Menü

MeLa: Die Stimmung kippt

Landwirtschaft

MeLa: Mehr als nur grüne Kreuze

René Rempt

Am 04. September bekam Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner ein neues Etikett. Galt sie bis dahin als Agrarlobbyistin, wurde sie schlagartig zu einer Umweltlobbyistin. Das neue Abzeichen wurde ihr vom Bundeskabinett zugetragen, wo sie zusammen mit ihrer Koalitionspartnerin Svenja Schulze aus dem Umweltministerium das so genannte Landwirtschaftspaket geknüpft hatte.

Schon am darauffolgenden Montag stellten Landwirte grüne Kreuze auf ihre Felder. René Rempt brachte eins zum Landesbauerntag in Mühlengeez auf die Mecklenburgische Landwirtschaftsausstellung (MeLa) mit. Während der Milchkrise vor zehn hat Rempt seine Kühe abgegeben. 2017 begann er mit einer Mutterkuhhaltung, die es ohne Querfinanzierung aus dem Ackerbau heute nicht mehr geben würde. Jetzt will die Bundesregierung Pflanzenschutzmittel in Schutzgebieten ganz verbieten. So steht es im Paket. Das ist schlimmer als das Ende des Wirkstoffs Glyphosat. Wir Bauern machen alle Maßnahmen für mehr Biodiversität mit, sagt Rempt zur Vieh und Fleisch Handelszeitung. Aber wir wollen nicht nur einen Ausgleich, der gerade die Kosten deckt, wir wollen von dem Geld auch leben, fährt er fort.

Wirtschaftich geht es den Betrieben schlecht. Nach dem Dürrejahr sind regional wieder Ernteausfälle zu beklagen, die Milchpreise sind nach Landesbauernpräsident Detlef Kurreck „wieder in einer Delle. Die Milchbauern sind erschöpft.“ Doch was Dünge-Verordnung und Landwirtschaftspaket „fern von Guter Fachlicher Praxis“ erzwingen, bedroht die Existenz. Die Landwirte hätten jahrelang gewarnt, Dialoge angeboten, aber wurden nie gehört. Die Nutzung von Pflanzenschutzmitteln in Schutzgebieten wurde den Landwirten versprochen.

„Aber“, so räumt Landwirtschaftsminister Till Backhaus in Mecklenburg –Vorpommern ein, „nur unter dem Hinweis des Verschlechterungsverbots.“ Die Artenvielfalt in den Schutzgebieten hat abgenommen und die Politik müsse handeln. Das Land hat gerade seine „roten Gebiete“ für die Umsetzung der Dünge-Verordnung ausgewiesen. Es sind nur 20 Prozent der Landesfläche. Das zeige, wie viele Betriebe gut wirtschaften. In Nordwest-Mecklenburg sind es aber 80 Prozent. Da sind die Einschnitte bei der Düngung extrem.

Dr. Alfred Herberg vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) vertrat die „grüne Seite“ der Diskussion. „Ich kann den Unmut der Landwirte gut nachvollziehen“, sagte er, „kann aber auch die Analyseergebnisse nicht ignorieren.“ Stickstoff sei ein großes und drängendes Problem, weil der Nährstoff sehr mobil ist. Die Landwirte berechnen ihn in Kilogramm pro Hektar, für sensible Biotope reichen schon deutlich geringere Mengen aus, um das Gleichgewicht zu stören. Pflanzen und vor allem Gräser, die N-Überhänge gut verarbeiten können, verdrängen sensiblen Ackerkräuter. Während Experten das sofort in der Landwirtschaft erkennen, merken die Verbraucher das gar nicht. Wenn die Ackerkräuter weg sind, finden die Bodenbrüter keine Nistmöglichkeiten mehr. Dr. Herberg verteidigt den Umweltschutz. Das BfN habe immer die Auffassung vertreten, dass die Landwirte ausreichend Kompensation für ihre Umweltprogramme brauchen.

Podium MeLa 2019
Detlef Kurreck, Till Backhaus und Alfred Herberg (v.l.)

Die gibt es aber nicht. Warum stoßen die wissenschaftlichen Berichte und die Fakten der Grundwasseranalysen auf taube Ohren in der Branche? Weil ihnen niemand gesagt hat, was auf sie zukommt. Backhaus verwies in der Pressekonferenz auf die Versäumnisse Deutschlands, die Nitratrichtlinie der EU umzusetzen. Dieses Damoklesschwert hängt seit 2012 über Berlin und hat noch immer kein Ende gefunden. Jahrelang sei in Berlin nichts passiert und jetzt müsse mit einem Hauruck-Verfahren alles eingerenkt werden. So laut sich Backhaus über die Union beklagt, so sehr muss er aber auch hinnehmen, dass Julia Klöckner nicht die Union alleine ist. Der Koalitionspartner SPD hat in Berlin bislang auch nichts anderes als eine grüne Kopie auf den Forderungstisch gelegt.

Aber auch der Berufsverband kommt schlecht weg. Nach einem Alternativkonzept für die Düngung gefragt, antwortete Kurreck, die Landwirtschaft brauche keines. Er glaube, dass mit verantwortungsvoller Düngung und Präzisionslandwirtschaft das Problem überhöhter Nitratwerte im Grundwasser zu lösen sei. Von einem schwungvollem Aufbruch mit einem positiven Leitbild, wie es Präsident Hubertus Paetow auf den Unternehmertagen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft formuliert hat, keine Spur.

Schlechte Stimmung auf den Höfen gehört zu Landesbauerntagen dazu. Die MeLa hat aber die Zäsur gezeigt. Nicht nur, dass die Landwirte mit grünen Kreuzen auf sich und ihre Situation aufmerksam machen. Ein ehemaliger Milchviehhalter hat Politik und Verbänden vorgeworfen, die Menschen auf den Höfen zu vergessen. Seine weiteren Ausführungen ließen die starke Sympathie zur AfD erkennen. Das hat den Applaus kaum geschmälert. Politik und Landwirtschaft haben zu viele Jahre Entscheidungen nicht ernst genommen und sind gemeinsam für die Lage auf den Betrieben verantwortlich. Jetzt gibt es keine Anpassungszeit mehr, sondern nur noch Umbruch.

Roland Krieg; Fotos: roRo

Zurück