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Menschen machen Landwirtschaft

Landwirtschaft

Landwirtschaft für die Bauern

Energieintensive Agrarproduktion, subventionierte Überschüsse, Marktverzerrungen in Entwicklungsländern, vernachlässigter ländlicher Raum, Klimawandel und Weltbevölkerung. Am Montag haben die Kampagne „Meine Landwirtschaft“, Slow Food Deutschland und Misereor zwei Bäuerinnen und einen Bauern aus Kenia, den USA und Deutschland Gelegenheit gegeben, ihre Sicht auf die internationale Agrarwirtschaft aus der eigenen Hofperspektive darzulegen. Zielrichtung ist die Abkehr von der industriellen Produktion, die für Sternekoch Thomas Kammeier aus dem Restaurant Hugos (oben) in Berlin nicht die Produkte produziere, die er in seiner Küche verarbeiten will. Das Essen und Politik zusammen gehören unterstrich auch Dr. Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland (mitte): „Essen ist nicht nur etwas individuelles, sondern hoch politisch!“
Auf dem Prüfstand steht die Europäische Agrarpolitik, die mit Handelsliberalisierungen und dem durch Futtermittelimporte induzierten Strukturwandel falsche Anreize gibt. Sowohl für die heimische als auch für die ausländische Landwirtschaft, erläuterte Dr. Volker Kasch, Entwicklungspolitischer Beauftragter von Misereor. Es laufe etwas falsch, wenn für den Schlachter Tönnies die täglich 15.000 geschlachteten Schweine in Weißenfels nicht mehr rentabel sind, unterstreicht Jochen Fritz, Leiter der Kampagne „Meine Landwirtschaft“ (unten). Für Mastanlagen von 60.000 Schweinen mussten 60 Familienbetriebe schließen. Fritz sieht keine Änderung in der laufenden Agrarreform, solange Ausstiegsprämien für Landwirte auf dem Verhandlungstisch liegen. Das zeige, dass die industrielle Landwirtschaft ein Auslaufmodell ist.

Irrsinn Freihandel

Hellen Yego ist Agraringenieurin und bewirtschaftet in Moiben in Kenia eine Farm mit 57 Kühen. Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei drei Hektar und die meisten Nachbarn bauen Mais an und betreiben eine Milchfarm. Die meisten Produkte werden für den Eigenbedarf produziert, doch was übrig ist muss auf dem Markt verkauft werden. Damit erzielen die Menschen ihr Einkommen für Haushaltsgeräte, Bildung und Gesundheit. Die Rohmilch wird an Verarbeiter verkauft, die neben der heimischen Milch auch die Auswahl an Magermilchpulver haben, das aus Europa in den kenianischen Markt gelangt. Weil das oftmals preiswerter als die eigene Rohmilch ist, verlieren die Milchbauern ihren Marktzugang.
Die Gemengelage verschlechtert sich, weil der Maisanbau vom Niederschlag abhängig ist, der auf Grund des Klimawandels seltener und unregelmäßiger eintrifft.
Die Handelsbeziehungen zwischen der EU und Kenia basieren auf einer langen Tradition. Seit der Unabhängigkeit Kenias im Jahr 1963 wurde dem Land eine Handelspräferenz eingeräumt, die nach den Abkommen vom Lomé und Cotonou bis zu den Präferenzen der AKP-Staaten durchgereicht wurde. Nach Hellen Yego ist die Philosophie der Abkommen die Erwartung, dass die Europäer für die Leistung an Entwicklungsgelder auch einen leichteren Marktzugang für sich erwarten.
Da die AKP-Präferenzen nicht WTO-konform sind, werden sie auf absehbare Zeit gegen European Partnership Agreements (EPA) abgelöst [1]. Das würde die Märkte noch mehr verzerren, weswegen Hellen Yego sich in einer Kampagne „Stop EPA“ engagierte, die das Abkommen schon im Jahr 2008 verzögert habe.
Für die kenianischen Bauern gibt es viel zu tun. Der kenianische Familienbetrieb baut Getreide, Hülsenfrüchte und Gemüse an, hält Schafe, Ziegen und Geflügel. Die Arbeit wird zu 75 Prozent von Frauen geleistet, doch das Land gehört den Männern. Yego selbst hat drei Söhne und zwei Töchter. In Kenia bedroht die Realteilung in der Erbfolge das Land durch Aufteilung an die Söhne. Auf lange Sicht gesehen, werden die kleinen Betriebe gegen die Importware nicht bestehen können.

Biolandwirtschaft gegen Subventionswahnsinn

Die Vorfahren von Joe Borgerding kamen 1870 aus Deutschland nach Minnesota. Das unendliche Weideland ist für die Milchkuhhaltung prädestiniert. Joes Vater hatte die Pferde verkauft, damit doppelt so viel Futter für die Milchkühe zur Verfügung, doch vor der Landwirtschaft hat er seinen Sohn gewarnt. 1946 wurde die Farm in Elrosa gekauft und die amerikanische Landwirtschaft war schon auf billige Nahrungsmittel ausgelegt. Die Farmer mussten wachsen oder weichen. Trotzdem übernahm er sie im Jahr 1976 und besitzt derzeit 160 Milchkühe, die sechs Monate im Jahr auf der Weide stehen.
Zwar haben die Bauern in Minnesota zu Beginn mit der Veredlung zu Käse und Butter gutes Geld verdient. Diese wurden in die Ballungszentren Chicago und New York verkauft und der Gewinn wurde für den Ausbau von Städten und Infrastruktur genutzt. Wegen des weiten Weidelandes und den großen Bauernfamilien mit viel qualifiziertem Personal wurde im Mittleren Westen preisgünstig Milch produziert. Bis das Subventionssystem der USA griff und in den kalifornischen, wasserarmen Regionen mit subventioniertem Futter die Milch auf einmal billiger wurde. Diesem Politikwechsel fielen viele Farmen zum Opfer und Joe Borgerding stellte vor zehn Jahren auf die ökologische Milchproduktion um. Das war auch dem Raubbau an der Natur geschuldet, denn Monokulturen und Pflügen am Hang begannen die Bodenfruchtbarkeit zu mindern.
Auf Borgerdings Farm hat der Weidegang den Nährstoffkreislauf wieder geschlossen und er komme ohne Subventionen aus. „Meine Nachbarn hingegen stehen auf der Roten Liste“, prognostiziert er.
Die Aussichten sind trübe. In der letzten Woche passierte die Farm Bill den Senat und wird nach Borgerding auch das Abgeordnetenhaus passieren. Er hat sich der vor drei Jahren gegründeten „Dairy Policy Action Coalition“ angeschlossen, die als Graswurzelbewegung Einfluss auf die amerikanische Agrarpolitik im Milchsektor nehmen will [2]. Über eine Risikoabsicherung der Gewinnmarge werden auch in der neuen Farm Bill die Bauern unterstützt, die subventioniertes Futter einkaufen. Den Farmern auf den Weidegründen nütze diese Politik nichts. Besonders trickreich sind die Subventionskürzungen. In den nächsten zehn Jahren sollen rund 24 Milliarden US-Dollar gestrichen werden. Wer dennoch durch Modernisierung mehr produziert, der muss seinen Überschuss an staatliche Stellen verkaufen, die diesen dann auf dem Weltmarkt absetzen werden.
Aus diesem „Subventionswahnsinn“ ist Joe Borgerding ausgestiegen. Auch sein Bruder, der mit konventioneller Milchproduktion in die Direktvermarktung eingestiegen ist, erzielt ohne Subventionen Gewinne.

Politik für die Großen

Die Sorgen liegen auch vor der Haustür. Johanna Böse-Hartje bewirtschaftet mit ihrer Schwester einen Milchviehbetrieb mit 60 Kühen in Thedinghausen bei Bremen und ist sowohl in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft als auch im Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) aktiv. In Niedersachsen machen hohe Preise für Pacht und Kauf den Bauern zu schaffen. Eine bäuerliche Biogasanlage verwertet die Reststoffe, während für die großen Anlagen extra Energiepflanzen angebaut werden. Das habe mit bäuerlicher Landwirtschaft nichts mehr zu tun. Die Politik nenne es Strukturwandel, sie nennt es Höfesterben. Fördergelder gebe es für große Stallneubauten, die von vornherein so geplant sind, dass sie erweitert werden können, während einem kleinen Betrieb 20.000 Euro für die Modernisierung des Milchstandes verwehrt bleiben. Das Leitbild der Agrarpolitik sind die großen Betriebe, die Bauern zu Lohnempfängern degradieren. So schreibt Wiesenhof seinen Vertragspartnern Stallbau, Futtermittel, Tierauswahl und Schlachttermin vor und übertrage dann auch noch das Betriebsrisiko.
Die Milchbauern seien „die letzte Bastion“ der bäuerlichen Familienbetriebe, doch mittlerweile durch sinkende Milchpreise durch Überangebote auch gefährdet. Böse-Hartje trage nicht die Sorge der Politiker, dass bei einer Mengenregulierung die Molkereien ohne Milch dastünden. Dann aber würden sie einen vollkostendeckenden Milchpreis bezahlen.
Skeptisch ist die Bäuerin gegenüber den Plänen, dass das Marktstrukturgesetz durch eine Agrarorganisationsverordnung ersetzt werden solle. Dann dürfen Bauern ihre Produktion nur noch einmal gegenüber der Handelskonzentration bündeln. Genossenschaftsbauern dürften dann nicht mehr gleichzeitig einer Erzeugergemeinschaft angehören, was einer kalten Enteignung gleich käme.
Johanna Böse-Hartje ist sicher, dass nur die bäuerliche Landwirtschaft durch Einklang mit den natürlichen Ressourcen die Menschen ernähren könne. Das schließe Handel nicht aus, erklärte sie gegenüber Herd-und-Hof.de. Regionalität, die oft mit den Familienbauern verbunden werde, erstrecke sich nicht auf einen „Drei-Kilometer-Radius“. Europa muss die Europäer ernähren. Niemand solle auf nationale Delikatessen verzichten, weswegen auch ein internationaler Handel den Warenaustausch gewährleisten soll [3]. Aber die Handelsbedingungen müssen für alle fair sein. Dazu gehört auch eine ordentliche Kennzeichnung. Alpenmilch mit Milch aus Tschechien gehöre sich nicht.

Wirtschaft darf helfen

Im Bereich der Entwicklungshilfe wird immer mehr auf die private Wirtschaft gesetzt [4]. Die Private-Public-Partnerships sind eigentlich ein alter Hut, erläuterte Dr. Kasch von Misereor gegenüber Herd-und-Hof.de. Gerade die Agrarfirmen sind schon lange auf diesem Gebiet tätig. Bedenklich werde es nur, wenn sich das Bezugssystem ändere. Die Entwicklungshilfe verfolgt noch immer die Perspektive des Betroffenen, doch wenn diese sich auf die Gewinne der Privatwirtschaft verändere, dann laufe sie in die falsche Richtung. Die Deutschen hätten jedoch nicht wie andere Länder die Tradition des Investment in Afrika oder Asien. Die deutschen Firmen handeln lieber mit den dazugehörenden Betriebsmitteln, so Dr. Kasch.

Lesestoff:

Alle Details und die Forderungskataloge an die Politik finden Sie unter www.meine-landwirtschaft.de

Am 25. August beginnt in München der „Good Food March“, der am 19. September vor dem Europäischen Parlament enden wird. Auf dem Weg gibt es zahlreiche Aktionen zum Thema.

[1] Der EU-Handelsausschuss hat gerade eine zweijährige Aussetzung der EPA-Abkommen auch für Kenia vorgeschlagen, weil die Länder noch nicht darauf vorbereitet sind

[2] www.dpac.net

[3] Debatte beim EU-Agrarausschuss: Regionalität ist keine Frage der Kilometer

[4] Gründung der Deutschen Initiative der Agrarwirtschaft und Ernährung in Schwellen- und Entwicklungsländern (DIAE).

Roland Krieg (Fotos: roRo)

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