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LWS in Afrika braucht Imagewechsel

Landwirtschaft

Mit Trockengemüse aus der Armutsfalle

Francois Lategan von der südafrikanischen Universität Fort Hare bringt es auf den Punkt: Drei Tage lang arbeiten die Konferenzteilnehmer auf verschiedenen Workshops der Nepad-Konferenz in Hamburg, aber nur ein, zudem wenig besuchter, nimmt sich des Themas Landwirtschaft an. Das Missverhältnis steht den politischen Verlautbarungen der Afrikanische Union entgegen, dass die Landwirtschaft der Wirtschaftssektor ist, aus dem heraus die Armut im ländlichen Raum überwunden werden muss.
40 Prozent der afrikanischen Bevölkerung lebt von weniger als einem US-Dollar am Tag, zwei Drittel, 200 Millionen, leben im ländlichen Raum. Trotzdem erzielt der ländliche Raum 40 Prozent des Bruttosozialproduktes, beschreibt Dr. John Purchase, Direktor der Agrarabteilung von Nepad.
Die Weltbank hat noch weitere Zahlen zusammen getragen: Afrika südlich der Sahara ist die einzige Weltregion, in der die Ernteerträge gesunken sind. Gegenüber den asiatischen Berufskollegen erzielen sie nur rund ein Drittel der Ernte je Fläche. Die Mehrheit der afrikanischen Bauern ist weiblich und der Bedarf an Nahrungsmitteln bis 2015 wird mit 100 Milliarden US-Dollar angegeben. Doppelt so viel, wie noch 2000.
Die Landwirtschaft habe in Afrika jedoch ein schlechtes Image, weil sie noch zu oft mit den Farmen aus der Kolonialzeit in Vebindung gebracht werde.

Handelschancen rund um Alice
Fort Hare ist die Agraruniversität in der Provinz Eastern Cape in Südafrika. Gleich neben der kleinen Stadt Alice gelegen. Während der Apartheid wurden hier großräumig die Ärmsten angesiedelt und bewirtschaften auf großen kommunalen Grasflächen lediglich das nötigste. Rund sechs Millionen Menschen leben in der 1994 gegründeten Provinz. Handel gibt es kaum, denn mit einigen Ziegen, wenigen Hühnern, ein bisschen Kohl und Mais produzieren alle Bauern die gleichen Güter, sagt Jan Raats, Dekan der Landwirtschaftlichen Fakultät. Mit sechs Rand am Tag können die Menschen den Tag überleben. 10 Rand wäre die so genannte Brot-Linie, sich ausreichend zu ernähren, 15 Rand reichten für eine Subsistenzwirtschaft aus und mit 20 Rand wäre der Haushalt ausgeglichen. Allerdings hat die Universität nachgerechnet, dass die notwendigen Investitionen rund acht Milliarden Rand umfassen würden, um die Einkommen der Haushalte zunächst erst einmal auf die Brot-Linie zu bringen.
Vergleichbares dürfte auch in den Regionen Afrikas gelten, in denen die Armut weniger konzentriert ist.

Wertschöpfungskette aufgebaut
Das „Ilima-Agri-Park Project“ will in der kleinen Stadt Alice eine komplett neue Ökonomie aufzubauen, die den Menschen eine Entwicklungschance gibt. „Slice, Cook and Dry“ hieß die Zauberformel und die Menschen in dem Projekt verkaufen jetzt getrocknete Gemüsesuppe.
Drei Geschäftsbereiche wurden eingerichtet. Die erste Kooperative züchtet Samen für Gemüse und Obstbäume. Das Saatgut geht an die zweite Kooperative, die das Gemüse anbaut und an die dritte liefert, die das Gemüse dann schneidet, kocht und dehydriert. Damit hatten die Menschen ein neues Produkt, dass sich mit Gewinn verkaufen lässt.
Alle drei Kooperativen fügen entlang der Produktionskette mehr Wert hinzu. Ein Steuerungskomitee aus Teilnehmern der Kooperativen und der Universität betreut die Liefer- und den Dienstleitungsservice. Alle Geschäftsteile bilden aus. Rückwärts betrachtet, wissen die Züchter über die Verkaufszahlen, was und wie viel Saatgut gebraucht wird und nehmen damit unmittelbar am Marktgeschehen teil.
Jan Raats kennt aber auch die Gefahren des Marktes. So liefert die EU jährlich 300 Tonnen Trockennahrung im Rahmen der HIV/Aids-Hilfe nach Südafrika. Das könnten die Kooperativen in Eastern Cape auch selbst leisten, ist sich Raats sicher.
Eine andere Gefahr sind die Verlockungen der Agrarkonzerne. In Afrika versprechen sie, dass einige wenige Bauern mit entsprechendem Saatgut ausgestattet, viel mehr Menschen ernähren können. An den anderen Bauern geht die Entwicklung dann vorbei. Das Thema wird ernst genommen, aber: Nach Francois Lategan funktioniert der Kommunikationsprozess im Agrarbereich noch nicht so, dass alle Betroffenen erreicht werden. Dann würden sie anders entscheiden.

Ohne Handel keine Entwicklung
Afrika stellt 10 Prozent der Weltbevölkerung, hält aber nur zwei Prozent Anteil am Welthandel. Der Marktzugang das größte Problem, so für Dr. Purchase. Aber es wird nicht leichter, denn er bemerkt das sich in Afrika ausbreitende „Supermarkt-Phänomen“. Mittlerweile dringen auch in Afrika die großen Supermärkte vor und setzen ihre Standards bei den Lieferanten durch. Über Rückverfolgbarkeit und Standards der WTO, ISO 9000 und Tiergesundheit werden große und einheitliche Produkte gewünscht, die regional die traditionellen Marken verdrängen. Und mit ihnen geht auch die einheimische Wertschöpfungskette. Dr. Purchase glaubt, dass diese Entwicklung die Ausbreitung der intensiven Agrikultur forciert.
Hingegen müssen die informellen Märkte der Klein- und Kleinstbauern ohne Standards auskommen, weil diese sich die Zertifizierungen nicht leisten können. Um notwendige Kooperativen aufzubauen, fehlt es vielerorts allerdings an Institutionen.
Dr. Purchase sieht in der gegenwärtigen Preiskrise der Lebensmittel eine Chance. Sie kann den Ländern helfen, ihre Agrarstruktur zu überdenken und neu zu definieren. Zugang zu Kapital, Technologie und Markt machen bereits 90 Prozent der Entwicklung aus.

Wissen schaffen
Für Jan Raats ist Entwicklung meist nur noch eine „Papierwelt“ und hat mit der Realität nicht mehr viel zu tun. Damit das Ilima-Agri-Park Projekt nicht alleine bleibt, wünscht er sich eine Vernetzung der wissenschaftlichen Akademien in Afrika. Mit Hilfe von erfolgreichen Beispielen können die Länder von einander lernen. Geoff Rothschild, einer der Direktoren von Nepad, sieht darin eine zukünftige Aufgabe der Organisation.
In den letzten Jahrzehnten hat jedoch viel Wissen den Kontinent verlassen: Die Personen, die das Problem am besten kennen, sind nicht dort, heißt es.
Was Dr. Jakobeit als Resümee fünf Jahre nach Gründung der Nepad schrieb, gilt noch heute: „Die Herausforderungen für Nepad werden in den nächsten Jahren darin bestehen, den Vorwurf des „Eliteprojekts“ weiter zu entkräften und die afrikanische Zivilgesellschaft umfassend in die Selbstüberwachung und die Beobachtung der politischen wie der sozialökonomischen Parameter einzubeziehen.“ Der Wille ist in Hamburg spürbar gewesen.

Lesestoff:
Nepad mit seinen Dokumenten können Sie unter www.nepad.org, den Business-Gipfel unter www.eabs.info besuchen.
Die Universität Fort Hare hat die Internetadresse www.ufh.ac.za
Jakobeit, Cord: Fünf Jahre Nepad, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 32-33 (2006); Hrsg: Bundeszentrale für politische Bildung (www.bpb.de)
Im Sommer 2007 wurde in Berlin darüber diskutiert, wie Entwicklungshilfe effizienter gestaltet werden kann. Mehr finden Sie hier.
Auf der BioFach 2008 war der Organic Africa Pavillon im Fokus der Länderausstellung.

Roland Krieg

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