die Zahlungsbereitschaft der Verbraucher sinnvoll ergänzen. Ökonomisch stehen sich die verschiedenen Bauerndemonstrationen näher als auf den flüchtigen Blick vermutet. Der Unterschied: Die Landwirte von LSV wollen die vorhandenen Strukturen nicht umbrechen. Sie sind „Ein Muss, das da ist“, sagte Andresen.  Die regionale Wertschöpfung ist ihnen ein Begriff. Verbraucher könnten über eine regionale Herkunftsbezeichnung abgeholt werden.

Wie geht es weiter?

Einmal im Jahr will LSV in jeder größeren Stadt präsent sein. Wilde Demonstrationen werden aussortiert, um den guten Ruf zu behalten. Dem LSV wird nachgesagt, er habe schon manchen Ort sauberer verlassen, als er vor der Demo war, Seit dem Agrargipfel steht die Bewegung auf dem Umsetzungsprüfstand. Spätestens im März wird mit der Aussaat die Zeit knapp. Jedes Bundesland organisiert sich anders. Manche haben wie der LSV einen Verein gegründet. Ein Berlin-Büro wird es derzeit nicht geben, andere Organisationsformen stehen derzeit nicht auf dem Prüfstand. Ohne Form wird es aber kaum weitergehen. Erst eine Institutionalisierung wird dem Spontanprotest dauerhafte Stimme verschaffen. Und die ist dringend nötig, damit eine ernährungsrelevante und heimische Landbewirtschaftung überhaupt erhalten bleibt.

Roland Krieg, Fotos: roRo

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